Wer hat mehr Stress: Chefs oder Mitarbeiter? Egal, wenn man fragt, die Antwort lautet sowieso immer: “Natürlich ich!” Je nachdem, ob einer selber Chef oder Untergebener ist – subjektiv spricht er oder sie sich stets den größeren Leistungs- und Leidensdruck zu. Der Psychologe Gary D. Sherman von der Harvard Universität sieht das naturgemäß etwas differenzierter: Er ist der Frage wissenschaftlich nachgegangen und dabei zu einem überraschenden Ergebnis gelangt: Mitarbeiter haben deutlich mehr Stress als ihre Chefs.

Überraschend ist dies deshalb, weil man meinen sollte: Je mehr Verantwortung einer trägt, desto größer der Druck, der auf ihm lastet. Die Studie jedoch deutet eher auf das Gegenteil hin: Ein zufällige Auswahl von 148 Probanden aus dem Großraum Boston – Führungskräfte und einfache Angestellte – füllten Fragebögen aus, gaben an, wie gestresst sie sind oder wie hoch sie den Druck auf der Arbeit einschätzten. Anschließend gaben sie noch eine Speichelprobe ab. Die diente den Forschern dazu, die vorhandene Menge des Stresshormons Cortisol zu messen. Und siehe da: Die Manager klagten nicht nur subjektiv weniger über Stress – ihr Körper schüttete auch objektiv weniger Stresshormone aus.

Das weckte Shermans Interesse und es folgte Studie zwei: Diesmal nur mit Führungskräften – jedoch aus unterschiedlichen Managementebenen. Das Resultat? Praktisch gleich: Je höher die Hierarchieebene, desto entspannter die Manager. Zwar gab es vereinzelte Ausnahmen. Die aber verrieten vielmehr den eigentlichen Grund des unterschiedlichen Stressempfindens: das Gefühl von Kontrolle.

Mehr Kontrolle, weniger Stress

Egal, ob Mitarbeiter oder Führungskraft: Wer das Gefühl hatte seinen Job, seinen Alltag und seine Aufgaben besser selbstbestimmt kontrollieren zu können, empfand weniger Stress oder konnte zumindest mit temporär aufkommendem Druck besser umgehen.

Genau das wirft freilich die klassische Henne-Ei-Frage auf: Sind die Manager so entspannt, weil sie Führungskräfte sind? Oder wurden sie Führungskräfte, weil sie besser mit Stress umgehen konnten als andere?

Ausgerechnet bei der Frage muss Sherman leider passen. Aus seinen Studien lasse sich weder das Eine noch das Andere ableiten. Vermutlich liegt die Wahrheit aber – wie so oft – in der Mitte.