Studenten wird allerlei nachgesagt: Jeden Tag ausschlafen bis Sieben (weil um Acht die Geschäfte schließen), die ganze Woche über Party, Duschen nur sonntags, und kurz der Prüfungszeit wird endlich mal etwas gepaukt und noch mehr über das harte Studium gejammert. Nichts ist süßer als das Unileben – außer vielleicht der Nachtisch in der Mensa.
Das alles sind natürlich Klischees. Haltlos. Belanglos. Respektlos. Kurz: ts. Es gibt sogar Menschen, die glauben derlei Studierende allein anhand ihrer äußeren Erscheinung, ihres Kleidungsstiles erkennen und jeweiligen Fachrichtungen zuordnen zu können. Tststs. Obwohl: Der Gedanke gefällt uns. Deshalb versuchen wir das heute auch einmal. Ganz schonungslos.
So also sind sie, die…
Germanisten
Weil sich der Germanist nur vegetarisch ernährt, ist er zwar schlank, aber blass. Eisenmangel. Kommt vom wenigen Fleisch. Modisch betrachtet scheiden deshalb Pastellfarben komplett aus. Das Modische aber irgendwie auch. Schließlich beschäftigt sich der Denker mit zeitlosen Dichtern, da ist für gustatorischen Firlefanz kein Platz. Die Kleidung besteht daher vorzugsweise aus pragmatischen Cordhosen, Wollpollundern, Strickmützen oder Röcken über Jeanshosen. Allesamt nicht neu und in meist erdigen Tönen, wobei nicht ganz klar ist, ob es sich dabei um die Originalfarbe handelt. Die Gefahr: Mit dem Flecktarn wird man in der Bibliothek leicht übersehen.
Ingenieure
Dem Ingenieur ist nichts zu schör. Außer vielleicht der Umhängetasche, die er stets mit sich schleppt. Natürlich aus alter LKW-Plane. Denn das harmoniert mit dem Baustellengeruch, der dem Ing. in spe latent anhaftet. So eine Mischung aus Staub und Schweiß (vulgo: Mief). Klassisches Outfit: Turnschuhe, Jeans, T-Shirt, Pullover. Kein Gürtel. Der könnte das typische Maurerdekolleté verhindern. Zum Weggehen wird sich abends übrigens nur selten umgezogen, allenfalls wechselt der bunte Pulli mit einem karierten XXXL-Hemd, das lässig aufgeknöpft über Jeans und Shirt getragen wird.
Juristen
Männer: Die Haare streng gescheitelt und gegelt im Zu-Guttenberg-Gedächtnislook. Der Anzug dunkel-adrett (Nadelstreifen), das weiße Hemd gebügelt, oben ohne und offen – so geht’s für den Juristen zur Vorlesung, zum Repititorium, zur Uni-Bibliothek. Vorausgesetzt er findet für das von Daddy finanzierte BMW Cabrio einen Parkplatz vor der Tür. Jurastudentinnen glänzen derweil mit knappen Kostümchen, Perlenohrsteckern, Pumps, und Burberry-Täschchen. Der aufrechte Gang gehört ebenso zur Attitüde wie das leicht nasale Timbre in der Stimme. Wie häufig bei FDP-nahen Gesellen.
Mediziner
Ob Lehrerkind oder aus besserem Haus – zu Unizeiten legt der Mediziner noch viel Wert auf sein Äußeres (später dann nicht mehr so). Zumindest im Grundstudium ist das Polohemd mit aufgestelltem Kragen und mit Kroko Pflicht (Achtung: Verwechslungsgefahr mit dem gemeinen Privathochschul-BWLer). In höheren Semestern wechselt der Look zum Nicht-mehr-Polohemd-dafür-mit-Poloreiter-Shirt (Die Verwechslungsgefahr bleibt), bevor das Hemd total egal wird, weil es unter dem weißen Kittel sowieso keiner sieht. Obwohl die Erscheinung elitär wirkt, wird sie getrübt durch ein flüchtiges Odeur aus Desinfektionsmittel und Leichensüße.
Wirtschaftswissenschaftler
Geltung, Geld, Gel – das ist der Stoff aus dem spätere Chefs geformt werden. Hinzu kommen Laptop, Smartphone und Designer-Aktentasche. Sie schmiegen sich harmonisch an den tailliert geschnittenen Anzug von der Stange (merkt ja keiner) und die braunen Schuhe, die vorne glänzen und hinten abgelaufen sind. Image ist alles, aus Schein wird Sein. Über gefährliches Halbwissen soll das vorlaute Mundwerk hinwegtäuschen, fehlendes Selbstbewusstsein wird durch Arroganz und Ignoranz ersetzt. Softskills in Perfektion. So bekommt man jeden Job.
Theologen
So viel Freundlichkeit kommt einem nur aus einem Hörsaal der Theologen entgegen. Glauben, lieben und leben lassen aus Tradition. Doch die Sünde lauert überall, vor allem im Kleiderschrank: ausgewaschene Hemden, kombiniert mit einer schlichten Stoffhose. Im Winter kommt ein Pulli drüber, Motiv: Schneeflocken. Einziges Accessoire: das Kreuz. Nur ab und an blitzt etwas Rebellion gegenüber der Tradition durch: ein Piercings an Augenbraue, Lippe oder Nasenflügel. Aber das hält allenfalls bis zum dritten Semester. Für einen angehenden Theologen muss sowas dran glauben.
Klischee oder Wahrheit?
Für seine Dissertation (“Soziale Herkunft, Lebensstil und Studienfachwahl: eine Typologie” – 2005 veröffentlicht) hat der Gesellschaftswissenschaftler Markus Schölling 956 Studenten an den Universitäten Wuppertal, Heidelberg, Bochum und Tübingen befragt und aus deren Antworten ein Lebensstilprofil erstellt, um daraus den jeweiligen Fachhabitus der Studienfächer ableiten zu können. Primäres Ziel war, herauszufinden, welche Rolle die soziale Herkunft für die Wahl einer Studienrichtung spielt. Aber auch andere Schlüsse lassen sich daraus ziehen. Etwa, ob die obigen bösen Beschreibungen nicht vielleicht doch einen wahren Kern haben. Ergebnis: Sie haben. Im Interview mit der SZ sagt Schölling:
„In den klassischen Studienfächern bleibt das so.“
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