Altern erfordert bekanntlich eine Menge Humor. Da helfen auch keine besänftigenden Euphemismen von Herren in den besten Jahren und Frauen in der Blüte des Lebens. Das klingt zwar allemal besser als Hitzewallungen und Midlifecrisis, hilft aber auch nicht gegen manche Mythen, die sich etwa im Berufsalltag hartnäckig halten: Jung, dynamisch, talentiert – seit Jahren sieht so der ideale Mitarbeiter aus. Vor allem jung! Entsprechend rapide sinkt die Arbeitsmarktattraktivität der Menschen mit steigendem Alter. Besonders in schnelllebigen Branchen, in denen die Halbwertzeit von Wissen kürzer ist als die von Fastfood, gelten Mitarbeiter jenseits der 45 bereits als Methusalems.

Vor rund zehn Jahren, ich erinnere mich noch gut, bildete immerhin erst das respektable Alter von 55 Jahren eine Art Bewegungsbarriere auf dem Stellenmarkt. Vorbei. Aus der Achtung vor dem Alter wurde inzwischen ein Achtung! vor dem Alten, der im Kollegenkreis auch schon mal als Mister Schwermetall verspottet wird – Motto: Silber im Haar, Blei in den Knochen, Gold in den Zähnen. Warum in so jemanden investieren, den es beizeiten in sein gepflegtes Reihenhaus zurück zieht, während der hungrige Newcomer von der Uni nur die Hälfte kostet und gleichzeitig bereit ist, 70 Stunden in der Woche zu klotzen, noch dazu egal wo?

Bei der Jagd nach Jugend verkennen viele Unternehmen nicht nur die spezifischen Stärken älterer Mitarbeiter, sondern auch die demographische Realität: In wenigen Jahren werden nur noch 20 Prozent der Erwerbspersonen unter 30 sein. Über die Hälfte ist dann 50 Jahre und älter. Und im Jahre 2030 wird jeder zweite Deutsche älter sein als 50. Das hat bereits bei einigen Sinne gewandelt. Trotzdem werden noch immer viele ältere Mitarbeiter auf dem Höhepunkt ihrer Karriere wieder zu Gejagten. Gesucht wird Potenzial, nicht Erfahrung; Wissen, nicht Weisheit. Unweiser könnte das kaum sein! Denn wissenschaftlich lässt sich diese Abwertung des Alters nicht belegen. Nicht einmal der Vorwurf, Ältere seien weniger produktiv, leistungsbereit und flexibel ist zu beweisen, betonen Forscher der Universität Wuppertal, die das untersucht haben. Tatsächlich nehmen im Alter einige Fähigkeiten noch zu, Intelligenz zum Beispiel. Während die so genannte fluide Intelligenz zwar abnimmt, also das Denken und Lernen selbst langsamer werden, bleibt die so genannte kristalline Intelligenz, also die Fähigkeit komplexe Aufgaben zu lösen, weitgehend konstant. Bei einigen gewinnt sie sogar an Kapazität, genauso wie der sprichwörtliche Erfahrungsschatz. Auch die Sprachkompetenz und die soziale Intelligenz nehmen im Alter zu.

Gestützt wird das durch die Forschungen von Wissenschaftlern der englischen Cranfield School of Management. Die haben herausgefunden, dass ältere Vorgesetzte oft die besseren Manager sind. Sie zeigen mehr Reife, Realismus und Toleranz – vor allem aber die Bereitschaft zu Dialog und Disziplin. In der britischen Studie waren die besten Teamspieler zwischen 46 und 55 Jahre alt und hatten 16 bis 25 Jahre Berufserfahrung. Umgekehrt zeigten sich gerade Führungskräfte zwischen 26 und 35 Jahren oft ungeduldig mit ihren Mitarbeitern und kritisch gegenüber ihrem Arbeitgeber. Ihre hohen Ansprüche riefen bei den Kollegen Ängste hervor, die sich am Ende sogar negativ auf das Betriebsklima auswirkten. Das Fazit der Forscher: Neue Besen fegen gut, aber die alten kennen die Ecken besser.

Und mal ehrlich: Selbst angebliche Alterserscheinungen, wie geringere Kreativität und schwindender Enthusiasmus, sind kein Wink des Schicksals, sondern vielmehr das Ergebnis von Langeweile und damit kurierbar. Mit steigendem Alter kommen manche in ein Berufsstadium, in dem sie ihren Job perfekt beherrschen, alle wichtigen Abläufe und Personen kennen, geschweige denn neue Herausforderungen finden. Routine beherrscht ihren Alltag und sie schalten innerlich ab. Die nachlassende Produktivität ist damit aber keine Funktion des biologischen Alters, sondern eine Folge des Karrierealters. Die einzige Chance, die Uhr zurückzustellen, ist somit, sich eine neue Herausforderung im Unternehmen oder einen neuen Job zu suchen. Attraktivität im Alter ist nichts weiter als eine Frage der Aktivität im Alter.