Der jüngste Rummel über die Studie des Dimap-Instituts zum Karrierekiller Internet hat mich veranlasst, das Thema noch gründlicher zu beleuchten als ich es schon regelmäßig in der Rubrik Reputation tue. Kernfragen waren dabei: Wie weit fortgeschritten sind die Online-Recherchen der Personaler? Welche Konsequenzen hat das – insbesondere auf Bewerber und Beschäftigte? Und wie stehen die Manager selbst zu den Sozialen Medien oder dem Personal Branding im Netz? Herausgekommen ist dabei der erste…
Zunächst eine Übersicht: Rund 47 Prozent der deutschen Onliner sind auch Social Networker, also Mitglied in mindestens einem der Netze à la Xing, Facebook, StudiVZ. Das ergab kürzlich eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid. Von den 14- bis 29-Jährigen nutzen sogar 89 Prozent ein Soziales Netzwerk. Anders formuliert: Die Mitglieder haben dort ein Profil, inklusive Foto und persönlicher Daten – und das wiederum weckt Neugier und Begehrlichkeiten:
So nutzt laut der oben schon erwähnten Dimap-Studie bereits jeder Dritte Personaler (28 Prozent) das Internet, um in diesen Netzwerken gezielt Daten über Bewerber auszuspähen. Besonders interessant sind für sie Meinungsäußerungen, private Vorlieben sowie Interessen und Hobbys. Als Hauptquellen (36 Prozent) gelten den Personalern dabei Soziale Netzwerke wie Facebook, StudiVZ oder Twitter. 20 Prozent recherchieren dort regelmäßig, 16 Prozent eher selten. Die Zahlen decken sich in etwa mit einer eigenen Umfrage aus dem Jahr 2008, wonach sogar 34 Prozent der Personaler Kandidaten und deren Lebensläufe online durchleuchten.
In den USA ist diese Entwicklung deutlich weiter: Hier recherchieren bereits 45 Prozent der Arbeitgeber die Lebensläufe und Online-Profile potenzieller Arbeitnehmer. Im vergangenen Jahr waren es noch 22 Prozent (Stand: August 2009, 2600 befragte HR-Manager). Von denen wiederum nutzten 29 Prozent Facebook als Hauptquelle, 26 Prozent durchstöberten LinkedIn, 21 Prozent MySpace, 11 Prozent durchforsteten die Blogs der Kandidaten und 7 Prozent verfolgten die Bewerber auf Twitter. Laut einer anderen US-Umfrage nutzen rund 16 Prozent der Personaler Twitter sogar zur gezielten Kandidatensuche – also nicht nur zum Abgleich von Daten.
Soviel Öffentlichkeit hat auch Nachteile. Laut der Dimap-Studie wurde jeder vierte Bewerber aufgrund der im Netz gefundenen Informationen nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Karrierenachteile brachten vor allem Partyfotos sowie allzu persönliche Inhalte. 43 Prozent der Befragten hielten das für ein Ausschlusskriterium, mehr aber noch abfällige Äußerungen zur Jobsituation (76 Prozent).
In den USA wiederum hatte die moderne Form der HR-Spionage bereits in 34 Prozent der Fälle negative Folgen für die Berufseinsteiger: Sie wurden daraufhin nicht eingestellt oder nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen, insbesondere weil…
Interessant aber auch: 14 Prozent der Personaler siebten Kandidaten aus, weil diese in ihren E-Mails Smileys (auch: Emoticons) verwendeten.
Für die Bewerber heißt das in letzter Konsequenz: Entfernen (oder falls möglich löschen) Sie alle potenziell diskreditieren Bilder, Links oder Namen. Aktualisieren Sie Ihr Profil regelmäßig und achten Sie darauf, dass die dortigen Informationen ein stimmiges und positives Bild von Ihnen zeichnen. Und googeln Sie regelmäßig Ihren Namen, um herauszufinden, weil Webseiten auch ein suchender Personaler zuerst findet. Die sollten dann Ihre volle Aufmerksamkeit bekommen.
Twitter, Facebook & Co. – keine Frage: die sozialen Netzwerke werden noch weiter wachsen. Schon jetzt hat Twitter knapp 7 Millionen Mitglieder, Facebook kommt gar auf über 250 Millionen. 54 Prozent der Fortune 100 Firmen haben einen Twitter-Account, 29 Prozent eine Facebook Fanpage.
Für Deutschland hat PR-COM im August 2009 vergleichbare Zahlen ermittelt, Ergebnis: Von den 30 Dax-Unternehmen verfügen derzeit 22 über Twitter-Accounts. In vielen weiteren Unternehmen wird derzeit darüber diskutiert, bei Twitter ein Profil anzulegen. Das erhöht die Kommunikation auf diesen Medienplattformen – zugleich aber auch deren künftige Bedeutung.
Fakt ist: Die Netze werden zu einem mächtigen Instrument für die Karriere. Positiv wie Negativ. Falsch eingesetzt (siehe Bild links, zur Story bitte jeweils anklicken) können Sie Karrieren abrupt beenden; richtig genutzt (Bild rechts) wiederum enorm bei der Jobsuche helfen:
US-Studien wie die von Proofpoint, einer Internet-Sicherheitsfirma, kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass bereits 17 Prozent der Unternehmen Probleme mit Mitarbeitern und deren Nutzung von Social-Media-Seiten hatten, in 8 Prozent der Fälle kam es dabei gar zu Kündigungen wegen Fehlverhaltens auf Facebook oder LinkedIn. Das entspricht einer Verdopplung gegenüber dem Vorjahr. Ebenfalls bemerkenswert:
Was sich dramatisch anhört, offenbart auf der anderen Seite die bisherige Unbekümmertheit und Ahnungslosigkeit der Unternehmen im Umgang mit den neuen Medien. So hat mehr als ein Drittel der US-Unternehmen bislang keine Social-Media-Richtlinien herausgegeben – und das, obwohl im Rahmen einer Studie 81 Prozent der befragten Manager die Sozialen Netze durchaus als Gefahr für das Unternehmensimage erkannten. Dennoch scheut das Gros Umgangsregeln für Mitarbeiter aufzustellen.
Mehr noch: Einige europäische Unternehmen wählen gar den extremsten Weg und verbieten regelrecht ihren Mitarbeitern Facebook & Co. am Arbeitsplatz zu nutzen. Ebenso in den USA: Hier deuten bereits zwei Studien darauf hin (ScanSafe, American Management Association), dass 76 Prozent (bzw. 71 Prozent) der Unternehmen den Zugang zu Sozialen Netzwerken per IT blockieren.
Aus Großbritannien gibt es dagegen einen gegenläufigen Trend: Hier wurden Beamte von der britischen Regierung in einem 20-seitigen Katalog eher noch dazu ermuntert zu twittern. In den Twitter-Richtlinien heißt es etwa, dass Twitter für amtliche Veröffentlichungen und Informationen aller Art geeignet sei.
Zu all dem gibt es freilich auch eine Kehrseite. So hat die zunehmend Transparenz von Jobkandidaten und Arbeitnehmern durchaus auch Vorteile. Bei jedem vierten Bewerber finden die Personalverantwortlichen heute Informationen, die sie überzeugen und dazu führen, dass der Kandidat bevorzugt eingestellt wird.
Auch hier lohnt wieder der Blick in die USA, wo ebenfalls 18 Prozent der Personaler sagen, dass sie Vorteilhaftes über ihre Bewerber im Netz gefunden haben. Vor allem loben…
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Doch während es sich bei Berufseinsteigern oder HR-Managern zunehmend herumspricht, welche Auswirkungen das Image im Netz hat, zeigen die Führungskräfte in den Unternehmen einen deutlichen Nachholbedarf: Zwei Drittel der Manager (66 Prozent) sind entweder in Sachen Reputationsmanagement völlig ahnungslos oder ignorieren, dass unzufriedene Mitarbeiter das eigene Unternehmen online schlechtreden können. Nur ein Drittel (34 Prozent) kennt Fälle von Angestellten, die im Netz Negatives verbreitet haben.
Die Arglosigkeit steigt offenbar mit der Hierarchie: Während von den Mittelmanagern noch 43 Prozent über imageschädigende Inhalte in Social Networks, Videoportalen oder Beschwerdeforen besorgt sind, sind es auf CEO-Ebene nur noch 21 Prozent, so eine Umfrage („Risky Business: Reputations Online“, pdf) von Weber Shandwick in Zusammenarbeit mit der Economist Intelligence Unit unter 703 Führungskräften aus über 20 Branchen. Und bisher unternehmen die Befragten kaum etwas dagegen. Das Gros nutzt die Informationen im Netz vorrangig zum Auskundschaften des Wettbewerbs (64 Prozent), zum Einholen von Kundenfeedback (63 Prozent) sowie zum Ausloten neuer Jobchancen (60 Prozent) – jedoch nicht zur Reputationspflege.
Eine mögliche Erklärung liefert eine US-Untersuchung, wonach 32 Prozent der Manager sich nicht wohl damit fühlen, sich öffentlich mit ihren Mitarbeitern zu “befreunden”, 33 Prozent möchten dies nicht einmal mit ihren direkten Untergebenen.
Das Bild ist also ambivalent: Ja, die Mitgliedschaft in einem Sozialen Netzwerk kann den Job oder die Karriere kosten – aber nur bei jenen, die dort naiv und ungefiltert alles publizieren, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Für gezielte Markenaufbau- und Reputationstrategien hingegen bieten sich online zahlreiche Chancen, die aufgrund der steigenden Einsatzfreude der Arbeitgeber künftig eher noch zunehmen werden. Bedenklich dagegen ist die unter älteren Managern teilweise noch immer ausgeprägte Verweigerungshaltung (“Was soll ich denn da im Netz?”) oder gar Ahnungslosigkeit im Umgang, die auf Dauer jedoch mehr Nach- als Vorteile für die Unternehmen hat, sodass man davon ausgehen kann, dass diese Haltung immer weiter verschwinden wird.

1. Kommentar
Thomas
28.08.09 um 08:13 Uhr
Als Nutzer Social Networks sollte der Schutz der Privatsphäre Priorität besitzen. Sofern der Nutzer es nicht ausdrücklich bestätigt, besitzt bei Facebook kein unbestätigter Kontakt Zugriff auf sensible Informationen und auch bestätigten Kontakte kann ich den Zugriff limitieren. In beschränkter Form ist dies ebenfalls bei StudiVZ möglich und im Fall von Xing sollte es im Interesse des Arbeitnehmers sein, dass externe Nutzer dessen Profil aufrufen können. Twitter bietet private Accounts und Wordpress ebenfalls. Die Möglichkeiten sind gegeben – aber die Nutzer müssen diese nutzen, so lange diese Informationen als problematisch im Bewerbungsprozess zu betrachten sind.
Gruß
2. Kommentar
50hz
28.08.09 um 11:12 Uhr
Hmm.. Eine umfassende Zusammenfassung des Status Quo. Aber leider fehlt auch hier die Frage der Bewertung des Unternehmenshandelns.
Ich bleibe dabei: Wir brauchen eine Debatte über Privatsphäre im Internet. Ebenso wenig wie ich vor jedem Fenster Gardinen aufhängen möchte, um mich vor aggressiven Spannern zu schützen, möchte ich bei jedem Bild, jedem Text und jedem Tweet im privaten Umfeld über die notwendigen technischen Hürden nachdenken.
Wir werden Personaler kaum am Googlen hinderne können. Doch sie sollten zumindest ein schlechtes Gewissen beim Durchklicken von Partyfotos haben. Statt dessen gestatten wir ihnen, auch noch damit in Umfragen zu prahlen.
3. Kommentar
Frank Kemper
28.08.09 um 12:18 Uhr
Wenn ich solche Reports lese, dann drängt sich mir oft der Eindruck auf, Personaler würden ihre Aufgabe nahezu ausschließlich darin sehen, Gründe dafür zu finden, warum sie sich mit einem Bewerber nicht näher auseinandersetzen müssen. Bei den Berwerbungsverfahren, bei denen ich bislang auf der auswertenden Seite war, zeiget sich anhand der Papierform oft recht schnell, dass von ihren Qualifikationen her nur sehr wenige der Bewerber überhaupt infrage kamen. Und bei der Auswahl ist man dann ganz froh, wenn man die nicht noch weiter auf null reduziert – denn dann war die Stellenanzeige vergebens. Man muss sich fragen, ob es nicht auch ein wenig dreist ist, für einen Job, von dessen Gehalt man in einer Großstadt kaum leben kann, Leute zu suchen, die jung, schön, universell ausgebildet, polyglott und mehrsprachig sind – und die über keinerlei sichtbare Persönlichkeit im Internet verfügen.
4. Kommentar
Jochen Mai
28.08.09 um 12:27 Uhr
@Frank: Das liegt, denke ich, zum Teil auch an der aktuellen Situation auf dem Arbeitsmarkt: Es gibt mehr Bewerber als Stellen. Entsprechend wird gründlicher gesiebt.
5. Kommentar
Christopher Stanik
28.08.09 um 14:15 Uhr
Es wird gründlicher gesiebt, weil die Unternehmen zu viele inkompetente oder zu wenig kompetente Arbeitskräfte in der Vergangenheit aufgenommen haben. Ich denke, dass der Grund dafür in der Tatsache liegt, dass die Unternehmungen zu sehr Effizienz-Orientiert und zu wenig Qualitäts-und-Nachhaltigkeit Orientiert waren. Es wurden zu viele Personen angestellt, deren Kompetenzspektrum zu schmall oder nur für gegenwärtige Aufgaben getrimmt war.
Ich glaube fest daran, dass wenn man in mindestens einem Bereicht sehr kompetent ist und halbwegs intelligent Medien nutzt, ein passender Job auch gefunden werden kann.
Zu viele Bewerber gehen jedoch ahnungslos auf den Arbeitsmarkt zu, sie erwarten sich in dem ersten Job erst so richtig auszubilden. Dafür ist es dann meistens zu spät.
6. Kommentar
Tim A. Bohlen
28.08.09 um 16:18 Uhr
Dabei ist die Sache doch so einfach: Was würden meine Freunde, Bekannte, Familie, Arbeitskollegen, Arbeitgeber denken und fühlen, wenn ich mich ihnen gegenüber so präsentiere, wie ich das im Netz tue? Ist es ein authentisches Abbild dessen, der ich bin? In all seinen Facetten? Denn dazu muss ich dann auch stehen! Anders herum würde es spätestens im Job auffallen, dass mein Eigenbranding nicht so recht mit mir übereinstimmt. Wenn ich die oben stehende Frage mit einem positiven Gefühl beantworten kann, kann ich auch einen Inhalt veröffentlichen. Das gilt für die Fragen, ob die letzte Kneipentour wirklich alle lustig finden oder für Äußerungen zu meiner beruflichen Situation gleichermaßen. Beachtenswert: Jede EINZELaktion steht stellvertretend für den gesamten Menschen. Derjenige, der mich wegen “pikanter” Bilder nicht einstellt, hat vielleicht nicht gesehen, dass ich an anderer Stelle mich für den Weltfrieden einsetze.
7. Kommentar
Michael
31.08.09 um 08:02 Uhr
@Frank: Ich denke, dass ein Auswahlprozess mit der Einstellung “darum pruefe, wer sich ewig bindet” durchaus angebracht ist. Es ist fuer alle Beteiligten besser, vor Abschluss eines Arbeitsvertrages ein klares Bild des Vertragspartners zu haben.
@50Hz: Ein Party-Bild im oeffentlichen Raum von Internet-Foren ist fuer mich genauso privat, wie ein Werbeplakat an einer Litfasssaeule auf dem Neumarkt. Beides betrachte ich ohne schlechtes Gewissen.
Viele Gruesse!
Michael
8. Kommentar
Jochen Mai
31.08.09 um 08:06 Uhr
@MIchael: Finde ich gut, dass sich hier auch ein Personaler zu Wort meldet. Und: Sehe ich genauso. Das Internet ist nicht privat. Was anderes gilt für geschützte Profile in Facebook & Co. Aber auch hier sind die Bereiche Foto oder kurze Erklärzeile immer öffentlich einsehbar. Entsprechend sind sie zu handhaben.
9. Kommentar
Marie L.
04.09.09 um 17:10 Uhr
Es gibt ausserdem noch die Möglichkeit zwei Accounts einzurichten: ich teile meinen privaten und geschäftlichen Kontakten verschiedene Informationen mit, daher kann ich mit meinem offiziellen Namen für entferntere Kontakte auftreten -begrenzt, seriös – mit meinem “Spitznamen” meine privaten Kollegen/Freunde ansprechen – privatere Informationen und evtl. Bilder. Die Personen, die mich nicht kennen, werden auf diese Weise nur die Infos finden, die ich von mir preisgeben möchte.
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