Kennen Sie das? Sie rufen jemanden an, und dessen Sekretärin erklärt Ihnen erst einmal:
„Der Chef ist leider den ganzen Tag in Besprechungen.“
„Können Sie dazu eine kurze Mail schreiben? Wir rufen dann zurück…“
„Jetzt haben Sie ihn gerade verpasst!“
„Ich versuchs mal, können Sie kurz dran bleiben?“
„Wir rufen zurück!“
Alles gelogen. Sie wissen das. Ich weiß das. Und die Sekretärin weiß das sowieso. Trotzdem müssen wir uns den Sermon immer wieder anhören. Denn die Welt will belogen werden. Sechs von zehn Deutschen sind überzeugt, dass sich Ehrlichkeit nicht immer auszahlt. Fast jeder Zweite meint, dass einem die Wahrheitsliebe leicht als Naivität und Dummheit ausgelegt werden könne und weit mehr als jeder Dritte glaubt sogar, dass zur Lüge greifen muss, wer Karriere machen will. Die Lüge gehört zum Alltag wie Zähneputzen oder Stuhlgang.
Durchschnittlich wird der Mensch alle acht Minuten belogen, hat der Psychologe Gerald Jellison von der Universität von South Carolina ermittelt. Während einer zehnminütigen Konversation belügen sich 60 Prozent aller Gesprächspartner bis zu drei Mal. Solche beiläufigen Flunkereien sind den Urhebern im Augenblick der Konversation meist gar nicht bewusst, machen aber fast ein Drittel aller Lügen aus. Der Rest: 41 Prozent der Menschen lügen, um sich Ärger zu ersparen und keine Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen zu müssen, 14 Prozent um sich das Leben zu erleichtern, acht Prozent, um die eigene Beliebtheit zu steigern und sechs Prozent aus purer Faulheit. Mag sein dass der Deutsche sonntags die Wahrhaftigkeit preist und feiert, aber alltags wird geschummelt, erfunden, vernebelt, vertuscht, verfälscht, erstunken und erlogen, dass sich die Balken biegen.
Mein Kollege Uli Schulte-Döinghaus hat in der aktuellen WirtschaftsWoche unseren Ressortaufmacher darüber geschrieben, über das Lügen im Job und anderswo. Schon Bewerber schwindeln, weil sie glauben, dass es im Jobinterview nicht auf Tatsachen ankommt, sondern auf Selbstdarstellung, das Ausreizen von Fakten und die Kunst, bei der Wahrheitsdehnung nicht ertappt zu werden. Denn wer die Realität geschickt umspielt, gilt nicht nur als Schlitzohr, sondern auch als intelligent. Tatsächlich bringt Lügen die grauen Zellen auf Trab. Bestätigt wird das durch ein Experiment des Bielefelder Hirnforschers Hans J. Markowitsch. Er bat Studenten, erst eine wahre Geschichte zu erzählen – danach eine Lügengeschichte. Aber nur während ihm die Probanden einen Bären aufbanden, gab es im hinteren Schädelbereich „ein wahres Neuronengewitter.“
Bis heute treibt das Paradoxon des Epimenides aus Kreta – „Alle Kreter lügen“ – Logiker und Philosophen bis zur Rabulistik. Doch Evolutionspsychologen sind längst davon überzeugt, dass wir nur geworden sind, was wir sind, weil wir im Laufe der Evolution das Lügen perfektioniert haben. „Man kann sagen, dass sich die menschliche Intelligenz an Lügen- und Täuschungsstrategien schärfte“, schreibt der Managementtrainer Günther Beyer in seinem Buch „Der Lüge auf der Spur“.
Heute sind Internet, E-Mails und Telefone geradezu schwindelerregende Medien, wie Befragungen der Unternehmensberatung German Consulting Group ergaben. Danach belügen 63 Prozent der Befragten ihre Geschäftspartner mit Hilfe von SMS. Beliebter sind nur noch E-Mails oder Blackberry-Botschaften, mit denen drei von vier Befragten bluffen. In einem wissenschaftlichen Experiment, dessen Ergebnisse im amerikanischen „Social Justice Research Journal“ publiziert wurden, untersuchten US-Forscher, ob Probanden per E-Mail eher bereit sind zum Lügen als solche, die handschriftlich Botschaften austauschten. Ergebnis: Nahezu alle E-Mailer logen ihre Partner an; von den Briefschreibern waren hingegen nur 64 Prozent zur Unwahrheit bereit. Immerhin.
Lügen gehört zum Spiel mit der Macht. Schon Niccolò Machiavelli gab den Potentaten 1513 auf den Weg: „Auch wird es einem Fürsten nie an guten Gründen fehlen, um seinen Wortbruch zu beschönigen. Denn die Menschen sind so einfältig und gehorchen so sehr dem Eindruck des Augenblicks, dass der, welcher sie hintergeht, stets solche findet, die sich betrügen lassen.“ Das gilt bis heute, wie wohl auch eines der spektakulärsten Lügengespinste der Gegenwart belegt, der wohl teuerste Bluff der Geschichte durch Bernard Madoff. Kosten: rund 50 Milliarden Dollar.
Dabei ist es nicht klug zu lügen. Die Wahrheit sorgt für Klarheit und Konstanz in den Arbeitsbeziehungen. Würden sich Verhandlungspartner nach Strich und Faden belügen, liefen sie nicht nur Gefahr, sich in ihren Unwahrheiten immer weiter zu verstricken, sondern riskierten auch einen wackeligen Abschluss, mit fatalen Folgen: überzogene Preise, unhaltbare Terminzusagen, juristische Auseinandersetzungen, jede Menge Ärger und Ansehensverluste. Doch diese Einsicht ist rar. Noch wird die Wahrheit im Arbeitsalltag aus Nützlichkeit häufig gebeugt. Auch das ist – leider – die Wahrheit.







Gerhard Zirkel
Also ich lüge nicht – niemals! :)
Gerhard Zirkel
gaba
Nach meiner Auffassung haben Lügen tatsächlich kurze Beine. Will heißen: Wer lügt schadet sich selbst am meisten. Vielleicht wäre es für manche “Berufslügner” mitunter hilfreich, darüber nachzudenken, welche Wirkung konstantes Lügen auf Wohlbefinden und Persönlichkeit hat.
Vielen Dank für das interessante Thema, das meine Gedanken angeregt hat.
Liebe Grüße aus dem Isartal,
besser und besser,
Gaba
Torsten Luttmann
Sagt der Lehrling zum Meister:
>> Meister, alle sagen ich lüge!<> Das glaub ich Dir nicht ..<<
In diesem Sinne, Danke für diesen tollen Beitrag!
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