Ein Gastbeitrag von Lea Berger

Glaubt man Zufriedenheitsumfragen, so ist die Mehrheit der Arbeitnehmer unglücklich mit ihrem Job. Und das seit Jahren: Der Erwartungsdruck des Chefs ist zu hoch; das Gehalt und die Karrierechancen zu gering. Ständig gibt es Konflikte mit Kunden oder Kollegen. Arbeitsverdichtung und Überstunden nehmen kontinuierlich zu, während die Entwicklungschancen stetig abnehmen. Kein Wunder, wenn sich Arbeitnehmer bald fragen: Was mache ich hier überhaupt noch? Und wenn die Unzufriedenheit derart wächst, spielen viele mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen. Keine dumme Idee, aber eine, die wohl überlegt sein will…

Oft wird dabei die selbstständige Tätigkeit vorab idealisiert: Endlich der eigene Chef sein! Keiner redet einem rein, und das, was die hier in der Firma machen, kann ich im eigenen Laden sowieso viel besser, schneller, kreativer. Nicht wenige vergessen dabei, welche Verantwortung und welches Risiko ein Unternehmer trägt. Und welcher zeitliche Aufwand zu bewältigen ist. Nicht umsonst existiert das Bonmot: Wer selbstständig arbeitet, arbeitet vor allem selbst und ständig.

Auch haben viele unrealistische Erwartungen an das Einkommen, das mit der Selbstständigkeit erwirtschaftet werden kann. Tatsache ist: Die Mehrheit der Selbstständigen verdient nicht wirklich mehr als zuvor im Angestelltenverhältnis. Dafür müssen sie aber wesentlich mehr leisten und länger arbeiten.

Angestelltenverhältnis versus Selbstständigkeit

Sowohl das Angestelltenverhältnis als auch die Selbstständigkeit haben spezifische Vor- und Nachteile. Einige der Vorteile können zugleich Nachteile sein – je nach Persönlichkeit und Arbeitsweise. So schätzen manche die Nähe zum Kunden, die die Selbstständigkeit mit sich bringt. Für andere ist vor allem die daraus notwendige Akquise eine ständige Belastung, ebenso wie allein für die Kundenzufriedenheit verantwortlich zu sein.

Vielen gefällt es, ihre Arbeit selbst zu bestimmen und sich ihre Zeit frei einteilen zu können. Andere brauchen dagegen einen fixen Zeit- und vorgegebenen Arbeitsplan. Ihnen fällt es schwer, für die eigene Unternehmensstrategie und -entwicklung verantwortlich zu sein. Kurzum: Wer mit dem Gedanken spielt, Unternehmer zu werden, sollte die jeweiligen Vorzüge und Herausforderungen vorher gründlich abwägen und sich zudem frühzeitig Tipps direkt aus der Branche holen. Als kleine Entscheidungshilfe und erste Orientierung dienen vielleicht aber auch die folgenden Tabellen der spezifischen Vor- und Nachteile der jeweiligen Erwerbsformen:

Angestelltenverhältnis

Vorteile
  • Festes monatliches Einkommen
  • Relative Beschäftigungssicherheit
  • Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
  • Bezahlter Urlaub
  • Soziale Absicherung
Nachteile
  • Leistungs- und Erfolgsdruck durch Vorgesetzte
  • Weisungsbindung
  • Feste Arbeitszeiten und -pläne
  • Wenig Gestaltungsspielräume
  • Risiko der Kündigung

Selbstständigkeit

Vorteile
  • Flexible Arbeitszeiten
  • Freie Arbeitsplatzwahl
  • Selbstbestimmung
  • Verwirklichung eigener Ideen
  • Chance auf höheres Einkommen
  • Hohe Unabhängigkeit
Nachteile
  • Unregelmäßiges Einkommen
  • Hohes Risiko und Eigenverantwortung
  • Hoher Zeitaufwand
  • Rechtliche und steuerliche Pflichten
  • Verantwortung für soziale Absicherung
  • Verantwortung für Mitarbeiter

Hinzu kommen weitere typische Herausforderungen des Unternehmertums…

Psychische Belastungen

Psychische Belastungen können natürlich in einem sicheren Arbeitsverhältnis genauso entstehen wie bei einer selbstständigen Tätigkeit. Gerade den Erfolgs- und Leistungsdruck, der vom Vorgesetzten ausgeübt wird, empfinden viele Arbeitnehmer als belastend. Vor allem, weil sich sich bei Misserfolg vor dem Chef rechtfertigen müssen. Hinzu kommt die Angst vor einer Kündigung, die daraus resultieren könnte. Auch Konflikte mit den Kollegen oder dem Vorgesetzte stellen eine enorme Belastung dar.

Die psychischen Belastungen für einen Selbstständigen richten sich indes primär auf die finanzielle Absicherung. Denn bei dieser Tätigkeit trägt der Selbstständige das unternehmerische Risiko allein. Wenn ein Selbstständiger dann noch eine Familie zu ernähren hat, steigt der Druck um das Vielfache. Rückschläge – insbesondere finanzielle – müssen psychisch verarbeitet werden. Die gesamte Verantwortung für den Erfolg und gegebenenfalls für die Mitarbeiter lastet auf den Schultern des Selbstständigen.

Kundenaufbau

Wer als Selbstständiger Geld verdienen will, braucht Kunden. Diese müssen jedoch gerade am Anfang erst gewonnen werden, was häufig schwerer ist als anfangs geplant. Viele sind neuen Unternehmen gegenüber skeptisch eingestellt. Andere nutzen die Situation und Machtverhältnisse aus, um Preise zu drücken. Das kostet Zeit, Nerven, Geld. Und parallel müssen sich die Jungunternehmer erst einmal einen Namen machen und Vertrauen schaffen.

Wer sich dabei zu blauäugig an die Existenzgründung wagt, erleidet schnell Schiffbruch. Hintergrund- und Insiderwissen sowie Kontakte zu möglichen Kooperationspartnern, Lieferanten und Kunden sind nicht zu unterschätzen und für eine erfolgreiche Existenzgründung enorm wichtig. Gleiches gilt für die notwendige persönliche Eignung: Geduld, Ausdauer, Improvisationstalent, Durchsetzungsvermögen, Selbstbewusstsein, Verhandlungsgeschick und Gespür für Märkte sind wichtige Eigenschaften eines Unternehmers in spe.

Checkliste für Existenzgründer

Die Chancen und Risiken einer Selbstständigkeit sind vielfältig – und heimtückisch. Insbesondere die Anfangszeit ist hart: Man verzichtet fast vollständig auf Freizeit, steckt seine ganze Energie in das Start-up. Je nach Gewerbe ist auch der finanzielle Aufwand groß, und man muss sich für die Finanzierung verschulden. Der Lohn hierfür sind Unabhängigkeit und Freiheit; die Möglichkeit, seine eigenen Ideen zu verwirklichen und im Idealfall ein hohes Einkommen zu erzielen. Aber das gelingt eben auch nicht jedem.

Überdies müssen Sie auch an diese Punkte denken:

[ ] Businessplan erstellen
[ ] Gewerbe genehmigen lassen (Handwerk, Gaststätten, Einzelhandel)
[ ] Qualifikationen nachweisen (z.B. Meisterbrief)
[ ] Unternehmen beim Finanzamt anmelden
[ ] Unternehmen bei IHK oder Handwerksrolle anmelden
[ ] Fördergelder beantragen
[ ] Notwendige Versicherungen abschließen
[ ] Eventuelle Mitarbeiter anmelden

Fragen Sie sich also ruhig auch, ob Sie wirklich dauerhaft keinen Sinn mehr in Ihrem aktuellen Job sehen, oder ob sich gegen die akute Unzufriedenheit etwas tun lässt – was nicht in die Selbstständigkeit führt. Falls Sie diesen Schritt dennoch gehen wollen, brauchen Sie definitiv einen langen Atem.

Über die Autorin

Lea Berger hat Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Personalmanagement studiert und arbeitet unter anderem freiberuflich als Unternehmensberaterin in der Medienbranche.