Ein Interview mit Florian Steglich, Redakteur des Produktivitätsblogs Imgriff

FlorianSteglichFlorian Steglich, geboren 1979, ist stellvertretender Chefredakteur des Onlineverlags Blogwerk, der insgesamt sieben Themenblogs betreibt. Steglich lebt in München und hat vorher in Mainz und Leipzig Journalistik sowie Politikwissenschaft studiert. Den Kampf gegen ellenlange Bookmarklisten, überquellende E-Mail-Postfächer und deckenhohe Papierstapel gewinnt er längst nicht immer; sein Schreiben für Imgriff ist daher auch eine Art Kriegsberichterstattung.


Florian, seit knapp zwei Jahren bloggst du nun über Produktivität. Davon kann nicht alles gleich relevant sein. Jetzt mal Tacheles: Was hilft am besten, um persönlich produktiver zu werden?

Das ist so einfach beantwortet wie schwer zu erreichen: Am produktivsten ist man, wenn man etwas erledigen will, was man leidenschaftlich gerne tut. Wer sich also die ganzen kleinen Tricks und Methödchen sparen möchte, der muss das finden, was er wirklich tun will, dann fällt weder das Aufstehen noch das Anfangen schwer. Ich nehme allerdings an, daß du eher Konkretes hören wolltest. Tipps, die bei fast jedem funktionieren, gibt es gar nicht so viele. Einer ist: auch mal etwas nicht machen. Ich finde zum Beispiel den Vorsatz schön, bei jedem gründlichen Durchgehen der To-Do-Liste nach Punkten zu suchen, die man streichen kann.

Läuft man nicht Gefahr, sich selbst auszubeuten, wenn man immer nur versucht, noch produktiver zu werden?

In dieser Frage klingt wieder diese Unterscheidung von Arbeit versus Leben durch. Es geht doch nicht darum, im Beruf zur Maschine zu werden, sondern darum, auf leichteren Füßen das wegzuschaffen, was zu tun ist – ob privat oder beruflich –, damit mehr Zeit fürs Wesentliche bleibt. Sicher, wenn das klappt, kann es passieren, dass man auf den neuen Leerlauf zunächst trotzdem mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen reagiert, aber das gibt sich wieder. Workaholics müssen gegebenenfalls drastischer werden und sich die Freizeit in den Terminkalender eintragen.

Warum fasziniert dich dieses Thema eigentlich so?

Faszination ist wohl ein zu großes Wort dafür. Das gilt erst recht für das sechzigste To-Do-Listen-Tool, das auf den Markt kommt. Aber ein Interesse an solchen Werkzeugen, an klugen Organisationstechniken, schönen Notizbüchern oder daran, wie sich die Arbeitswelt entwickelt, habe ich natürlich. Dazu kommt die Freude am Bloggen und an den Kommentaren der Leser.

Du selbst nutzt für deine Arbeit das Internet. Welche Werkzeuge leisten dir dabei die besten Dienste?

Fürs Bloggen brauche ich nicht mehr als den Firefox, einen RSS-Reader, um die paarhundert Feeds zum Thema zu verarbeiten sowie einen simplen Texteditor wie Writeroom, den ich für längere Texte verwende – nicht zuletzt, weil er auf Zugfahrten so wenig am Akkuleistung saugt. Für die Zusammenarbeit im Team – neben mir schreiben ja regelmäßig vier weitere Autoren für Imgriff – und im Blogwerk-Verlag gibt es eine Handvoll weiterer Werkzeuge. Da möchte ich der Einfachheit halber auf zwei Artikel verweisen, in denen wir diese schon beschrieben haben: In “So arbeiten Blogwerker” und “17 Webtools“, die produktiver machen. Und natürlich leistet mir auch Twitter inzwischen gute Dienste: Alle wichtigen Links bekomme ich mittlerweile dort, weniger via RSS oder Aggregatoren.

Es gibt Arbeitsexperten, die dem klassischen Büro ein baldiges Ende prophezeien. Glaubst du auch, dass das Arbeiten der Zukunft mobiler und flexibler sein wird?

Da bin ich mir ganz sicher. Das Ende des Büros wird das zwar nicht sein, aber es werden deutlich mehr Menschen als bisher von flexiblen Orten aus und zu flexiblen Zeiten arbeiten; nicht nur als Einzelkämpfer, sondern auch innerhalb von Teams. Markus Albers hat dafür in seinem Buch “Morgen komm ich später rein” viele Belege dafür gefunden – auch bei Unternehmen, die man nicht dafür vielleicht für weniger aufgeschlossen hält.

Betrifft diese Entwicklung nicht doch eher Freiberufler als Angestellte?

Es betrifft beide Gruppen, denn Angestellte werden vermehrt die Arbeitsweise von Freiberuflern übernehmen – positive wie negative übrigens. Aber man darf nicht den Fehler machen, diese Veränderungen in ihrer Breite oder Schnelligkeit zu überschätzen. Es gibt selbstverständlich auch weiterhin Berufe, die nicht ortsunabhängig ausgeübt werden können. Fließbandjobs werden nicht verschwinden und der Winzer wird seine Reben auch nicht vom Urlaubsstrand aus schneiden. Und mein Lebensmittelhändler soll bitte auch da bleiben, wo er gerade ist.

Wie könnte dieser Berufsalltag dann konkret aussehen?

Da könnte ich mir jetzt zahlreiche Arbeitstage ausmalen. Es spricht nichts dagegen, künftig mal zwei Monate ans Meer zu ziehen und dort den Laptop aufzuklappen; Telefon- oder Videokonferenzen mit den Kollegen können von dort aus genauso gut geführt werden, je nach Zeitverschiebung mit mehr oder weniger kurzen Nächten. Alle nötigen Dokumente, das CRM, die E-Mails werden ohnehin immer häufiger in der sogenannten Cloud – also online – bereit liegen. Es geht aber auch unglamouröser und günstiger: Statt unter Palmen kann man am offenen Fenster von Zuhause aus arbeiten und etwa parallel die Kinder versorgen.

Droht den Menschen dabei nicht die Vereinsamung?

Das glaube ich nicht. Ich halte wenig von dieser Abgrenzung zwischen echtem und virtuellem Leben. Ich kommuniziere an einem Tag mit einem Dutzend Menschen via Mail und Skype – und via Twitter mit vielen weiteren. Fühle ich mich deshalb einsam? Lache ich weniger als in einem Großraumbüro? Erfahre ich weniger? Lerne ich weniger Leute kennen? Natürlich nicht. Es war im Gegenteil selten so einfach, neue Leute kennenzulernen als mithilfe dieser digitalen Spielzeuge. Abgesehen davon ist ja nicht gesagt, dass alles virtuell stattfinden muß. Regelmäßige Treffen sollte es auch weiterhin geben, das merken wir auch bei Blogwerk.

Welche Techniken müssen die Leute dann beherrschen, um im Job erfolgreich zu sein?

Das kommt auf den Job an. Die Menschen werden aber nicht drumherum kommen, recht flüssig mit dem Internet und seinen Werkzeugen umgehen zu können. Wessen Arbeitstag kaum noch von den Kernzeiten 9 und 5 Uhr bestimmt wird, muss sich zudem selbst Strukturen schaffen.

Welche Rolle spielen dabei aus deiner Sicht die Sozialen Netzwerke via Web oder Mobile?

Ein Soziales Netzwerk wie Facebook wird für die allermeisten Jobs keine Rolle spielen. Ein Soziales Netzwerk wie Twitter dagegen möglicherweise für Menschen aus Medien- und Kommunikationsberufen relevant bleiben. Im Zweifelsfall wird aber etwas eine noch größere Rolle spielen, das wir heute noch gar nicht kennen.