Den Allen antworten-Button im E-Mail-Programm hat der Teufel höchst persönlich erfunden. Da bin ich ganz sicher. Ich sah seine lachende Fratze als ich sein jüngstes Opfer wurde: Mein Chef bekam einen Themenvorschlag, leitete die Mail an mich weiter und bat um eine Einschätzung. Ich schrieb, dass das Thema den Esprit eines Vierkantholzes und den Nachrichtenwert von Toastbrot habe, und dass der Absender nicht gerade unumstritten sei. Ich schrieb das sehr schnell und voll brennendem Eifer, um drohende Gefahr abzuwehren. Deshalb schrieb ich das damals noch etwas plastischer. Also sehr plastisch. Und nicht nur zu meinem Chef. Die Mail bekamen alle, also auch der Urheber. Mir ist das bis heute sehr peinlich.

Eigentlich allen Menschen geht das so, dass sie irgendwann gewaltig in einen Fettnapf treten, manche sogar mit Anlauf und Ansage. Nunja, Kamikaze kann man auch als Sportart verstehen. Für alle anderen hat Matthias Nöllke – Karrierebibel-Leser kennen ihn aus diesem Interview – gerade ein neues Buch veröffentlicht: “Peinliche Situationen meistern” heißt es und widmet sich diversen Pleiten, Pech und Pannen. Etwa wie man reagiert, wenn man eine Präsentation mit offenem Reißverschluss im Schritt hält, über einen Aktenberg direkt in den Chef stolpert oder beim Businesslunch die Hose des Kunden mit Rotwein anreichert. Peinliche Situationen gibt es im Berufsalltag schließlich zuhauf – aber nur selten gelingt es uns, damit souverän umzugehen.

Aber wussten Sie, dass das Erröten, was viele dabei so fürchten, allenfalls eine Minute dauert und nach 15 Sekunden bereits seinen Höhepunkt erreicht hat? Überhaupt sind die falschesten Reaktionen, die wir in einer peinlichen Situation tun können, entweder eine abgeklärte Coolness zu mimen oder in überbordene Hektik zu verfallen. Fragen, wie: “Hab ich was Falsches gesagt?” oder Ausrufe, wie “Das hab ich wirklich nicht gewusst!” und “Oh nein! Oh nein! machen die Peinlichkeit nur noch schlimmer. Das gilt übrigens auch für den umgekehrten Fall eines falschen Helfers: Der Satz “Das muss Ihnen nicht peinlich sein!” entschärft die Lage keineswegs, spätestens jetzt ist der Fauxpas amtlich.

Zudem steckt Peinlichkeit an. Die ProSieben-Kultserie Stromberg hat das eindrucksvoll gezeigt und dabei gleich einen neuen Ausdruck geprägt: das Fremdschämen. Ja tatsächlich, jemand, der eine entgleiste Situation noch schlimmer macht, nötigt uns eigene Schamgefühle auf. Und wer mag so jemanden schon?

Deshalb gibt es für peinliche Situationen laut Ratgeber-Autor Nöllke nur drei richtige Reaktionen:

  1. Durchatmen und nichts sagen. Noch nicht einmal, wenn der andere tobt, weil wir ihn brüskiert oder beleidigt haben, sollten wir sofort etwas sagen. Jede Erklärung, jede Rechtfertigung erhöht unmittelbar die Peinlichkeit. Das heißt nicht, dass man die Lage später nicht bereinigen, sich entschuldigen oder um Verstsändnis bitten sollte. Nur nicht sofort. Erst einmal gilt es sich zu sammeln, die Souveränität zurück zu gewinnen und die “Welle der Peinlichkeit abebben zu lassen”. Selbst wenn Sie dumm gestolpert sind, machen Sie sich bitte nicht zum Clown! Selbstironie im Übermaß lässt Sie nur wie eine Witzfigur aussehen. Und womöglich ist den anderen ja auch gar nichts aufgefallen. Dumm, wenn man dann alle noch darauf hinweist.
  2. Zeigen Sie sich peinlich berührt. Klar, würden Sie sich jetzt am liebsten verkriechen, aber Sie geben so nur ein jämmerliches Bild ab. Und jetzt den Coolen zu makieren, wirkt reichlich abgebrüht. Mancher wird denken: Dem ist wohl gar nichts peinlich? Nur Menschen ohne Ruf und Gewissen handeln so. Humor wiederum – sonst ein guter Trumpf, um peinliche Situationen zu retten – wirkt manchmal allerdings noch desaströser: Dann etwa, wenn Sie Ihr Gegenüber emotional verletzt, boßgestellt oder etwas sehr Geschmackloses von sich gegeben haben. Dann noch zu scherzen, dokumentiert nur, dass Ihnen das Missgeschick herzlich gleichgültig ist oder Sie Ihr Opfer gar verhöhnen. Also: Sagen Sie ruhig, dass Ihnen das peinlich ist und entschuldigen Sie sich dafür. Punkt.
  3. Bieten Sie Wiedergutmachung an. Sie haben Ihrem Tischnachbarn versehentlich Wein über den Anzug, das Kleid, den Rock geschüttet. Dumm gelaufen, aber ein Klassiker. Ein wahrer Gentleman entschuldigt sich jetzt, ruft den Keller und bittet ihn das Malheur zu beseitigen und mit einem Handtuch auszuhelfen. Und natürlich bietet er sofort an, für sämtliche Reinigungskosten aufzukommen. Wichtig ist dabei vor allem, dass Sie sich nicht rechtfertigen und auch keine Bedingungen stellen. Sie wollen sich schließlich nicht freikaufen, sondern den entstandenen Schaden wirklich ausgleichen. Das gilt auch in dem Fall, dass Sie über jemanden gelästert haben und der das blöderweise mitgehört hat. Allein richtig: sofort schweigen, peinlich berührt sein, entschuldigen und nachher unter vier Augen Wiedergutmachung anbieten.

Kurzum: Ein schönes, knappes Büchlein von gerade mal 130 Seiten und voll mit praktischen Tipps für Fettnapftreter und Gefahrensucher vom Typ Rex Kramer.

Achso: In der obigen Situation habe ich mich später ebenfalls angemessen entschuldigt. Der Absender zeigte Verständnis. Ich bekam trotzdem nie wieder einen Themenvorschlag von ihm. Das finde ich aber überhaupt nicht peinlich, sondern eigentlich richtig gut.