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12 von Jochen Mai am 8. April 2008 → Essay in Watchblog
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annewillr – Die virtuelle Talkrunde (5)

PodiumInzwischen hat sich das Podium zusammengefunden, Thomas, Klaus, Florian und ich haben unsere Standpunkte eingenommen. Aber ich bin da (teilweise) ganz anderer Meinung.

Richtig, Thomas, früher gab es diese Vernetzung in der Kommunikation noch nicht, deshalb war es auch einfacher eine Diskussion zu verfolgen und, ja, es ist eine gute Sache, wenn das Publikum interaktiv per SMS-Wand, per Twitter oder Blog den Faden aufnehmen und weiterspinnen kann. Es ist sogar noch besser, wenn das unmittelbar Einfluss auf den Verlauf der Diskussion hat.

Aber das alles erhöht zunächst nur den Sendepegel. Die Ausgangsfrage ist doch: Reagieren die Leute überhaupt noch ausreichend auf das Gesagte, Gezwitscherte, Gesimste, Gebloggte? Mag sein, Klaus, dass twittern in der Bahn den Erholungsfaktor steigert. Aber ein TV-Talk mit Laptops statt Spickzetteln? Wo ist denn da der Fortschritt, geschweige denn die Medienkompetenz – außer dass die Politiker parallel die Einschaltquote abrufen könnten?!

Was tatsächlich passiert, ist eine gefährliche Fragmentierung von Gedanken, teils auf weniger als 140 Zeichen. Hauptsache, man leistet einen sichtbaren Beitrag, der sich kurz darauf aber schon wieder verflüchtigt. Wer liest denn überhaupt bewusst sämtliche Twitter-Feeds seiner 167 Follower? Inzwischen sind so einige schneller mit der Tastatur als mit dem Kopf. Ein Twit oder Blog ist schnell geschrieben. Aber gute Gedanken brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Twits oder SMS bringen vielleicht kurzfristige Impulse, aber wenn Diskussionen nur noch aus Statements, aus Impulsen und Anregungen bestehen, wenn jeder nur noch eigene Gedanken senden will, aber kein (fremder) Gedanke mehr wirklich wahrgenommen und zuende gedacht wird, dann ist das Ergebnis – Netzrauschen.

Hirnforscher bestätigen inzwischen: Multitasking ist dem Menschen unmöglich. Da stimme ich mit Florian überein: Senden und Empfangen auf drei, vier Kanälen gleichzeitig kann nicht ergiebig sein. Vielmehr erzeugt es permanente Teilaufmerksamkeit. Mal ehrlich, Thomas: Würdest Du künftig Interviews mit Leuten führen wollen, die parallel auf ihr iPhone starren, E-Mails und Twits abrufen und Euer Gespräch womöglich gleich noch livebloggen?

Das sagte der Vorredner | Hier geht’s weiter



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1. Kommentar

cdv!
08.04.08 um 21:26 Uhr

Jetzt haben wir den Salat! Ich hüpfe von Seite zu Seite, um bloß nichts zu verpassen. So viel zum Thema Fortsetzungsroman oder Kundenbindung (Follow me – wie Twitter – und Thomas hat jetzt mehr als 600!). Kann man das nicht (neudeutsch:) “mashen”: Ihr alle auf einer Seite? Programmierer, wo seid ihr?

Deinen Gedanken und Aussagen kann ich nur zustimmen. Wahrzunehmen täglich schon am Telefon, wenn ich genau merke, dass jemand nebenbei (!) seine Mails oder Twitter liest. Unkonzentriert. Nebenbei: Habe jetzt auch noch angefangen zu “twittern”, um zu wissen, wie das ist. Erste Erkenntnisse demnächst bei mir auf dem Blog.

2. Kommentar

cdv!
08.04.08 um 21:27 Uhr

Ich, nochmal. Wie wäre es denn, wenn diese Kommentare auf allen vier Seiten gleichzeitig erscheinen? Nur mal ein Gedanke…

3. Kommentar

Jochen Mai
08.04.08 um 21:35 Uhr

Klar könnte man das auch auf einer Seite machen. Dann könnte man es natürlich auch gleich in ein Forum schreiben oder direkt auf ein Video bannen oder per Livestream übertragen – und dann isses nur noch eine Podiumsdiskussion wie viele andere auch. Gut, das ist neu und ungewohnt; vielleicht ist es auch noch nicht perfekt. Aber es ist ein Anfang und einen Versuch wert. Und niemand muss hin und her klicken: Jeder Beitrag ist Glied in einer entstehenden Kette, die strukturiert verlinkt ist. Gib uns noch ne Chance!

Und zu Twitter: Ich schreib da auch manchmal was. Aber der tiefere Sinn und Nutzen blieb mir bisher verborgen.

4. Kommentar

cdv!
08.04.08 um 22:27 Uhr

Nein, es ist noch nicht perfekt. Aber vielleicht ist das gerade interessant. Unbenommen, ihr bekommt mehr als eine Chance. Twitter-Nutzen? Schaun ‘mer mal.

5. Kommentar

Rolf F. Katzenberger
09.04.08 um 13:41 Uhr

“Die Ausgangsfrage ist doch: Reagieren die Leute überhaupt noch ausreichend auf das Gesagte, Gezwitscherte, Gesimste, Gebloggte?”

Nicht, wenn es so fragmentiert geboten wird wie hier. Glaubt Ihr wirklich, ich sortiere mir aus euren Blogs eine Diskussion zusammen?

Nee.

6. Kommentar

Jochen Mai
09.04.08 um 13:45 Uhr

@Rolf: Da muss man doch nichts sortieren, nur verfolgen.

7. Kommentar

Rolf F. Katzenberger
09.04.08 um 13:57 Uhr

@Jochen: Linear- und Einmalleser, ja. Alle anderen gehen gern mal vor und zurück und schauen, woraus sich ein Diskussionsstrang entwickelt hat. Ich persönlich geb auch gerne zu, dass ich solche verläufe nicht immer komplett im Kopf behalten kann. In jedem normalen Text mach ich das mit dem Scrollbalken wett, mit schönem Feedback, wie “lange” etwas her ist, wie “viel” vor und nach einem Statement kam.

Ihr wollt mich zwingen, dafür ständig herumzuklicken? Nochmal: nee.

8. Kommentar

Jochen Mai
09.04.08 um 14:23 Uhr

@Rolf: Zwingen wollen wir niemand und zu nichts. Das ist ein Leseangebot – so wie jeder Text hier. Mehr nicht.

9. Kommentar

Rolf F. Katzenberger
09.04.08 um 15:00 Uhr

@Jochen: Leseangebot – gut, dabei muss doch der Köder dem Fisch schmecken, nicht unbedingt dem Angler, oder?

Meine Frage ist: was habe ich *als Leser* von dieser Aufspaltung? Wie führt dieses technische Mittel zu einem Mehrwert für die Leser Eurer Blogs, oder gar zu einem qualitativen Sprung?

Mein Eindruck ist, dass Ihr genau das durchspielt, was Du beklagst: Ihr sendet (“… sagte der Vorredner”) und fragmentiert auch die Kommentare; was vom Schirm verschwindet ist gleich wieder vergessen (“Hier geht’s weiter”, “Da muss man doch nichts sortieren, nur verfolgen.”). Ich fühle mich wie in die Zeiten eines VHS-Videorekorders (Vorlauf, Rücklauf, ShowView, basta) zurückversetzt, obwohl ich schon längst den Digitalrekorder mit TimeShift, EPG und Suchfunktion gewöhnt bin.

10. Kommentar

Jochen Mai
09.04.08 um 15:20 Uhr

@Rolf: Richtig, der Wurm muss dem Fisch schmecken – aber nicht jedem Fisch. Geschmäcker sind nun mal verschieden. Es allen recht machen zu wollen, heißt, es keinem recht zu machen. Und es ist ja auch ein Experiment. Ich finde, die Manöverkritik gehört an den Schluss und nicht an den Anfang.

Und was bitte ist körperlich so viel quälender daran, auf einen Button zu klicken, statt mit der Maus herunter zu scrollen? Bei der Menge Text, die dabei entsteht, würde das kein Leser bis zum Ende durchlesen. So aber kann jeder über die zeitlich versetzten Häppchen einsteigen wann und wo er/sie will. Wenns dich nervt: Bookmark dir doch den Startbeitrag, warte auf das Ende und lies dann den ganzen Schwung auf einmal. Geht ja auch.

Der Mehrwert? Nun, zunächst liegt der (hoffentlich) in der Diskussion selbst. Überdies in der Diskussion der Leser und Kommentatoren der jeweiligen Blogs untereinander. Die sind nämlich nicht 100% deckungsgleich, könnten so aber ebenfalls ins Gespräch mit uns und mit allen anderen kommen. Leider diskutieren die meisten aber bisher nur über das Format, statt in die Debatte inhaltlich einzusteigen. Schade eigentlich.

Und ja, wir fragmentieren die Diskussion in unterschiedliche Statements – das ist aber bei jeder Podiumsdiskussion so und liegt in der grundsätzlichen Pingpong-Struktur, dass mehrere Redner miteinander ins Gespräch kommen müssen. Das ist wie beim Tischtennisrundlauf: Allerdings nehmen wir auch aufeinander Bezug, zitieren indirekt alte Aussagen, so dass man keinesfalls ständig gedanklich “hin- und herspulen” muss.

11. Kommentar

Rolf F. Katzenberger
09.04.08 um 15:28 Uhr

@Jochen: ok, auch ein Standpunkt. Let’s agree to disagree agreeably. ;-)

12. Kommentar

Jochen Mai
09.04.08 um 15:42 Uhr

@Rolf: Ein gutes Motto.

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