Neid schafft Leid. Er hemmt den Fortschritt – den gesellschaftlichen wie persönlichen. Das lässt sich sogar ökonomisch erklären: Tatsächlich misst der Mensch seinen eigenen Wohlstand nicht absolut, sondern indem er sich mit anderen vergleicht – vorzugsweise seinen Freunden, Kollegen Nachbarn. Deswegen steigern dann zum Beispiel individuelle Gehaltserhöhungen unsere Zufriedenheit mehr als eine kollektive Tariferhöhung. Umgekehrt fühlt man sich aber auch zurückgesetzt, falls jemand aus eben jener Gruppe plötzlich (erfolg)reicher wird. Vor die Entscheidung gestellt, welche Option sie wählen würden, gaben einmal 59 Prozent der befragten US-Manager im US-Magazin Business Week an, einen 20.000 Dollar-Bonus zu nehmen, auch wenn es der kleinste ihrer Gruppe ist. Aber immer noch 40 Prozent wollten lieber nur 10.000 Dollar, wenn ihrer dafür der dickste Scheck der Gruppe ist. Wegen des Neides sinkt der Wohlstand für alle.
Schon für den Philosophen Immanuel Kant war der spontane Neidimpuls ein Bestandteil der menschlichen Natur. Und auch für die US-Psychologin Betsy Cohen, die einen Bestseller über Neid geschrieben hat, ist die Missgunst ein „ganz normales menschliches Gefühl“. Erst, wenn man es sich nicht eingesteht, wird es gefährlich. Dann wirkt Neid zerstörerisch, macht krank und hässlich.
Neid gab es immer schon. Die Menschen sind „auf ewig unglücklich, weil sie ständig von schadenfroher, misslautiger Scheelsucht verfolgt werden … wohin sie sich auch wenden“, schrieb der griechische Dichter Hesiod schon 700 vor Christus. Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer wiederum fand: „Wir denken selten an das, was wir haben, sondern immer nur an das, was uns fehlt.“ Und der französische Dichter Molière spottete: „Die Neider sterben, nimmer stirbt der Neid.“
Diese Sätze haben die Deutschen verinnerlicht, scheint es. In Deutschland gibt es viel Neid. Deswegen redet zum Beispiel niemand darüber, wie viel er verdient. Unternehmer schon gar nicht. Sie werden sonst schnell als raffgierige Kapitalisten, Ausbeuter, Halsabschneider tituliert. Am stärksten aber kondensiert die allgemeine Missgunst am Typus des Besserverdieners. Jenen Menschen also, die dem Anschein nach viel Geld bekommen und wenig dafür tun müssen. 43 Prozent aller Westdeutschen und 59 Prozent aller Ostdeutschen verbinden mit ihnen spontane Antipathie, hat das Institut für Demoskopie in Allensbach einmal ermittelt.
Neid birgt aber auch Positives: In seiner gesunden Form begünstigt er Ehrgeiz. Dann strengen wir uns mehr an, versuchen mehr zu erreichen. Das ist Wettbewerb, und der fördert Innovation, Fortschritt und Karrieren. Leider ist das eine Ausnahme. Die meisten ärgert, dass ausgerechnet der blöde Klotzkopp Meier bekommen hat, was ihnen selbst verdientermaßen zustünde. In der Folge versuchen sie Meiers Erfolg zu reduzieren, schlimmstenfalls zu sabotieren. Und das treibt womöglich beide in den Ruin.
Dabei haben die Menschen, die unseren Neid aufflackern lassen, oft nur Chancen genutzt, die uns ebenso offen standen. Um die gesunde Kraft des Neids zu nutzen, muss man sich das nur eingestehen und lernen, gönnen zu können. Und sich natürlich vom übertriebenen Vergleich mit anderen lösen. Je zahlreicher solche Vergleichsoptionen, desto unerreichbarer werden sie – und desto unglücklicher wird der Mensch. Neid essen Seele auf.
Alle paar Jahre ein neues Auto, das neuste Handy oder anderen Elektroschnickschnack, um mit dem Nachbarn mitzuhalten – das setzt uns unter zerstörerischen Druck und führt zu Missmut. Für den Philosophen Peter Sloterdijk kann die „Enthemmung der Eigentumseifersucht“ sogar eine Begehrensspirale in Gang setzen, die einen Bürgerkrieg auslösen könnte.
Neid macht weder zufrieden noch sorgt er für ausgleichende Gerechtigkeit. Im christlich-katholischen Moralgefüge stellt er sogar eine Todsünde dar. In gesundem Maß aber – und nur so – beschert er uns Vorbilder. Statt also in Meier einen Feind zu sehen, wäre es besser seine Erfolgsstrategie abzukupfern oder ihn um Rat zu fragen. Höchstwahrscheinlich wird er ihn bereitwillig weitergeben und, wer weiß, uns so zu neuen Höhenflügen anspornen. Völlig neidlos.
1. Kommentar
Christa Schwemlein
04.11.08 um 17:47 Uhr
Passend zu diesem Thema fällt mir folgendes Sprichwort ein:
“Der Neid sieht nur das Blumenbeet, den Spaten kennt er nicht.”
Der Neid scheint an einer seltsamen Augenkrankheit zu leiden. Er sieht nur das Blumenbeet, nicht aber den Schweiß auf der Stirn und die Schwielen an den Händen, den oft mühsamen und steinigen Weg, der zum Blumenbeet geführt hat.
Ich denke, wenn diese Emotion hoch kommt wäre es sinnvoll sich die Frage zu stellen: Wäre ich bereit das gleiche Engangement aufzubringen?
Nichts hindert einen gesunen Menschen daran selbst den Spaten in die Hand zu nehmen und sich sein eigenes Blumengarten anzulegen. So gesehen kann der Neid auch positiv wirken und förderlich für die persönliche Weiterentwicklung sein.
Ein lesenswerter Beitrag ist das, zu dem es noch vieles mehr zu kommentieren gäbe.
2. Kommentar
Réka
05.11.08 um 07:58 Uhr
@Christa:
Das Sprichwort ist sehr treffend.
Neider missachten gern sowohl die Arbeit, die zum Erfolg führte, als auch die Risiken. Wer ständig die gefahrlosen Lösungen sucht, sollte sich lieber nicht wundern, wenn diese nur mittelmäßige Ergebnisse nach sich ziehen.
3. Kommentar
Réka
05.11.08 um 08:05 Uhr
[...]Den erfolgreicheren nicht beneiden, lieber Möglichkeiten erkennen – lautet die Botschaft von Jochen Mais Artikel.[...]
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