Der Bewerber staunte nicht schlecht. Denn so hatte er sich das Büro eines Personalchefs nun wirklich nicht vorgestellt: Ein Mannschaftsfoto des MSV Duisburg hing, scheinbar gewollt sichtbar für jeden Besucher, direkt neben dem Schreibtisch. „Duisburg? Da kann das Fanleben manchmal richtig hart sein“, entfuhr es dem Bewerber. „Das können Sie laut sagen“, erwiderte der Gastgeber. „Und was ist Ihr Lieblingsverein?“ –„ Kaiserslautern.“ – „Das gefällt mir. Da sind wir ja derzeit Leidensgenossen im Tabellenkeller.“ Das Eis war gebrochen, das Vorstellungsgespräch drehte sich fortan vor allem um Teamgeist und die Sonderrolle von Stars, die „Unternehmenskultur“ des FC Barcelona und den wirtschaftlichen Erfolg des FC Bayern München. Fast müßig zu erwähnen, dass der Bewerber nicht einmal drei Tage später ein attraktives Jobangebot bekam.
Volkssport ist Fußball schon lange. Doch während die schönste Nebensache der Welt lange Zeit in Akademikerbüros, bei Geschäftsessen und erst Recht in den Vorstandetagen nichts zu suchen hatte, hat sich das Bild grundlegend gewandelt. Small-Talk rund um das runde Leder ist salonfähig geworden, Top-Manager lassen sich gerne in den VIP-Logen der großen Fußballtempel sehen, die längst zu Brutstätten von Geschäftsabschlüssen geworden sind. Ein profundes Fußballwissen oder regelmäßiger Stadionbesuch führen nicht zu Naserümpfen, sondern können – das einleitende Beispiel hat es gezeigt – sogar karrierefördernd sein. Schwere Zeiten also für diejenigen, die den Schalker Kreisel für ein Kinderspielzeug und Maradona für eine spanische Dorfheilige halten. Dabei ist es gar nicht so schwer, beim Fußballtalk im Büro mitreden zu können oder sich auf der Tribüne adäquat zu verhalten.
Elf goldene Regeln machen Sie fit für‘s Fachsimpeln und für’s Stadion:
Über Nacht wird niemand zum Fußballexperten. Dazu gibt es zu viele Zeitgenossen, die sich schon seit frühester Kindheit mit der Materie beschäftigt haben und deswegen unweigerlich einen Kompetenz- und Erfahrungsvorsprung besitzen. Aber schon der kurze montägliche Blick auf die Bundesliga-Tabelle und die Sportseite der Tageszeitung, der regelmäßige Aufruf eines spezialisierten Internet-Portals oder das aufmerksame Verfolgen der Fußball-Berichterstattung in der Tagesschau sichern ein solides Grundlagenwissen. Außerdem empfehlenswert: Die Beteiligung an Tipprunden oder webbasierten Fußball-Managerspielen, die es praktisch in jedem Unternehmen gibt. So lernen Sie die Namen der Bundesligavereine und -akteure spielerisch. Und beim Einstieg helfen fachkundige Kollegen gerne.
Zum Fußball gehören Emotionen. Sich ein Spiel nur wegen der hohen Spielkultur, den taktischen Finessen und ohne Präferenzen für ein Team anzusehen, ist Experten mit Trainerschein oder zumindest mit jahrzehntelanger Erfahrung mit dem runden Leder vorbehalten. Suchen Sie sich daher einen Lieblingsverein. Am einfachsten ist es, auf einen Klub aus der eigenen Heimatregion oder eine Mannschaft zurückzugreifen, die am Arbeitsort besonders populär ist. So ist man in Köln mit dem FC (eigentlich 1. FC Köln) immer auf der sicheren Seite, in Frankfurt ist die dort heimische Eintracht eine Bank, in Berlin verzeichnet Hertha BSC (genannt „die Hertha“ oder auch „die alte Dame) die höchste Anhängergunst. Unverdächtig ist auch, sich für einen der Traditionsvereine wie den Hamburger SV, Schalke 04 oder Borussia Mönchengladbach zu entscheiden.
Auch wenn sich in unserer Gesellschaft nur die wenigsten noch über Seitensprünge oder Kirchenaustritte aufregen: In Fußballkreisen wird der Wechsel des Lieblingsvereins als gravierende Charakterschwäche angesehen, die allenfalls noch in der Phase der Persönlichkeitsbildung vor der Pubertät verziehen wird. Wer sich einmal festgelegt hat, ist dazu verdammt, mit seinem Favoriten in den folgenden Jahrzehnten durch dick und dünn zu gehen. Ein Entrinnen ist nur möglich, wenn der Verein in die Bedeutungslosigkeit jenseits der dritten Liga abstürzt.
Es kommt nicht von ungefähr, dass Carmen Thomas und damit die erste Frau, die das „Aktuelle Sportstudio“ moderierte, über einen falschen Vereinsnamen stolperte. „Schalke 05“ (statt „04“) brachte ihr den Spott der Fernsehnation ein und führte dazu, dass sich die bemitleidenswerte Dame fortan als Buchautorin der Eigenharnbehandlung und dem Umgang mit Leichen zuwandte. Eine sichere Strategie, solche Fettnäpfchen zu umschiffen, ist für Fußball-Laien die Beschränkung auf die Nennung des Ortsnamens des betreffenden Klubs. Mit Leverkusen, Wolfsburg, Dortmund, Nürnberg, Mainz oder Bremen kann jeder etwas anfangen. Diffizil wird es nur im Falle von den in Gelsenkirchen beheimateten Schalkern sowie von Berlin, Hamburg, München und Frankfurt, da diese Städte zwei Profi-Fußballvereine beheimaten. Und weil der Fußballfreund sich ungerne mit langen Formulierungen und Städtenamen aufhält, sind außerdem Mönchengladbach nur als „Gladbach“ und „Kaiserslautern“ als „Lautern“ bekannt. Es soll sogar einfältige Fans gegeben haben, die auf der Fahrt zum Auswärtsspiel vergeblich „Gladbach“ oder „Lautern“ im Autoatlas suchten.
Zugegeben: Die Nationalmannschaft hat schon manches Länderspiel abgeliefert, das dem Fachterminus „Rumpelkick“ vollauf gerecht wird. Ihr deswegen aber die Gefolgschaft zu verweigern, geziemt sich nicht. Man kann über Jogi Löws Taktik wettern, Michael Ballack und Mario Gomez verfluchen, nach außen ist allerdings Loyalität zu den Nationalkickern oberste Bürgerpflicht – vor allem bei Welt- und Europameisterschaften. Erst wenn die Deutschen ausgeschieden sind, sind leise Sympathien für andere Nationen zulässig. Mit den filigranen und erfolgsverwöhnten Brasilianern oder einem schwarzafrikanischen Außenseiterteam macht man dabei nichts falsch. Vorsicht hingegen bei den deutschen Erzrivalen England, Niederlande und Italien: Wer diese Nationen präferiert, muss dafür schon gewichtige Gründe vorweisen, um nicht als Sonderling zu gelten. In Ausnahmefällen und zähneknirschend toleriert werden beispielsweise ein amouröses oder enges verwandtschaftliches Verhältnis in das jeweilige Land.
So schlicht die Fußballregeln auf den ersten Blick sein mögen: Der Teufel steckt im Detail. Viele Aktionen lassen sehr unterschiedliche Beurteilungen zu, die Grenzen zwischen grobem Foulspiel und regelgerechtem Tackling, zwischen absichtlichem und unabsichtlichem Handspiel oder zwischen aktivem und passivem Abseits sind fließend, der Interpretationsspielraum dafür umso höher. Daher können auch Laien sich mit ein wenig Übung an solchen Diskussionen beteiligen, ohne sich mit einer Außenseitermeinung ins Abseits zu manövrieren. Einfach ein paar Mal den selbsternannten Experten auf’s Maul schauen und schon klappt es.
Was für Unternehmenslenker gerne die Politiker sind, sind für Fußballfans die Schiedsrichter. Sie sind die optimalen Sündenböcke. Das Hadern mit der Schiedsrichterleistung mag von Außenstehenden zwar als ebenso ungerecht wie unfein wahrgenommen werden, ist aber bei der Vielzahl der umstrittenen Entscheidungen fast unumgänglich. Ein schlechtes Gewissen gegenüber den Unparteiischen ist übrigens fehl am Platz: Das Honorar eines Bundesligaschiedsrichters pro Partie ist ungefähr so hoch wie das Monatsgehalt eines Berufseinsteigers nach dem Studium – kein schlechtes Schmerzensgeld also.
Fußballfreunde halten es mit der Behandlung von Informationen mit japanischen Managern: Jedes noch so kleine und unwichtige Detail wird aufgenommen, kann es doch irgendwann einmal im Fachgespräch geschickt platziert werden oder zur Erklärung herhalten, warum Spieler X derzeit schlecht spielt oder sich Verein Y angeschlossen hat. Daher können Sie in Fachgesprächen durchaus punkten, wenn Sie eigentlich lieber in der „Gala“ oder der „Bunten“ als dem „Kicker“ blättern. Die vermeintlichen Liebschaften von David Beckham, der Hochzeitsanzug von Michael Ballack oder die Umtriebe von Lothar Matthäus‘ Ex-Frauen stoßen in der Regel auch bei Fußballanhängern ohne Gossip-Affinität auf reges Interesse. Noch wirkungsvoller ist es, einen Bekannten oder Verwandten mit direktem Draht ins Fußballgeschäft vorweisen zu können. Die Entfernung der Beziehung spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Alleine die Aussage „Die Ex-Freundin des Cousins meines Schwagers war mal mit Christoph Metzelder zusammen“ adelt Sie schon zum ernstzunehmenden Gesprächspartner.
„Wir sind Männer und trinken keine Fanta“, hat es Schiedsrichter-Legende Wolf-Dieter Ahlenfelder einmal auf den Punkt gebracht. Der Herr wusste, wovon er spricht. Schließlich pflegte er sich vor dem Spiel mit einigen „Herrengedecken“ (Korn und Pils) in Schwung zu bringen. Das führte dazu, dass er in einer Bundesligapartie in den Siebzigerjahren sichtlich angeheitert bereits nach einer halben Stunde zur Halbzeit pfiff. Fast scheint es so, als würde Ahlenfelder, der seine Schiedsrichter-Karriere 1988 beendete, in den Stadien der Republik noch heute gehuldigt werden. Denn Bier gehört zum Kick, ohne Wenn und Aber. Softgetränke sind Minderjährigen vorbehalten, Weinschorle ist nur unweit der einschlägigen Anbauregionen, beispielsweise in Freiburg oder Kaiserslautern, eine echte Alternative. Abstinenzlern sei zum dezenten Erwerb alkoholfreien Biers geraten. Vorsicht ist bei innerhalb der Zuschauerränge kreisenden Bechern geboten: Da in Stadien der Bierkonsum hoch und der Weg zur Toilette weit ist, enthalten diese Trinkgefäße nicht immer nach dem Reinheitsgebot gebrauten Gerstensaft.
Golfer kennen es: Noch vor dem ersten Abschlag wird unweigerlich das „Du“ angeboten. Da aber nicht wenige Zeitgenossen befürchten, auf diese Weise binnen kürzester Zeit einen ähnlich großen Kreis von Duzfreunden wie der für seine Distanzlosigkeit bekannte Sportmoderator Waldemar Hartmann zu haben, erfreut sich im Golfsport mittlerweile das „Tages-Du“ großer Beliebtheit. Ähnlich ist auch bei Verbrüderungen mit Chef oder Geschäftspartner im Stadion zu verfahren: Gemeinsam die Vereinshymne zu singen oder sich nach dem Siegtreffer in den Armen zu liegen, entspricht durchaus der Stadionetikette. Die gleichen Personen am nächsten Tag mit „High Five“ und ihrem Spitznamen am Besprechungstisch zu begrüßen, ist hingegen nicht ratsam.
„Fußball ist nicht das Wichtigste im Leben… Es ist das Einzige“ – so heißt zwar der Titel eines Buches des Bochumer Fußball-Intelektuellen Ben Redelings und die Präferenz für den einen Fußballverein lässt mitunter mehr Rückschlüsse auf Persönlichkeit und Charakter des Gegenüber zu als Herkunft, Kleidung oder Auto. Doch letztlich sollte Fußball im Geschäftsleben vor allem eines sein: die schönste Nebensache der Welt. Kleine Kappeleien über die Resultate am Wochenende sind erlaubt und beleben das Gesprächs- und Betriebsklima, grobes verbales Foulspiel hingegen nicht. Denn so wird dann sogar Fußball zum Karrierekiller.
Über den Autor:
Ralf Bürkle, 38, studierte Betriebswirtschaftslehre und Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In dieser Zeit arbeitete er außerdem als freier Journalist und Texter. Nach dem Abschluss baute er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Betriebswirtschaftslehre der Universität Mannheim den Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auf und aus. Seit 2006 verantwortet er als Director of Communications & Market Intelligence den Kommunikationsbereich an der Mannheim Business School.
Dieser Artikel wurde für den Leser- und Autoren-Wettbewerb eingereicht. Am Ende des Wettbewerbs entscheidet die unabhängigste und kritischste Jury darüber, welcher Gastbeitrag der beste ist: die Leser.
1. Kommentar
Matt
12.10.09 um 22:03 Uhr
Karriereberatung mit einem Augenzwinkern… ;-) Sehr unterhaltsamer, geistreicher Beitrag.
2. Kommentar
Kristina
12.10.09 um 22:08 Uhr
Sehr interessanter und amüsanter Artikel!
3. Kommentar
Silke
14.10.09 um 09:27 Uhr
Sehr unterhaltsamer Artikel! Ich musste oft schmunzeln.
4. Kommentar
Nadine
15.10.09 um 06:24 Uhr
Toller Artikel! Ich konnte so gut mitfühlen. Bin absolut begeistert und das Lächeln will immer noch nicht aus meinem Gesicht:-)
Ich hoffe nur, dass Cola beim Stadionsbesuch auch OK ist, aber ich bin ja auch eine “Frau” – zumindest bleiben mir dann irgendwelche anderen Assoziationen erspart.
5. Kommentar
Tom
16.10.09 um 11:36 Uhr
Das ist ja mal lustig geschrieben und auch für Experten mit Gewinn zu lesen. Die Bücher von Carmen Thomas kannte ich beispielsweise noch nicht und beim nächsten Bier im Stadion passe ich nun doppelt auf. :-)
6. Kommentar
Thomas O
16.10.09 um 19:01 Uhr
Typisch Ralf Bürkle! Er war mein Dozent an der Berufsakademie Mannheim und schon damals konnte niemand so unterhaltsam, anekdoten- und lehrreich unterrichten. Ein wandelndes Sport-, Geographie- und Namensgedächtnis.
7. Kommentar
Ralf Bürkle
23.10.09 um 12:15 Uhr
Nun ist es an der Zeit, dass ich mich bei den vielen Personen bedanke, die den Beitrag hier so positiv kommentiert haben und mir ihre Stimme gegeben haben. Ich hoffe, ich konnte Ihnen allen etwas Lesevergnügen bereiten.
Natürlich freue ich mich auch über meinen Preis, den freien Banner bis Jahresende. Da ich bekanntermaßen angestellt bin und keine PR in eigener Sache mache(n muss), habe ich diesen Banner Big Brothers Big Sisters Deutschland (www.bbbsd.org), einer tollen und wichtigen Organisation, gespendet. Es würde mich sehr freuen, wenn BBBSD auf diesem Weg den ein oder anderen neuen “Big Brother” oder neue “Big Sisters” gewinnen könnte.
8. Kommentar
Felix Herzbach
11.12.09 um 16:59 Uhr
unglaublich kunstvoll formuliert, auch wenn ich inhaltlich nicht weiter entfernt sein könnte.
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