Eine Buchrezension der Berliner Psychologin Birgit Permantier

Locker, beispielreich und amüsant – wie eine gute Rede so kommt auch das Buch der Redenstrafferin Katja Kerschgens daher: “Reden straffen statt Zuhörer strafen” vermittelt die wesentlichen Elemente einer kompakten Rede und viele Tricks und Techniken, die nicht schon in den zahlreichen Handbüchern der Rhetorik zu finden sind.

Als roter Faden zieht sich die von der Autorin so genannte Operation Zwille durch das Buch: Eine Zwille wird mit einer tollen Idee gespannt. Die gespannte Zwille steht für die Spannung, die beim Publikum erzeugt wird. Wird die Idee nun abgefeuert, trifft sie die Zuhörer im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Dieser rote Faden wird – typisch für den Gabal Verlag – durch nette kleine Grafiken begleitet, die den Lesetext auflockern.

Natürlich wird auch in diesem Buch die Kunst der Rhetorik nicht neu erfunden. So empfiehlt Katja Kerschgens etwa auch eine bildhafte Sprache zu nutzen, weil die nun mal besser haften bleibt. Sie würzt diese Empfehlung aber mit pfiffigen Beispielen aus ihrer Seminarpraxis, etwa mit sogenannten Denkfragen:

  • Was wäre, wenn Ihre Bank Ihnen morgen kein Geld mehr geben würde? Wenn Ihr Bankberater sagt: “Tut uns leid, aber ich Konto ist leer! Unsere Bank ist pleite.” Wie würden Sie eine Woche später Ihre Miete bezahlen?
  • Stellen Sie sich vor, Sie hätten keine Arme. Wie ziehen Sie sich Ihre Socken an? Wie essen Sie?

Die Stärke des Buches sind die vielen Vorher/Nachher-Beispiele, an denen die Autorin den Straffungseffekt in Vorträgen verdeutlicht. Zum Beispiel die Darstellung der Krimitechnik, die zusätzliche Spannung erzeugt:

    Aus: “Meine Lieblingsstadt ist Köln. Sie ist rheinisch geprägt und die Menschen trinken am liebsten Kölsch.” wird: “In meiner Lieblingsstadt sind die Menschen rheinisch geprägt. Man feiert dort kräftig Karneval und ruft dazu “Alaaf”. Meine Lieblingsstadt ist – Pause – Adenau am Nürburgring.”

Eine hübsche Idee ist auch, sich einfach mal nicht selber vorzustellen, sondern nach der Begrüßung sofort loszulegen und erst zum Ende den eigenen Namen – als Knaller zum Schluss – zu bringen.

Das Redenstraffen ist die Kunst des Weglassens. Die Autorin ermutigt den Leser dazu, es nicht allen recht machen zu wollen, ungewöhnliche Fakten zu präsentieren oder sein Publikum mit dem Unerwarteten zu konfrontieren. Statt vollgepackter Powerpointfolien, die verlässliche Gähneffekte produzieren, empfiehlt Sie beispielsweise Charts teilweise komplett wegzulassen und stattdessen echte Gegenstände hoch zu halten:

Der Redner nimmt etwa einen echten Briefumschlag in die Hand. Er sagt: “1965 kostete der Versand dieses Umschlags umgerechnet zehn Cent. Heute sind es 55 Cent.” Er hält ein Brötchen hoch: “Auch der Kauf eines Brötchens wurde innerhalb von 40 Jahren um über 800 Prozent teurer. Wenn Sie vor 40 Jahren Geld mit einem geringen Zinssatz angelegt haben, dann haben Sie heute weniger Geld als damals. Viel weniger. Und die Inflation wird auch in Zukunft weitergehen. Wir beraten Sie gern, wenn Sie der Inflation ein Schnippchen schlagen.”

Insgesamt liest sich das Buch leicht und locker und enthält viele hilfreiche Tipps für Anfänger und einige für versierte Redner. Und wenn es nicht nur gelesen, sondern vor allem in straffe Reden umgesetzt wird, kann dazu beitragen, vielen Zuhörern in spe langweilige Powerpointschlachten zu ersparen.