Ein Gastbeitrag von der Autorin Bettina Stackelberg

Am liebsten hätten wir ja ständig nur reizende Menschen um uns herum – all die Sympathischen, gut Gelaunten, uns Wohlgesonnenen. Blöd nur, dass es auch die andere Sorte gibt: Die schwierigen Zeitgenossen, die Nörgler, die Destruktiven, Energievampire, Dauercholeriker – die nervigen Unsympathen. Dem Grantler in der S-Bahn oder dem Blödmann im Fitness-Studio können wir ja noch aus dem Weg gehen. Bei dem nervigen oder anstrengenden Kollegen geht das leider nicht so leicht. Also – was tun?

Da muss der Kollege gar nicht erst offenkundiges Mobbing betreiben, oft macht uns schon die ganz alltägliche Nerverei zu schaffen. Wir meinen, dass er uns nicht mehr grüßt am Morgen oder dass er sofort verstummt, wenn wir die Kaffeeküche betreten. Wir haben Angst davor, dass er uns in der nächsten Projektsitzung wieder so fies auflaufen lässt wie beim letzten Mal. Wir finden seine kleinen, gehässigen Witzeleien irgendwie gar nicht lustig. Da macht dann die vielgelobte Teamarbeit so ganz und gar keinen Spaß mehr.

Schrecklich, diese schwierigen Kollegen! Unsäglich, wie die nerven! Also wirklich, sowas gehört verboten. Und so wen muss man jeden Tag um sich herum ertragen.

Entscheiden Sie sich!

So, lieber Leser, jetzt ist es mal gut mit der Jammerei.

Entscheiden Sie sich: Sie haben die Wahl. Auch wenn Sie den unliebsamen Kollegen vielleicht nicht wegbeamen können – Sie können sich jedoch entscheiden, wie Sie mit ihm umgehen wollen.

Solche Typen wird’s immer geben.
Da kann man nix machen!

Wenn Sie diese Haltung wählen – ok. Dann aber aufhören mit dem Schimpfen und Lästern, bitte, ja? Dann arrangieren Sie sich und schalten bei diesen Kollegen auf Durchzug. Stellen Sie innerlich den Lautstärkeknopf auf ganz leise. Das können Sie tun, das ist weder ehrenrührig noch feige. Wichtig ist, dass Sie sich dafür bewusst entscheiden, weil Ihnen die Alternative zu anstrengend erscheint bzw. der Preis dafür zu hoch. Völlig in Ordnung – und wenn Sie sich bewusst entscheiden, ist das auch kein Kneifen oder Scheitern.

Das klappt nicht? Er nervt oder verunsichert Sie weiter, Sie reden sogar abends mit Ihrer Familie drüber, er verfolgt Sie in Ihre Träume? Dann tun Sie was!

Machen Sie den Mund auf. Schieben Sie alle Bedenken à la „Das nützt doch bei dem eh nix!“ und „Die ändert sich bestimmt nie!“ beiseite und machen Ihr Unbehagen zum Thema. Reden Sie. Das ist hundert Mal besser, als es in sich hineinzufressen (das macht Magengeschwüre und Herzbeschwerden), zu kündigen oder sich versetzen zu lassen und ist deutlich effektiver und konstruktiver als der gemeine Kollegenmord.

Schweigen ist Silber – Reden Gold

Damit die Aussprache mit Ihrem Kollegen möglichst viel bringt, beachten Sie bitte ein paar meiner Empfehlungen:

  1. Die Entscheidung: Wollen Sie wirklich, dass sich etwas ändert? Sind Sie bereit, Ihren Teil dazu beizutragen? Nehmen Sie in Kauf, dass solch ein Gespräch unter Umständen anstrengend wird und erstmal noch mehr Staub aufwirbelt? Sind Sie bereit, diesen Preis zu bezahlen? Wenn nicht: Gönnen Sie sich hin und wieder ein bisschen Jammern, gehen Sie damit wiederum Ihren Kollegen nicht auf die Nerven und die Sache hat sich.
  2. Das Ziel: Machen Sie sich im Vorfeld klar, was Sie wirklich wollen. Möchten Sie einfach mal Ihren Ärger und Frust loswerden? Das ist sicher nicht der konstruktivste Weg. Wollen Sie eine neue Regelung für den Umgang miteinander finden? Welche Wünsche haben Sie an den anderen und zu welchen Zugeständnissen bzw. Kompromissen wären Sie bereit?
  3. Der Zeitpunkt: Zwischen Tür und Angel können solche Gespräche eigentlich nur scheitern. Auch die Stunden vor einer wichtigen Projekt-Deadline sind ungünstig. Schlagen Sie Ihrem Gesprächspartner zeitnahe Alternativen vor, an denen Sie sich ungestört Zeit für eine Aussprache nehmen können.
  4. Der Ort: Sie wollen ja ungestört reden, nicht wahr? Dann ist die Kaffeeküche oder Kantine sicher nicht der passende Ort – 100 Ohren hören mit. Vielleicht ist ein Spaziergang in der Mittagszeit eine gute Idee – Sie kommen aus dem Büro und beim Gehen spricht es sich auch leichter.
  5. Das Feedback: Wenn Sie Ihrem Kollegen nicht nur alles vor die Füße werfen wollen, passt dieser Feedback-3-Schritt sicher gut:
    • Schildern Sie eine oder mehrere konkrete Situationen, die Ihr Unbehagen ausgelöst haben, zum Beispiel: „Gestern im Meeting hast Du trotz engem Zeitplan wieder sehr lange Redezeit in Anspruch genommen, um über deine Ergebnisse zu berichten. Daher kam ich zum wiederholten Mal nicht zu meinen Punkten.“
    • Schildern Sie Ihre Gefühle, die Sie dabei hatten: „Das hat mich wütend gemacht, weil das schon öfter vorkam, ich das rücksichtslos finde und weil mir meine Punkte diesmal auch besonders wichtig waren.“
    • Der dritte Schritt wird gern vergessen: Äußern Sie einen Wunsch beziehungsweise eine Erwartung: „Bitte lass mich nächste Woche bei der Sitzung zuerst zu Wort kommen. Dir sind Deine Punkte wichtig, mir aber auch meine. So kommen wir beide zum Zug.

Geben Sie Ihrem Kollegen die Chance, zu erfahren, wie es in Ihnen aussieht. Wer weiß, vielleicht ist er oder sie ganz dankbar, wenn Sie den ersten Schritt machen – vielleicht geht’s ihrem Kollegen ja ganz ähnlich. Oder er hat keine Ahnung, wie Sie über ihn und sein Verhalten denken und er antwortet: „Wenn ich das gewusst hätte! Warum bist du nicht früher gekommen?“

Und selbst wenn der Worst-Case eintritt, er kein Verständnis zeigt und es weitergeht wie vorher: Dann können Sie trotzdem mächtig stolz auf sich sein, weil Sie es zumindest versucht haben. Sie haben Klartext geredet, konstruktives Feedback gegeben und sich geöffnet. Das muss Ihnen erst einmal einer nachmachen!

Über die Autorin

Bettina Stackelberg, Jahrgang 1965, unterstützt als Coach Menschen dabei, selbstbewusster zu werden. Sie ermutigt ihre Klienten dazu, Zugang zu ihren Ressourcen zu finden, Neues zu entdecken und mit Bewährtem zu verbinden. Die studierte Germanistin aus München ist seit über 20 Jahren Trainerin in der freien Wirtschaft (unter anderem für MAN, BMW und Siemens) und hält Vorträge auf bundesweiten Absolventenkongressen. Soeben ist ihr jüngstes Buch im Beck Verlag erschienen: Angstfrei arbeiten: Selbstbewußt und souverän im Job. Die Karrierebibel veröffentlicht in einer dreiteiligen Artikelserie exklusiv Auszüge aus dem Buch.