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Kampf um Talente - Runde 2. Jetzt rekrutieren die Vorstände mit. Jedenfalls bei der Allianz und im Rahmen des "New Executive Talent"-Programms des Versicherungskonzerns. Das Ganze ist nicht unbedingt auf der Höhe der Social Media Zeit, eher so im Gewand von 1990, aber vom Ansatz her richtig und ganz im Sinne des legendären GE-Chefs Jack Welch: Der hatte schon in den frühen Neunzigerjahren gefordert: Talentjagd und -management muss Chefsache sein. Denn das wichtigste Kapital eines Unternehmens ist das in den Köpfen der Mitarbeiter. Mal sehen, was hier dahinter steckt...

Employer Branding bei Allianz: Nähe? Welche Nähe?

Also fahndet die Allianz unter dem Slogan "Vorstand sucht Top-Management" nach Top-Talenten - Young Professionals vorwiegend - für verschiedene Führungspositionen im Top-Management. Und die Allianz-Vorstände helfen dabei tatkräftig mit - vor allem vor der Kamera:

Allianz-Vorstand-Burkhard-Keese

In einem rund 2-minütigen Video erklärt zum Beispiel Allianz-Finanzvorstand Burkhard Keese nicht nur, warum er sich als Vorstand für die Aktion stark macht, sondern bemüht auch einige suggestive Bilder, wie etwa den symbolischen leeren roten Sessel neben ihm - der natürlich für das gesuchte Talent bereit steht.

Der bedeutungsschwangere Recruiting-Clip (aus dem die hier gezeigten Ausschnitte stammen) atmet unglaublich viel Pathos und beschwört fleißig die familiäre Nähe, die der Vorstand hier scheinbar anbietet. Und genau das ist das Problem: in Worten, ohne echte Bilder.

Die Idee ist zweifellos richtig: Meint es ein Unternehmen ernst mit dem Kampf um Talente (die alle anderen eben auch haben wollen), müssen auch die Manager auf C-Level kräftig mitkämpfen. Selbst bei einem namhaften Unternehmen an einem attraktiven Standort. Aber mit ein paar inspirierenden Lehrbuchsätzen ist es nicht getan, auch nicht mit dem Versprechen, selbst bei der Auswahl mitzuhelfen und Lebensläufe zu lesen.

Wer das Medium Bewegtbild nutzt, muss die Geschichte vor allem in glaubhaften Bildern erzählen können. Weniger Symbolik, mehr Authentizität. Nicht Talking Heads, sondern gelebtes Management.

Tatsächlich sieht man in dem 2-Minuten-Streifen eine klinisch reine Vorstands-Umgebung, in der zur Not auch eine Operation am offenen Herzen möglich gewesen wäre. Leere Flure überall, vorwärts wie rückwärts, selbst von außen wirkt das Gebäude zwar porentief rein, aber ausgestorben. Und immer redet nur ein Akteur - und dann auch nur zu einem Fragesteller aus dem Off (wenn man mal von gelegentlichen, scheuen Kamerablicken absieht). Menschenleere im Bild. Dazu spricht Keese viel von "Nähe", doch zeigt er die nie - etwa zu den Mitarbeitern und Talenten im Alltag die schon da sind... Gibt es sie womöglich gar nicht?

Bild-Text-Schere nennen Profis das. Und der Laie spürt: Ich sehe hier Employer Fiction...

Vortrag ohne Vorbild

Ich will gar nicht unterstellen, dass es die Vorstände mit ihrem Vorhaben nicht ernst meinen. Im Gegenteil: Nächstes Jahr soll die Aktion vom 21. bis 23. Februar 2014 in einem exklusiven Recruiting‑Wochenende gipfeln, mit einem Kennenlernen zwischen den ausgewählten Kandidaten, Vorständen und weiteren Führungskräften der Allianz. Es wird Vorträge geben, Fallstudien und ein gemeinsames Dinner. Ebenso den obligaten Kaminabend mit dem CEO Markus Rieß.

Das alles erinnert unglaublich an die Recruiting-Events Anfang der Neunziger, über die ich schon für die WirtschaftsWoche seinerzeit ausgiebig berichtet habe: Think-Tank-Besuch in Südfrankreich mit Accenture, Segeln mit McKinsey, Hochschul-Contests mit Bertelsmann, A.T.Kearney und anderen. Und das alles ist schon gut 20 Jahre her. Da frag ich mich dann schon:

  • Ist seitdem nichts mehr in den Personalabteilungen passiert?
  • Wo bitte sind dabei die Innovationen und Innovatoren, die sich "in kein Raster stecken lassen", wie es die Vorstände gebetsmühlenartig betonen?
  • Was ist an einem 20-jährigen Kamingespräch-Format mit Fallstudien-Assessment modern oder außergewöhnlich?
  • Warum sollen sich damit außergewöhnliche Menschen angesprochen fühlen?
  • Und wo bitte bleibt der Mut, einfach mal etwas Neues zu wagen und so als Arbeitgeber wirklich positiv aufzufallen?

Auch das Ergebnis ist eine Art Bild-Text-Schere: Die Idee ist richtig, doch die Ausführung wird dem eigenen Anspruch inhaltlich überhaupt nicht gerecht. Es bleibt ein Vortrag ohne eigenes Vorbild. Dabei hätte hier durchaus die Chance bestanden, Neuland zu betreten ohne seine Seriosität (um die man bei der Allianz sicher sehr bedacht ist) zu verlieren. Naja, hoffentlich war die Aktion gut versichert...

[Bildnachweis: Allianz]