Es ist ein Fehler, keine Fehler machen zu wollen. Manche Menschen verschwenden ihr ganzes Leben bei diesem Versuch. Objektiv betrachtet passieren ihnen vielleicht wirklich seltener Missgeschicke als anderen. Aber sie erreichen insgesamt auch weniger, weil sie viel Kraft und Zeit dafür aufwenden, potenzielle Malaisen zu vermeiden. Die Suche nach Perfektion – sie gleicht der ewigen Jagd nach Vollkommenheit, die niemals endet, weil sie nicht enden kann. Wir sind nun mal Menschen, und Nullfehlertoleranz können sich allenfalls Götter leisten. Überdies werden wir so nur unglücklich, weil wir uns an Erreichtem nicht mehr freuen können. Egal, was man schafft, es ist nie gut genug.
Seien wir wenigstens ehrlich zu uns selbst: Nicht selten verbirgt sich hinter der Perfektionssucht das unerfüllte Verlangen nach Beachtung oder Beifall für eine Gott gleiche Leistung. Oder der Wunsch nach mehr Kontrolle, der Versuch, sich vor Schimpf und Schande zu schützen. Ganz häufig sind Perfektionisten willensstarke Menschen mit harter Schale aber sehr sensiblem Kern. Ihre (zu) hohen Erwartungen an sich und andere äußern sich durch Kompromisslosigkeit, Rechthaberei, Kritikgeist und Schwarz-Weiß-Denken. Gefährlich. Denn so entsteht leicht eine Abwärtsspirale aus Streben und zwangsläufigem Scheitern. Denn es ist ja nichts perfekt.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Stets sein Bestes zu geben und die Latte jedes Mal höher zu legen, ist nichts Falsches. Im Gegenteil: Es kann enorm motivieren. Häufiger aber mündet es in einen Teufelskreis, bei dem Glück und Zufriedenheit einem immer einen Schritt voraus sind. Perfektionisten setzen gerne ihre Leistungen und Erfolge mit persönlichem Wert gleich und betreiben deshalb permanente Selbstoptimierung, die im Extrem zur einer Art narzisstischen Selbstverwirklichung mutieren kann.
Wabi-Sabi
Höher, weiter, schneller – das Streben nach Superlativen ist oft nur Tarnung dafür, dass man freiwillig ins Hamsterrad steigt und dort versucht, sich und anderen etwas zu beweisen. Nur was eigentlich? Und wem?
Es ist doch so: Ganz oft versuchen wir Menschen zu gefallen, die uns eigentlich egal sind. Oder schlimmer: Wir wollen Arschlöchern (sorry) etwas beweisen, die eigentlich nicht mehr Einfluss auf unser Leben haben sollten als eine Scheibe Toast.
Und was wäre damit schlussendlich bewiesen? Eben.
Natürlich geht es nicht darum, künftig nur noch halbe Sachen zu machen. Wenn ich in ein Flugzeug steige erwarte ich – zu Recht -, dass der Pilot sein Beste gibt und der Techniker zuvor die Maschine perfekt gewartet hat. Mein Leben hängt davon ab. Aber an ganz vielen anderen Stellen im Alltag ist diese 110-Prozent-Denken fehl am Platz. Er führt zu einem Tunnelblick, bei dem sich die Betroffenen auf Details konzentrieren, die für das große Ganze nur geringe Bedeutung haben. (Menschliche) Fehler erhalten dabei ein zu großes Gewicht. In Japan dagegen weiß man die Segnungen des „Wabi-Sabi“ zu schätzen – der Kunst, Schwächen zu akzeptieren, sich nichts mehr beweisen zu müssen und die Schönheit gerade im Unvollkommenen zu finden.
Mängel können den Horizont schließlich sogar erweitern: Ohne (Navigations-)Fehler hätte Christoph Kolumbus nie Amerika entdeckt. Viele erfolgreiche Menschen, Entdecker und Erfinder zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie Fehler machten, experimentierten und improvisierten. Ein Irrtum ist nichts Schlimmes, solange man daraus lernt.
Überdies ist Perfektionismus freilich auch ein subtiler Weg, Geschäftigkeit und Gewissenhaftigkeit vorzugeben und in Wahrheit riskante oder lästige Aufgaben aufzuschieben. Lieber doktern wir an ein paar unwichtigen Macken herum, statt einfach zu machen.
Bei Stepcase Lifehack habe ich dazu jetzt eine schöne Metapher gefunden, wie sich Dinge geregelt kriegen lassen – ohne gleich perfekt sein zu müssen. Das Motto dazu:
Anlegen, schießen, zielen!
Bei einem Schützenwettbewerb ist das sicher keine empfehlenswerte Strategie, sonst aber kann die Devise durchaus zielführender sein:
- Zuerst definieren Sie Ihre Ziele.
- Danach gehen Sie die Sache direkt an.
- Und justieren bei der Arbeit nach.
Das Ergebnis muss deswegen nicht schlechter sein – Sie erreichen es aber womöglich viel früher. Zum Schluss deshalb noch einmal aus einem früheren Artikel unsere
10 Empfehlungen für mehr Imperfektion
- Behalten Sie das Große Ganze im Auge. Viele Perfektionisten verzetteln sich in Details. Effekt: Das Projekt dauert länger als es sollte und die Sache wächst ihnen schließlich über den Kopf.
- Seien Sie gnädig mit sich selbst. Hören Sie auf, sich selbst zu zerfleischen, wenn etwas mal nicht geklappt hat wie geplant. Laborieren Sie nicht an dem, was Sie eh nicht können, sondern stärken Sie lieber Ihre Stärken. Chronische Selbstzweifel ziehen nur runter und machen Sie mit jedem Mal unsicherer. Minderwertigkeitskomplexe beginnen so.
- Hören Sie auf, sich mit anderen zu vergleichen. Jeder kann etwas – und manche eben etwas besser als andere. Talente sind nunmal ungleich verteilt. Ihre Aufgabe ist aber nicht, für Gerechtigkeit zu sorgen, sondern das Beste aus Ihren eigenen Begabungen zu machen. Das reicht doch schon, oder?!
- Setzen Sie realistische Erwartungen. Kein Mensch wird von Ihnen Wunder erwarten. Warum also Sie? Es reicht, dass Sie versuchen, Ihre Sache gut zu machen. Oft reichen bereits 80 Prozent vom Optimum völlig aus, um sein Ziel zu erreichen. Die Gefahr ist sonst, wichtige Entscheidungen immer wieder aufschieben, bis alles so ist, wie man es gern hätte. Und das passiert nie oder der Zug ist längst abgefahren.
- Rechnen Sie damit, Fehler zu machen. Aus Fehlern lernen wir oft mehr als aus Erfolgen. Sehen Sie sie also nicht als Feind, sondern als Chance.
- Bitten Sie um Hilfe. Keiner kann alles alleine schaffen. Es ist sogar ein Zeichen von Größe, seine eigenen Schwächen einzugestehen und an jenen Punkten um Hilfe zu bitten.
- Konzentrieren Sie sich auf das Hier und Jetzt. Wer das mögliche Scheitern bereits imaginiert, bevor er angefangen hat, läuft Gefahr, dass seine Sorgen zu selbsterfüllenden Prophezeihung mutieren. Man kann sich mit Vorahnungen auch verrückt machen.
- Lernen Sie, mit Kritik umzugehen. Es ist ein Irrglaube, dass Perfektion vor Kritik schützt. Es allen recht machen zu wollen, wirkt wie Nervengift: erst vernebelt es, dann lähmt es. Berechtigte Kritik sollten Sie annehmen, haltloses Gemecker aber ignorieren. Wer sich jedem Widerstand beugt, besitzt weder Standfestigkeit noch Durchsetzungskraft. So jemand wird andere nie anleiten: Er wird bereits geführt – von allen!
- Analysieren Sie weniger. Man kann Probleme auch überanalysieren. Auch das ist eine Form von Detailversessenheit. Oder eine Form von Aufschieberitis:. Nichts gegen gute Planung. Aber betrügen Sie sich dabei nicht selbst!
- Machen Sie es einfach. Den Satz dürfen Sie in seiner doppelten Bedeutung wörtlich nehmen: Legen Sie endlich los – und verkomplizieren Sie die Dinge nicht unnötig.
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Martin
Hallo
der Artikel kam für mich genau zur richtigen Zeit. Man ist ja schon geneigt immer alles perfekt machen zu wollen, deshalb muß man sich manchmal schon zur Ordnung rufen.
Martin
dubbie
Na sagen Sie das einmal Vorgesetzten, Auftraggebern und Kunden.
Wenn die auch den kleinsten Fehler finden, dann vollführen sie einen Affenzirkus ohnesgleichen.
Jochen Mai
Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein!
Hier geht es ja nicht darum, dass Sie ein Auto ohne Reifen ausliefern, sondern die Energie an den richtigen Stellen einsetzen und sich nicht in Details verzetteln, die hinterher ohnehin keiner bemerkt. Um im Beispiel zu bleiben: etwa, dass sich das Getriebe noch besser schalten lässt oder das Autoradio noch satter klingt. Kann man alles machen. Ist aber dann auch eine Frage der Entwicklungskosten, der Entwicklungsdauer und des marktfähigen Preises hinterher.