lupeIm Management gibt schon seit den Neunzigerjahren das sogenannte 360-Grad-Feedback (auch 360°-Review oder 360°-Audit genannt), bei dem meist Führungskräfte und deren konkrete Kompetenzen anhand von Rundum-Befragungen von Kollegen, (Kunden), Vorgesetzten und Mitarbeitern durchleuchtet werden. Dadurch soll Gemauschel auf der Chefetage verhindert und gleichzeitig dem Aspekt mehr Gewicht verliehen werden, dass mangelhafte Mitarbeiter-Motivation fast immer auf Führungsversagen zurückzuführen ist. Das Verfahren ist nicht unumstritten. Denn natürlich könnten Mitarbeiter mit Repressalien rechnen, falls sie sich negativ über ihren Boss äußern. Selbst bei Anonymität bekommt er schließlich mit, dass ihn einiger seiner Untergegeben nicht schätzen. Folglich entsteht leicht das Problem schöngefärbter Aussagen.


Ich persönlich halte von solchen Momentaufnahmen ohnehin nicht allzu viel. Abgesehen von der inhärenten Manipulationsgefahr sind sie eben nur das: ein zeitlich begrenzter Ausschnitt, der trotz aller diagnostischer Raffinessen, niemals die wahren Dimensionen einer Persönlichkeit und ihrer Potenziale abbilden kann. Wäre es anders, dürften diverse Manager, die uns die manchen Wirtschaftsskandal und manche Krise beschert haben, nie so weit gekommen sein. Denn mit Sicherheit wurden auch sie schon einmal oder gar mehrfach professionell durchleuchtet.

Nun las ich neulich einen interessanten Artikel darüber, dass 365 das neue 360 sei. Soll heißen: Dank der Digitalisierung von Lebensläufen und zunehmenden Transparenz von Charaktereigenschaften, etwa bei der Kommunikation im Netz, gefilmten Konferenzen oder Auftritten, ist es möglich, nicht einfach ein einmaliges Rundum-Bild einer Person einzufangen, sondern eines, dass 365 Tage einschließt. Es ist eine Art ewiges Rund-um-die-Uhr-Jahres-Diagramm. Sicher, es wird nicht allzu leicht werden, die so ermittelten Daten in ein ebenso überschaubares Kompetenzzeugnis zu gießen wie bei den längst standartisierten 360-Grad-Feedback. Aber es dürfte ein besseres, umfänglicheres und faireres (vielleicht sogar wahreres) Bild eines Managers oder Mitarbeiters abgeben. In gewisser Weise bilden persönliche Blogs genau so etwas schon heute ab, wenn auch nicht standartisiert (zum Glück).