Der demographische Wandel in Deutschland ist nicht aufzuhalten: In wenigen Jahren werden nur noch 20 Prozent der Erwerbspersonen unter 30 sein; über die Hälfte ist dann 50 Jahre und älter. Und im Jahre 2030 wird jeder zweite Deutsche älter sein als 50. Eigentlich müssten Unternehmen also in weiser Voraussicht verstärkt auf den Einsatz älterer Mitarbeiter vorbereitet sein. Eigentlich. Denn in der Realität stoßen Arbeitsuchende 50plus häufig auf Ablehnung aufgrund verschiedener Vorurteile.
Was aber steckt überhaupt hinter den weit verbreiteten Mythen über die Leistungsfähigkeit der Silverager? Welche sind als schlicht erfundene Bauernweisheit abzutun – und hinter welchen steckt vielleicht ein Funken Wahrheit? Wir haben zur Beantwortung dieser Frage heute 11 Punkte zusammengetragen, die ältere Mitarbeiter betreffen – davon sieben von Seiten der Unternehmen und vier aus Sicht der Betroffenen.
Sieben Vorurteile gegenüber älteren Mitarbeitern
| “Ältere Arbeitnehmer sind träge und weniger engagiert.” |
Falsch. Die Studie The State of Employee Engagement der US-Unternehmensberatung Blessing White mit mehr als 7500 Befragten kam 2008 zu dem Ergebnis, dass ältere Mitarbeiter im Durchschnitt sowohl zufriedener als auch engagierter im Job sind als Angehörige der Generation Y. Von diesen fällt etwa ein Viertel unter die Kategorie „unengagiert“ – Ziel- und Motivationslosigkeit machen vor der Jugend keineswegs halt.
| “Die Denkleistung lässt im Alter nach.” |
Falsch. Forschungen der Universität Wuppertal haben ergeben, dass im Alter lediglich die so genannte fluide Intelligenz abnimmt, also das Denken und Lernen selbst langsamer werden. Die kristalline Intelligenz, also die Fähigkeit komplexe Aufgaben zu lösen, bleibt hingegen weitgehend konstant. Bei einigen gewinnt sie mit wachsender Erfahrung sogar an Kapazität. Auch die sprachliche Kompetenz und die soziale Intelligenz nehmen im Alter zu.
| “Ältere akzeptieren keine jüngeren Chefs.” |
Falsch. Laut einer recht aktuellen Careerbuilder-Umfrage sahen bei den 45-54-Jährigen nur 7 Prozent und bei den Beschäftigten ab 55 Jahren nur noch 5 Prozent ein Problem darin, von einem jüngeren Chef angeleitet zu werden. Dabei hatte mehr als die Hälfte der Befragten tatsächlich einen jüngeren Vorgesetzten und damit praktische Erfahrungen mit dem Thema.
| “Ältere Mitarbeiter haben höhere Ansprüche.” |
Teilweise. Häufig haben erfahrene Arbeitskräfte aufgrund ihrer Vorgeschichte höhere Ansprüche an Gehalt und Arbeitsplatz, das ist richtig. Jedoch sind sie häufig genügsamer, was Verantwortungsbereich und Aufstiegschancen angeht – und auch steile Hierarchien sind für sie oft ein geringeres Problem als für ihre jüngeren Kollegen. Zudem sind Ältere durchaus bereit, auf ein hohes Gehalt zu verzichten – wenn sie eine faire Chance erkennen, sich zu beweisen.
| “Ältere Arbeitnehmer sind motivations- und perspektivlos.” |
Falsch. Natürlich gibt es die schwarzen Schafe, die mit ihrer unmotivierten Art und vermeintlich fehlenden Perspektive Arbeitsabläufe verlangsamen und die Stimmung drücken. Im Durchschnitt sind ältere Menschen laut einer aktuellen Studie aber nicht weniger motiviert als andere. Richtige Motivation ist eben keine Frage des Alters, sondern hängt vielmehr mit dem Aufzeigen der Sinnhaftigkeit einer Tätigkeit und der Schaffung von Perspektiven zusammen. Der passgenaue Umgang mit Älteren muss gelernt sein.
| “Ältere Mitarbeiter sind schneller gestresst.” |
Stimmt. Leider nicht ganz von der Hand zu weisen. Eine britische Metastudie der Universität von Nottingham kam 2009 zu dem Ergebnis, dass der gefühlte Arbeitsstress seinen Höhepunkt im Alter zwischen 50 und 55 Jahren erreicht. Als Gegenmaßnahme können betroffenen Mitarbeitern jedoch eine eigenständigere Arbeitseinteilung und flexiblere Tätigkeiten angeboten werden.
| “Im Alter ist man nicht mehr zu Ausnahmeleistungen fähig.” |
Falsch. Berühmtestes Gegenbeispiel der jüngsten Vergangenheit ist der Pilot Chesley Sullenberger, der auf dem Hudson River ein Passagierflugzeug notlandete – im Alter von 57 Jahren. Auch für die Krisenfestigkeit älterer Kollegen ist Sullenberger als Paradebeispiel zu sehen.

Vier Vorurteile der Älteren gegenüber dem Jobmarkt
| “Man kann nirgendwo gezielt nach Jobs für ältere Menschen suchen.” |
Doch, kann man. Zum Beispiel hier:
| “Man findet nirgendwo Tipps dazu, wie man sich als älterer Mensch bewirbt.” |
Falsch. Gleich hier haben wir schon vor einiger Zeit wertvolle Ratschläge zusammengestellt, mit denen Sie Ihre Bewerbungsphase auch im Alter erfolgreich gestalten können.
| “Jüngere Chefs scheuen den Umgang mit älteren Mitarbeitern.” |
Wohl kaum. Gerade junge Führungskräfte sind immer darauf aus, sich selbst zu verbessern. Ein Defizit im Umgang mit den Mitarbeitern verschiedener Altersgruppen möchten sie sich bestimmt nicht ankreiden lassen. Zudem finden sich im Internet zahlreiche Tipps, wie die Zusammenarbeit mit erfahreneren Kollegen funktionieren kann.
| “Als älterer Mensch wird man oft gemobbt.” |
Tatsächlich existieren Fälle von diskriminierendem Verhalten gegenüber älteren Menschen am Arbeitsplatz. Beispielsweise wurde vor kurzem ein Fall bei Google publik, welcher derzeit vor Gericht verhandelt wird. Auch eine Studie aus dem Jahr 2009 gibt an, dass etwa 20 Prozent der Mitarbeiter über 50 schon einmal mit Mobbing konfrontiert wurden – in welcher Form auch immer. Auch die WDR-Sendung Monitor hat sich des Themas bereits 2009 angenommen (Video hier).
Eine aktive Vorbereitung von Gegenmaßnahmen sowie ein guter Draht zu den Kollegen können daher Gold wert sein, um Mobbing bereits im Keim zu ersticken. Tipps zum Umgang mit Mobbern finden Sie beispielsweise hier.







Lars Hahn
Danke für das Aufräumen mit den Vorurteilen gegenüber lebenserfahrenen Berufstätigen.
Als Berater für Fach- und Führungskräfte, die den Job wechseln, kann ich die Aussagen nur bestätigen:
Zunehmende Lebenserfahrung ist gefragt auf dem Arbeitsmarkt. So mancher 57-jährige Jobwechsler hat nach kurzer Zeit wieder einen Job gefunden.
Hilfreich ist – besonders für diese Altersgruppe – der Nachweis von Engagement und Aktivität, z.B. durch Zertifikate von sinnvollen und anerkannten Weiterbildungen. Die Berufserfahrung wird sozusagen geadelt durch formale Kenntnisse und Abschlüsse. Dies dokumentiert Wendigkeit und Lernbereitschaft für die Arbeitgeber. Themen wie Arbeitssicherheit, Qualitätsmanagement und Projektmanagement werden sogar oft erst durch das “Standing” einer berufserfahrenen Person glaubhaft.
Aber es ist durchaus eine Gradwanderung für Mitarbeiter und Arbeitgeber:
Souveränität und Weisheit sind gefragte Kompetenzen – Sturheit und Besserwisserei dagegen nicht.
In diesem Sinne
mit souveränen Grüßen
Lars Hahn
Felix Hinkeldey
@ Lars Hahn:
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ihre letzte Aussage bringt es auf den Punkt: Wer seine lange Erfahrung derart präsentiert, dass er nach außen überheblich, unbelehrbar und besserwisserisch wirkt, kann wirklich nicht nur das Alter für eine schlechte persönliche Situation verantwortlich machen.
Oliver Rumpf
Auch ich bin immer wieder überrascht wenn Unternehmen Mitarbeiter im Alter von 50+ entlassen. Dabei haben gerade diese ein riesen Potential an Erfahrungen. Fachlich ebenso wie über aufgebaute Netzwerke. Aber auch die Erfahrung im Umgang mit Menschen – egal ob Kollegen oder Kunden – sind Gold wert, da diese auch nicht an den Unis gelehrt werden.
Wer jedoch trotzdem mit der Situation einer Kündigung konfrontiert wird, der kann sich ja mal die folgenden Gedanken, die ich kürzlich in einem Buch laß, auf der Zunge zergehen lassen.
Das menschliche Leben dauert viel länger als die meisten Menschen meinen.
Die Jahre zwischen 50 und 80 sind 30 Jahre. Genauso lange 30 Jahre wie die zwischen 20 und 50.
Nur ist die Ausgangsposition mit 50 eine viel bessere als jene mit 20 war. Warum werden dann die Menschen jenseits von 50 auf die Pension vorbereitet/eingestimmt/programmiert und nicht auf ihre Berufung? Auf ein neues, berufliches Durchstarten?
In den Jahren zwischen 50 und 80 kann ein Mensch viel mehr bewegen als er zwischen 20 und 50 bewegt hat. Wenn ihm die Möglichkeit dazu gegeben wird – mental und finanziell.
Wir haben in Deutschland – und weltweit – derzeit so viele Probleme zu lösen, daß jemand mit der Erfahrung von vielen Jahren sehr gute Chancen hat mit diesem KnowHow erfolgreich zu werden, indem er anderen Menschen hilft.
Viel Erfolg
Oliver Rumpf
smiley
Hätte ich ein Unternehmen, dann käme es mir vor allem auf ihre Werte an und ob diese mit meinem Unternehmen vereinbar wären. Werte damit meine ich z. B. Kollegialität, Ehrlichkeit, etc…
Alter ist für mich i. d. Sinn kein Wert.
Viele Grüße,
smiley
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