An diesem Wochenende fand sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein interessanter Artikel über den Umgang von Tieren mit ihren Alphamännchen und -weibchen (hier erhältlich). Autor Cord Riechelmann, der auch selbst Biologie studierte, beschreibt für mehrere Tierarten verschiedene Aspekte des Chefdaseins: Wie ein Chef abgelöst wird, wie er seinen Machtverlust erlebt und was einem Alphatier passieren kann, das zu lange an seiner Position festhält.
Als Ergänzung zu den Erkenntnissen des Artikels liefern wir Ihnen heute einige Denkanstöße dazu, wie sich das menschliche Verhalten im Büro auf die Tierwelt übertragen lässt – und erwähnen auch, wann das umgekehrt möglich ist. Besonders im Fall der Elefantenkühe, welche im letzten Absatz beschrieben werden, zeigen sich nämlich interessante Parallelen zum Menschen.
Schimpansen: The Show must go on
Wie der Primatenforscher Toshisada Nishida vor einigen Jahren auf Video festhalten konnte, geht die Ablösung des Alphamännchens bei Schimpansen sehr lautstark vonstatten: Der „Thronfolger“ schreit bei der Machtergreifung die anderen Tiere an, brüllt in den Himmel und stampft mit Armen und Beinen auf den Boden. Als zusätzlicher Showeffekt schüttelt er an Bäumen und wirft mit Ästen durch die Gegend. Die im Umkreis sitzenden Affen inklusive des alten Chefs schauen sich das Spektakel in Ruhe an und akzeptieren nach einiger Zeit die neue Rolle des Krawallmachers.
Menschen im Büro werden in der Regel auf das Werfen von Ästen und auch auf das Bäumeschütteln verzichten. Doch auch bei uns finden sich Exemplare, die sich über große Gesten und lautes Getöse nach oben arbeiten. Das Umfeld schaut eine Weile gelangweilt zu – und akzeptiert vielleicht sogar irgendwann, dass der Lautsprecher seine Beförderung am Ende tatsächlich erhält. Ein vernünftiger Chef wird jedoch einen Blick hinter die große Show werfen und die tatsächlichen Leistungen bewerten, bevor er einen Schimpansen befördert.
Gorillas: Freundliche Übernahme
Der berühmte Silberrücken hat es in seiner Zeit als Alphamännchen gut: In Haremsgruppen lebt er als einziges Männchen mit mehreren ausgewachsenen Weibchen und einer wechselnden Zahl von Jungtieren zusammen. Aggressiv verhält sich der Gorilla fast ausschließlich gegenüber Feinden; in der Haremsgruppe selbst geht es hingegen sehr harmonisch zu.
Interessant ist bei Gorillas besonders die Ablösung des Silberrückens: Ein Kampf um die Chefrolle ist noch niemals beobachtet worden. Stattdessen wechseln die Weibchen nach einiger Zeit einfach zu einem neuen Gorilla. Der alte „Liebhaber“ schaut sich den Vorgang friedlich an – wohlwissend, dass seine mächtige Zeit wohl vorüber ist. Was man daraus für den Menschen lernen kann, wird besonders deutlich, wenn man sich ergänzend das Verhalten von Pavianen anschaut.
Paviane: Widerstand ist zwecklos
Der US-amerikanische Stressforscher Robert Sapolsky beobachtete während seiner Arbeit mit Steppenpavianen eine besonders grausame Chefvertreibung: Ein Alpha-Pavian, den er Salomon getauft hatte, überzog seine Legislaturperiode trotz körperlicher Gebrechen deutlich. Bis die Gruppe einschritt: Sie jagten, schlugen und bissen den alten Anführer, bis er in eine fremde Gruppe wechselte und dort ein ruhiges Leben in niedrigem Rang verbrachte.
Mit Blick auf das Verhalten von Gorillas muss man sagen, dass es anscheinend nur von Vorteil sein kann, das Ende des eigenen Regiments rechtzeitig zu erkennen und friedlich Platz für einen Nachfolger zu machen. Denn auch, wenn der Chef bei uns Menschen nicht aus dem Büro gejagt wird – ein langwieriges, zwanghaftes Festhalten an der eigenen Machtposition ist Gift für Arbeitsklima, Motivation und Organisation im Unternehmen.
Rotgesichtsmakaken: Die Renten sind sicher
Unterstützt wird die These vom Nutzen eines rechtzeitigen Abtretens vom Verhalten japanischer Rotgesichtsmakaken: Hier ändert sich für ehemalige Alphamännchen recht wenig. Es erfolgt kein Ausschluss aus der Gruppe, und es darf weiterhin an allen gemeinsamen Aktivitäten teilgenommen werden. Anstatt einen herben Machtverlust zu erleiden, gewinnen die alten Chefs als Streitschlichter sogar an Bedeutung – was für ein würdiger Ruhestand!
Elefantenkühe: Wertvolle Erfahrungen
Als einzige Nicht-Affen in unserer Auswahl nehmen Elefanten eine gewisse Sonderstellung ein – zumal es hier nun ausnahmsweise mal um die Damen geht. Elefantenkühe zeigen ein ausgeprägtes Sozialverhalten; sie organisieren beispielsweise ein gemeinsames Betreuungssystem für ihre Jungen. In diesen „Elefantenkindergarten“ werden auch nicht geschlechtsreife Weibchen einbezogen. Diese lernen so frühzeitig, Verantwortung für andere zu übernehmen.
Neben dieser vorbildlichen Frühförderung, die auch vielen Unternehmen gut zu Gesicht stehen würde, ist die Bestimmung der Leitkuh bei Elefanten besonders interessant. Diese wird von der Gruppe nicht wegen Kraft, Stärke oder lautem Getöse akzeptiert, sondern aufgrund ihrer Erfahrung in Gruppenbelangen. Natürlich ist dies ein Sonderfall in der Natur: Elefanten können es sich leisten, weniger starke Tiere zu Anführern zu machen, da sie kaum natürliche Feinde fürchten müssen. Das müssen wir Menschen allerdings auch nicht (mehr). Daher ähnelt sich vielleicht auch unsere Führungswahl: Nicht der stärkste, sondern der fähigste oder erfahrenste Mitarbeiter erhält im Idealfall das Vertrauen der Gruppe.
PS: Robert Sapolsky hat übrigens auch herausgefunden, dass Paviane unabhängig von ihrem Rang weniger Stresshormone produzieren, wenn sie ihre Artgenossen gut behandeln, anstatt sich gewalttätig und unterdrückend zu benehmen. Auch eine wichtige Lektion fürs Büro!







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