Es ist einer jener Momente, mit denen man nicht rechnet, weil man mit ihnen eigentlich auch gar nicht rechnen will. Man verdrängt sie. Hofft, dass einen die Statistik übersieht. Obwohl natürlich jedem klar ist, dass die Wahrscheinlichkeit mit steigendem Alter wächst, dass man sich dem Problem doch einmal stellen muss. Und dann passiert es. Plötzlich. Einfach so. Der Kollege steht einem gegenüber, er sieht anders aus als sonst, nachdenklicher, bedrückter. Man fragt nach, weil man das eben so macht, und weil man die üblichen Floskeln erwartet – so was wie schlecht geschlafen, Ärger mit der Freundin oder Zoff mit dem Chef. Aber diesmal ist es anders. Diesmal sagt der Kollege: “Ich habe Krebs.”
Schweigen.
Was sagt man einem Kollegen mit dieser Diagnose? Was sagt man einem Bekannten oder Freund, dem es so richtig dreckig geht, der leidet, einen Schicksalschlag erlitten hat oder eben schwer krank ist? Wie drückt man seine Anteilnahme aus, sein Mitgefühl, ohne dass das wie eine hohle Phrase aus dem Poesiealbum klingt? Wenn du denkst, es geht nicht mehr… Nein, so geht das nicht. Aber wie dann?
Ganz schweres Thema, ich weiß. Und mir ist auch völlig klar: Egal, was man sagt oder macht, das Leid kann man kaum lindern. Wer gerade erfahren hat, dass er Krebs hat oder AIDS, dem hilft es nicht, wenn man ihm was Nettes sagt. So jemand wünscht sich aus dem Alptraum einfach aufzuwachen. Oder eine Fehldiagnose, ein Instant-Gegenmittel, eine Wundertablette und alles ist wieder gut. Nur gibt es die nicht. Sie wissen das. Und er irgendwie auch.
Auch wenn Reden Silber ist, das Schweigen ist ein kaltes Gold. Wohl die meisten Menschen verspüren in einer solchen Situation einen natürlichen Schutzreflex, den Wunsch, irgendwie zu helfen, Leid zu lindern – und dagegen ist auch überhaupt nichts zu sagen. Allerdings ist das eine hochsensible Konstellation. Egal, was man sagt, alles kann gegen einen verwendet werden, alles liegt auf der Goldwaage. Und so manche beste Freundschaft hat dadurch schon einen Knacks erlitten, weil einer von beiden die falschen Worte oder die falsche Geste wählte.
Ich gebe zu, ich fühle mich in solchen Situationen enorm hilflos. Sie sind unangenehm, schamhaft, fast peinlich. Und im Gegensatz zu sonst, ringe ich dann um wenige Worte – und finde doch nur selten die richtigen. Ja, ich gehöre zu denen, die hoffen, dass sie die Statistik übersieht. Leider tat sie das nicht immer. Deshalb ist das Folgende auch allenfalls eine Empfehlung aus verpfuschter Erfahrung, aber sicher kein Patentrezept. Das kann es auch nicht geben, dafür hängen etwaige Reaktionen zu sehr von den Umständen ab. Trotzdem sind mir ein paar Varianten eingefallen, wie man seine Anteilnahme ausdrücken könnte (falls einem das dann wieder einfällt). Überdies wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie ebenfalls ein paar Anekdoten oder Altenativen beisteuern könnten, ich (die Leser) lerne(n) gerne dazu. Zunächst aber meine Vorschläge:
- Die erste Option ist die simpelste und vielleicht auch die beste: nichts sagen. Das heißt aber nicht, dass Sie auch nichts tun sollten. Hören Sie dem Kollegen stattdessen einfach nur zu. Schalten Sie Ihren Bildschirm aus, legen Sie das Handy zur Seite, schließen Sie die Bürotür und hören Sie aufmerksam zu. Nicken Sie sanft, fragen Sie ab und an nach. Aber nicht zu oft. Es geht nicht um Gesprächsführung, sondern um Gemeinschaft. Vielleicht, aber nur im Äußersten und nur wenn es Ihre Beziehung erlaubt, legen Sie dem Betreffenden noch einen Arm auf die Schulter – aber bitte nicht bei Personen des anderen Geschlechts! Das könnte als sexuelle Annäherung ausgelegt werden, als tückischer Versuch, eine Not auszunutzen. Und das wäre fatal. Für beide.
- Die zweite Option ist Ehrlichkeit: “Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Mir fehlen die Worte. Aber ich fühle mit dir.” Der erste Teil relativiert den zweiten. Das nimmt ihm die Schwere und entschuldigt sogleich die Einsilbigkeit. Die Kernbotschaft ist: Du bist nicht allein! Ungünstig ist hingegen die Behauptung: “Ich weiß, wie du dich jetzt fühlst.” Meistens ist das gelogen. Woher will man das auch wissen, wenn man dasselbe nicht selbst durchlebt hat? Und selbst wenn es wahr ist, will derjenige das bestimmt nicht hören. Nicht jetzt. Was hat er auch davon? Im Gegenteil: Sie würden sein Leid zu Ihrer eigenen Geschichte machen. Wie taktlos.
- Die dritte Alternative: Hilfe anbieten. Aber nicht, indem Sie reflexartig irgendetwas machen, um der Situation zu entgehen, eine Tasse Kaffee holen zum Beispiel (obwohl das vielleicht noch okay wäre), sondern indem Sie danach fragen, wie Sie helfen können. Damit derjenige das aber nicht als Almosen empfindet und sich so noch mehr gedemütigt fühlt, muss das gut verpackt werden. Am besten mit dosierter Bewunderung: “Ich finde es toll, wie du mit der Sache umgehst. Ich kann mir vorstellen, wie schwer das ist.”
Und was wären Ihre Vorschläge?



Mocca
Frauen haben es da einfacher. Ich würde den Betreffenden einfach in den Arm nehmen. (Gilt natürlich nicht für alle männlichen Kollegen.) Mehr als “oh nein” hätte ich aber vermutlich auch nicht zu sagen. Vielleicht nach den Details fragen, falls derjenige wirkt, als würde er darüber reden können bzw. wollen.
Kittyluka
Mh, das ist immer schwer, weil da auch nicht jeder gleich ist und jeder mit sowas anders umgeht. Die einen wollen sich schon vom Dach stürzen, wenn “nur” die Freundin (oder der Freund) Schluss gemacht hat, die anderen stürzt es erst aus den Latschen, wenn etwas entgültigeres bevorsteht.
Ich hab die Erfahrung gemacht, dass es manchmal gut ist zu fragen, ob der Jenige darüber reden möchte. Allerdings nicht auf dem Flur oder im Großraumbüro, sondern in etwas unverfänglicherem wie die Teeküche oder auch ganz raus gehen. Vielmals hilft es auch etwas selbstloses zu tun. Zum Beispiel Arbeit übernehmen oder auch das Telefon auf sich umstellen lassen, obwohl man selbst viel zu tun hat. Den letzten Kaffee teilen oder so kleine Gesten, die eben einfach zeigen, dass man Rücksicht nimmt. Rücksicht ist sowieso ganz wichtig.
Allerdings sollte man ihn oder sie dann auch nicht wie einen Krüppel behandeln und übermäßig oft fragen wie es jetzt geht oder alles ungefragt hinterher und hin tragen. Sonst ist es auch nervig.
Ich versuche immer mir vorzustellen, wie ich mich wohl fühlen würde, wenn ich in der Situation wäre und jemand würde mich auf die oder die Weise (je nachdem was man eben vor hat) trösten wollen. Klappt selten, weil wer kann sowas schon nachvollziehen?
Andre
Zuhören und der Person sonst helfen, wo es geht, sind gute Aspekte. Wenn man der Person wirklich helfen will, könnte man sie auch unterstützen, wenn sie gerade nicht zugegen ist. Wenn zB Kollegen über die anscheinend grummelige Person lästern oder ihr Arbeiten aufbürden wollen. Das sollte man allerdings auch nicht zum Vorwand nehmen, um dann über das Leid der Person zu tratschen, im Sinne von: “Ne, das mach lieber ich. Den Maier sollten wir in seiner Situation lieber schonen – wusstet ihr schon, dass…?”
Menachem
Ja, das habe ich auch gedacht, was würde mir als Betroffener jetzt wirklich helfen? Ich denke, vielleicht ist die Frage dann besser auch an diese Gruppe zu richten, was ihnen geholfen hätte zu hören, zu tun, oder auch – was sie in dieser Situation besoners vermisst haben?
Ich glaube für mich, dass mir etwas hoffnungsvolles helfen würde, was das Ganze ins selbst noch steuerbare lenken lässt, dass noch im für mich aussergewöhnlichen etwas Normales enthalten ist und keine schicksalhafte Hilflosigkeit mich zukünftig regieren wrid.
Wobei es nicht allein die Worte wie: Du schaffst das, wären, es ist das senden und mobilisieren von Kraft, Mut und Hoffnung.
Anonym
Sie haben absolut recht mit dem was Sie schreiben. Viele weitere Vorschläge habe ich eigentlich nicht – aber Erfahrung:
Ich selbst habe Leukämie und habe daher viele, sagen wir mal “eigenartige” Erlebnisse gehabt. Erfahrungen, mit Menschen, die einfach nicht wissen was sie sagen sollen. Mit Menschen, die so geschockt sind, dass man ihnen mit einer solchen Nachricht erst mal den Tag “versaut” hat. Und auch mit Freunden, die nicht wussten mit der Situation umzugehen.
Problematisch ist die Tatsache der Umstände, die Sie auch im Artikel ansprechen. Das betrifft nicht nur die Umstände der Krankheit an sich, sondern ganz stark die Art wie der Erkrankte selbst mit seiner neuen Situation umgeht. Ich habe bei meinen unzähligen und langen Klinikaufenthalten während des letzten Jahres immer wieder Leute kennengelernt, die versucht haben ihre Krankheit vor anderen zu verstecken. Das hat zwei Haken: Erstens, es geht schlichtweg einfach nicht (spätestens wenn die Haare ausfallen). Zweitens, es belastet einen nur noch mehr.
Das wichtigste, was man meiner Erfahrung nach als Erkrankter tun kann, ist möglichst offen mit der Krankheit umzugehen. Das heißt nicht, dass man jedem alles erzählen muss. Das klappt ebenfalls nicht. Weil die Leute vieles nicht verstehen (können). Aber es bedeutet, interessierten Menschen und ganz besonders Freunden und Angehörigen gegenüber offen und ehrlich auf alle Fragen zu antworten! Ehrlich bedeutet in diesem Fall auch KEINE Floskeln zu verwenden. Ehrlich bedeutet in dem Fall den Menschen zu sagen “Heute geht es mir nicht gut.” Floskeln bekommen mit der Zeit dann ohnehin eine andere Bedeutung.
Tatsächlich muss ich sagen, dass die meisten Menschen mit denen ich seit Ausbruch meiner Krankheit zu tun hatte, genau die von Ihnen vorgeschlagenen drei Optionen befolgt haben. Der eine so, der andere so. Ohne das sie sich vermutlich wirklich darüber im Klaren waren. Ich hoffe meine Erfahrung ist ein wenig interessant für Sie und ich habe Ihnen jetzt keinem den Tag versaut.
Jochen Mai
@Anonym: Gewiss nicht, im Gegenteil: Ich bin Ihnen für die offenen, ehrlichen und lehrreichen Worte sehr dankbar.
Andre
Bei mir wurde vor 3 Jahren Darmkrebs diagnostiziert. Ich war damal 31, also in einem für diese Diagnose ungewöhlichen Alter. Heute weis ich das der Auslöser dafür HNPCC war. HNPCC ist ein Erbkrankheit bei der kurz gesagt ein Reparaturgen defekt ist, was dann unter Umständen zu Krebs führen kann.
Ich bin im Gespräch mit anderen immer sehr direkt gewesen d.h. jeden der wissen wollte was los hab ich entsprechen informiert. Die Krankheit sehe ich als mein Problem an, bei dem mir -abgesehen von meiner Frau- niemand helfen kann. Bestenfalls kann ich anderen Helfen indem ich helfe zu informieren…
Mitleid bringt nichts,eher im Gegenteil. Kleine Aufmerksamkeiten, vor allem Besuche im Krankenhaus bei dem die letzten News aus der Firma getauscht wurden haben mir mehr geholfen als irgenwelche Mitleidsbekundungen. Mir ist immer wichtig gewesen – trotz Krankheit – am Firmengeschehen beteiligt zu sein. Leider ist genau das extrem wenig passiert.
Im direkten Gespräch hilft mir Interesse mehr als Mitleid. Damit meine ich wie oben von Herrn Mai vorgeschlagen das man wenn man schon fragt, sich auch die Zeit nimmt zuzuhören. Ich habe dabei leider auch tolle Sachen erleben müssen. Nach 2 Minuten “mußte man dann zu einem Meeting” etc. Aber villeicht war das auch nur Ausdruck von “nicht mit der Situation umgehen können”.
Andre
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Jochen Mai
@Andre: Sie sprechen da etwas an, an das ich so noch gar nicht gedacht habe: Mitleid. Sie sagen, dass Sie das nicht mögen, weil es Ihnen letztlich auch nicht hilft. Gleichzeitig, denke ich, können sich die anderen kaum degegen wehren, genau das zu empfinden (es sei denn, man hat ein Herz aus Stein). Das aber ist ein Dilemma: Die einen empfinden es nahezu unwillkürlich, was sie dann kaum verbergen können. Die anderen fühlen sich dadurch noch unwohler…
Eine wirkliche Lösung fällt mir dazu nicht ein – außer dass sich beide genau dieses Dilemma bewusst machen können – und sich in Toleranz und gegenseitigem Verständnis üben.
Tim A. Bohlen
Ich glaube an die Kombination der drei Vorschläge: Nur wer aktiv zuhört, kann auch ehrlich sein Empfinden bekunden. Hilfe wollen wir doch nur von demjenigen, der uns gegenüber aufrichtig und ehrlich ist. Mitleid ist für mich etwas anderes als Mitgefühl. Mitleid können viele “nicht gebrauchen”, da es sich oft in Phrasen wie “Ich weiß, wie Du dich fühlst…” spiegelt. Wir können nicht mitleiden, so wie es Jochen schon treffend beschrieben hat. Wir haben dasselbe nicht erlebt. Aber wir können mitfühlen, uns in denjenigen so weit hineinversetzen, wie wir das können. Seine Gefühle dadurch soweit miterleben, wie es ein Außenstehender kann. Das wird sich unweigerlich auch in der Kommunikation zeigen und vielleicht kann es auch ein wenig helfen.
Andre
Das trifft es genau. Der Ausdruck von Mitleid durch abgedroschene Phrasen ist überflüssig und unbrauchbar. Wirklich Mitfühlen kann nur wer zuhört, und das geht nicht zwischen Tür und Angel. Als Betroffener merkt man schnell wer es ehrlich meint oder wer nur aus Höflichkeit fragt.