Dublin-Docks
Studium in Mannheim, Praktikum bei Microsoft, danach unzählige Bewerbungen - aber ohne Erfolg. Selcuk Kösemehmetoglu erging es wie so manchem qualifizierten Absolventen auch: Der deutsche Arbeitsmarkt wollte ihn irgendwie nicht. Dann hörte er davon, dass im irischen Dublin viele Fachkräfte in der boomenden IT-Branche gesucht werden. Er schrieb eine Bewerbung, zwei Wochen später saß er im Flieger, um die neue Stelle anzutreten. Was seine Erfahrungen und Empfehlungen sind, erzählte er uns im Interview...

Auslandsjob: Arbeiten in den Silicon Docks in Dublin

Über den Interviewten

Selcuk KoesemehmetogluSelcuk Kösemehmetoglu (E-Mail) hat es nach einem Studium an der Universität Mannheim in die IT-Welt verschlagen. Nach einem Praktikum im App-Marketing bei Microsoft, ging er Ende 2012 ins Ausland. Heute berät er Unternehmen bei Oracle zu Fragen des digitalen Wandels.

Herr Kösemehmetoglu, zurzeit beneiden uns viele Europäer um unseren Arbeitsmarkt mit nahezu Vollbeschäftigung. Sie aber sind ausgewandert, warum?

Ich hatte schon immer den Traum, im Ausland zu leben und zu arbeiten. Nach meinem Studium hielt ich das aber für unrealistisch und habe zunächst ganz klassisch unzählige Bewerbungen in Deutschland geschrieben, allerdings mit überschaubarem Erfolg. Oft gab es gar keine Antwort oder eine Standard-Absage. Als ich dann über eine Freundin von den Möglichkeiten in Dublin hörte, dauerte es nach meiner Bewerbung ganze zwei Wochen bis ich im Flieger saß, um die neue Stelle anzutreten.

Und was machen Sie jetzt?

Ich arbeite seit mittlerweile mehr als drei Jahren im IT-Vertrieb bei Oracle. Angefangen habe ich in Dublin als Business Development Consultant, seit einiger Zeit hat es mich aber nach Málaga in den warmen Süden verschlagen, wo ich als Territory Manager den direkten und indirekten Vertrieb über unser Partnernetzwerk in Süddeutschland verantworte.

Sie kommen viel rum. Wie erleben Sie den Arbeitsmarkt im Ausland?

Anders. Besser als gedacht. Besonders in Dublin werden händeringend europäische, speziell deutschsprachige Talente gesucht. Während in Deutschland auf eine Stelle unzählige Bewerber treffen, ist es hier genau umgekehrt. Das merkt man natürlich.

Woher kommt diese Nachfrage?

Google-Docks-DublinAnfangs spielte der niedrige Unternehmenssteuersatz in Irland eine Rolle. Inzwischen hat sich Dublin aber zu einem riesigen Tech-Hub in Europa entwickelt. Heute tummeln sich hier unzählige Startups, Business-Inkubatoren und Acceleratoren neben IT-Größen wie Google, Facebook und Oracle.

Man spricht heute in Anspielung an das Silicon Valley auch von den Silicon Docks. Für Unternehmen ist das enorm attraktiv, da sie so auf einen bereits bestehenden Talente-Pool zugreifen können. Da viele Unternehmen von Dublin aus den gesamten EMEA-Raum bearbeiten, sind vor allem Talente, die neben ihrer Heimatsprache auch fließend Englisch sprechen, gefragt. Hinzu kommt, dass sich immer mehr der Trend zum sogenannten Inside- oder Digital Sales beobachten lässt.

Das müssen Sie erklären...

Unter Inside- oder Digital-Sales versteht man Vertriebsmitarbeiter, die mit ihren Kunden in erster Linie aus dem Virtual Office kommunizieren, statt sie persönlich vor Ort zu besuchen.

Und warum ist das ein Trend?

Zwei Gründe sind dafür verantwortlich: Erstens hat sich das Käuferverhalten im Vergleich zu früher verändert. Inzwischen findet man immer mehr Digital Natives in Führungspositionen. Diese Generation ist es gewohnt, benötigte Informationen selbstständig online zu recherchieren, ist in Social Networks zuhause und kommuniziert zunehmend digital. Unternehmen begegnen dieser Entwicklung durch Tools wie Webinare und Videokonferenzen sowie entsprechend ausgebildete Mitarbeiter. Wir sprechen hier vom Social Selling. Die klassische Kaltakquise halte ich für ein Auslaufmodell.

Der zweite Grund ist, dass Inside- oder Digital-Sales in der Regel deutlich effizienter und preisgünstiger als klassische Außendienstler sind. Da der Partnervertrieb außerdem eine immer größere Rolle spielt, können Kundenbesuche oft von diesen übernommen werden. Das ist auch der Grund, warum beispielsweise IBM ein riesiges, modernes Digital-Sales-Center in Dublin aufgebaut hat. Oder warum wir zwei neue Sales-Hubs in Amsterdam und Kairo aufbauen und rund 1400 Inside-Sales-Mitarbeiter einstellen.

Das klingt aber so, als brauchten Bewerber eine Menge Fachwissen?

Nicht unbedingt. Es gibt neben Senior- auch Einstiegspositionen. Natürlich sollte man einigermaßen technikaffin sein und Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge haben. Schon mal im Marketing oder im Vertrieb gearbeitet zu haben, ist sicher von Vorteil. Alles andere bekommt man aber in den entsprechenden Trainings beigebracht.

Worauf kommt es dann an?

Auf die Persönlichkeit. Gesucht werden sozial kompetente, kreative Mitarbeiter. Da außerdem viele Teams multikulturell sind, müssen Kandidaten grundsätzlich weltoffen sein. In meinem ersten Team hatten wir unter anderem Mitarbeiter aus Frankreich, Spanien, Schweden, Irland, England, den Niederlanden und Italien. Das ist nicht ungewöhnlich. Ansonsten ist der typische Vertriebsmitarbeiter ein Mythos. So gibt es in jedem Team, je nach Anforderung, sowohl introvertierte als auch extrovertierte Typen.

Wo Sie gerade von multikulturellen Teams sprechen: Welche Unterschiede fallen Ihnen im Vergleich zu Deutschland auf?

Es gibt wahnsinnig viele Unterschiede. Neben dem extrem jungen Durchschnittsalter und der bereits erwähnten Internationalität, sticht vor allem die Durchlässigkeit nach oben ins Auge: Während in Deutschland oft erwartet wird, mehrere Jahre dieselbe Position zu bekleiden, geht hier alles etwas schneller. Zwei Beförderungen innerhalb von drei Jahren sind keine Seltenheit.

In Dublin selbst geht es ähnlich international zu: Neben Expats tummeln sich in der Stadt viele Backpacker und Südamerikaner, die dort ihr Englisch verbessern wollen. Es ist ganz normal, in einer der vielen Bars der berühmten Temple Bar Area fünf verschiedene Sprachen an einem Abend zu hören.

Aber die hören Sie ja schon in Ihrem Team.

Absolut. In Dublin kommt es aber nicht selten vor, nach Feierabend auch mit dem gesamten Team inklusive Manager noch das ein oder andere Pint zu trinken. Freitags können es auch mal Baby Guinness Shots sein...

Sie selbst sind aber schon wieder weiter- und von Dublin nach Málaga umgezogen...

Das ist richtig. Und das ist das Tolle an diesem Beruf. Da sich auch in anderen Städten ähnliche Tech-Hubs entwickeln, kann man als Digital-Sales an vielen Standorten arbeiten. Zum Beispiel in London, Barcelona oder eben in Dublin. Wir selbst haben Standorte in Dublin, Prag, Dubai, Potsdam und Málaga. In Kürze kommen, wie schon erwähnt, Hubs in Amsterdam und Kairo dazu...

Warum dann Málaga?

Nach etwas über einem Jahr als Business Development Consultant wurde ich zum Territory Manager befördert. Dass die neue Stelle in Málaga war, und ich so die Möglichkeit bekam, eine neue Kultur und Sprache zu lernen, war ein schöner Nebeneffekt.

Sicher ein Traum für manche unserer Leser. Angenommen, deren Interesse ist nun geweckt: Was wäre der beste Einstieg?

Ich würde nicht viel Zeit mit Bewerbungsportalen verschwenden. Auch wenn man in der Regel später eine formale Bewerbung einreichen muss, ist es am einfachsten, direkt den zuständigen Recruiter anzusprechen. Der kann gleich sagen, ob etwas verfügbar ist und ob das Profil passt.

Noch besser ist es, sich direkt an jemanden aus dem Zielunternehmen zu wenden, da man so direkt empfohlen werden kann und wertvolle Tipps für das Vorstellungsgespräch erhält. Wer sich für Oracle interessiert, kann sich diesbezüglich gerne an mich wenden...

Sie würden also immer wieder ins Ausland gehen?

Unbedingt. Leider muss man sagen, dass immer noch relativ wenige Deutsche die Möglichkeiten im Ausland nutzen. Hätte ich diesen Schritt damals nicht gemacht, wäre ich wahrscheinlich nie in Irland gelandet und würde heute kein Spanisch sprechen. Und an der Costa del Sol direkt am Strand zu leben, hat natürlich seine Vorzüge. Und selbst wenn man nach ein, zwei Jahren feststellt, dass man doch etwas anderes machen möchte: Zwei, drei Jahre Vertriebs- und Auslandserfahrung machen sich immer gut im Lebenslauf!

Herr Kösemehmetoglu, Danke für das Gespräch.

[Bildnachweis: Hob Spillane by Shutterstock.com, Jakob Kahl]