Womöglich haben Soziale Netzwerke größeren Einfluss auf uns alle, als wir denken. Und damit meine ich jetzt nicht die bekannten Studien von der Internetsuchtgefahr, vom positiven Einfluss des Netzwerkens auf die Karriere oder der Fragmentierung unserer Konzentration durch ständiges Twittern, Facebooken und Bloggen. Ich meine die sozialen Auswirkungen.
So gibt es neben all den Medienkritikern inzwischen auch eine Reihe von Forschern, die etwa die positiven Effekte von (losen) Freundschaften nachweisen konnten und betonen, dass diese auch auf Soziale Netzwerke übertragbar seien. Ein paar Beispiele:
- Schon seit einiger Zeit ist bekannt, dass Lachen und gute Laune ansteckend wirken. Die Neurowissenschaftlerin Jane Warren vom Hammersmith Hospital in London fand etwa heraus, dass Freude besonders starke Reaktionen auslöst, stärkere als etwa Angst oder Ekel – woraus andere Forscher ableiten, dass positive Emotionen ansteckender sind als negative. Gute Stimmung ist ein wichtiger „sozialer Klebstoff“, sagt der Lachforscher Carsten Niemitz von der freien Universität Berlin. Denn Lachen baut Bindungen auf. Wer mitlacht oder nicht, zeigt allen anderen, wer zur Gruppe gehört. Und: Heiterkeit macht aufmerksamer und aktiver. Gutgelaunte ertragen Rückschläge besser, sie sind stressresistenter, können besser mit Niederlagen umgehen und lernen daraus mehr. Und natürlich macht Frohsinn kreativ. Das Gehirn belohnt Heiterkeit mit gesteigerter Denkleistung und neuen Sichtweisen, so Studien der Universität Toronto. Bei all diesen Wirkungen ist es zum Teil völlig unerheblich, ob wir dem anderen physisch gegenüber stehen und mitlachen oder ob wir mit ihm per Tastatur oder Webcam kommunizieren. Es lässt sich daher leicht ausmalen, welche Wirkungen Netzwerk-Freunde mit positiver Ausstrahlung auf unser Wohlbefinden und unsere Leistungskraft haben.
Facebook selbst misst übrigens in einer Art Glücksindex die Stimmung seiner Mitglieder:
- In der Wissenschaft kennt man schon lange das sogenannte Feel-good-do-good-Phänomen. Es besagt: „Je mehr jemand mit seinem Leben zufrieden ist, desto empathischer ist er“, sagt zum Beispiel der Sozialwissenschaftler Ruut Veenhoven von der Erasmus-Universität in Rotterdam (pdf). Und desto mehr färbt das wiederum auf sein Umfeld ab.
- Vor einiger Zeit schon konnte eine US-Studie mit über 12.000 Erwachsenen nachweisen, dass etwa Übergewicht ansteckend ist. Wer mit einem Übergewichtigen besser bekannt ist, dessen Risiko steigt um 57 Prozent innerhalb der nächsten vier Jahre ebenfalls dick zu werden. Sind beide befreundet, steigt die Wahrscheinlichkeit gar um 171 Prozent – und dabei spielt es keinerlei Rolle, ob die Freunde Tür an Tür wohnen oder 500 Kilometer voneinander entfernt leben. Der Effekt lässt sich aber auch umgekehrt beobachten: Wenn ein Freund damit beginnt, sich besser zu ernähren oder mehr Sport zu machen, dann motiviert und beeinflusst das auch uns. Man könnte es auch verkürzt auf die Formel bringen: Gesunde Freunde machen uns gesünder. Und weil dabei räumliche Nähe offenbar keine Rolle spielt, ist es auch nicht entscheidend, ob diese Freundschaft real oder virtuell existiert.
- Eine jüngere Studie der Universität von Kalifornien in Berkeley belegt, dass Kontakte in Sozialen Netzwerken uns resilienter und zufriedener mit unserem Leben machen können und sogar Gesundheitsrisiken minimieren. Andere soziologische Studien zeigen, dass das Gefühl einer größeren Gruppe anzugehören, unser Glücksempfinden steigern und sogar unser Erinnerungsvermögen verbessern kann.
Kurzum: Viele Dinge, von denen wir annehmen, sie seien allein unsere persönliche Angelegenheit, werden in Wahrheit stark von unserem sozialen Umfeld mitbestimmt – und zwar vom realen ebenso wie vom virtuellen. Die beiden Wissenschaftler Nicholas Christakis (Harvard) und James Fowler (Universität von Kalifornien, San Diego) nennen das den Einfluss dritten Grades, dass selbst der Freund des Freundes unseres Freundes noch unser Handeln und unsere Emotionen enorm beeinflusst.
Der New Yorker Soziologe Duncan Watts, der gerade virtuelle Freundschaften in Sozialen Netzwerken untersucht und nächstes Jahr eine Studie dazu veröffentlichen will sagt wiederum, er habe herausgefunden, dass gerade die “heavy Internet user” die meisten Freunde haben – real wie virtuell. Es sei eben nicht so, dass das Internet einsam macht, das Gegenteil sei richtig:
“The more people are online,
the more they are relating to everyone else.”
Eine Studie, auf die er sich dabei beruft und bei der die Daten von 1178 Erwachsenen im Alter zwischen 25 und 74 Jahren am Center for the Digital Future der Universität von Südkalifornien von 2002 bis 2007 ausgewertet wurden, zeigt, dass diese Leute sich wöchentlich etwa mit zehn Freunden getroffen oder unterhalten hätten sowie noch einigen weiteren, die sie nur online kontaktierten, mit ihnen eine reale Freundschaft begannen und sie irgendwann auch physisch trafen.
Es ist ein Mythos, dass all jene Menschen, die heute vor dem Computer und in Sozialen Netzwerken ihre Freizeit verbringen, früher in Restaurants, Bars oder Clubs gesellig gewesen wären und dort aktiv Freundschaften geknüpft hätten. Tatsächlich haben diese Leute wohl eher unter der Woche daheim auf der Couch und ab der Primetime stumm vor dem Fernseher gesessen. Nun aber glotzen sie nicht mehr tumb fern, sondern sind sozial aktiv, unterhalten sich, chatten, pflegen Beziehungen, entdecken alte Bekannte wieder, knüpfen Kontakte zu neuen – kurz: sie sind aktiv und kommunizieren. Oder anders gesagt: Social Media machen uns nicht einsamer, sie machen uns sozialer. Virtuell und real eben auch.
PS. Dieser Effekt scheint vor allem auf die Frauen zu wirken. Wie diese Grafik zeigt, sind die sozialen Netzwerke mehrheitlich in weiblicher Hand:








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Jörg Oyen
Wohl war – die direkte Kommunikation via Social Media erspart viel Vorspann und
kommtist sehr nah beim Thema. Folge: direktes Feedback – spart langes Grübeln und das wiederum sorgt dafür, das Gefühl zu bekommen etwas bewegt zu haben oder in Bewegung versetzen zu können. Im guten wie im schlechten.Pingback: Online-Rückblick auf KW 40 #Linksammlung « Gedankensolo
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