Vor kurzem beschrieb ich hier, was das eigene Büro über die Motivation, Arbeitsweise und den Charakter seines Bewohners verraten kann und wie die jeweiligen Signale interpretiert werden – und wie man die nonverbalen Indizien gezielt für die eigene Karriere einsetzen kann. „Sobald jemand verstanden hat, dass er den Eindruck, den sein Büro hinterlässt, auch manipulieren kann, kann er Botschaften senden, die über das hinaus gehen, was er tatsächlich ist“, sagt etwa die britische Verhaltenspsychologin Donna Dawson. Und der Schreibtisch als Projektionsfläche Nummer 1 verrät Besuchern und Chefs freilich am meisten über den Bürobewohner.
Dawson hat hunderte solcher Büros inspiziert und dabei festgestellt, dass sich das Gros auf sechs typische Schreibtischformen und damit sechs Persönlichkeiten kondensieren lässt. „Dabei erzählt das, was sich nicht auf Ihrem Schreibtisch findet, genauso viel, wie das, was offensichtlich ist“, sagt Dawson. Hier ihre sechs Schreibtisch-Typen, und was sie über sich verraten:
- Die Funktionsfläche – Dieser Arbeitsplatz ist stets pikobello aufgeräumt, super durchorganisiert und hochfunktional aufgebaut. Mauspad, Stift und Kalender sind akurat angeordnet und ergonomisch sinnvoll ausgerichtet. Hier greift ein Rädchen in das andere, so dass kaum Raum für Unordnung bleibt. Ein klarer Fall: Hier haust ein Kontrollfreak, würde man denken. Falsch. Für Dawson ist das vielmehr ein sicheres Signal für einen Bewohner mit starken Stimmungsschwankungen. Jemand, der gebraucht und beachtet werden will – und sich als Organisationstalent empfiehlt. Somit haust hier auch jemand, der gerne hilft, wenn man ihn fragt.
- Das Oberflächenchaos – Dieser Schreibtischtäter wäre wahnsinnig gerne aufgeräumter, organisierter – aber schafft es nicht. Das Chaos führt hier eine Art Eigenleben mit unbedingtem Überlebenswillen. Das Ergebnis ist ein oberflächliches Tohuwabohu mit System. Verloren geht hier dennoch nichts. Hunderte von Zeitungsschnipseln und Merkzetteln, die drei Kaffeetassen, die längst eine Spülung vertragen könnten und die Wanderdünen aus Aktendeckeln deuten deshalb auf einen liebenswerten Workoholic hin, der immer ein bisschen gestresst wirkt – nicht zuletzt, weil er sich gerne ablenken lässt und ein Schwätzchen mit den Kollegen der längst überfälligen Aufräumaktion vorzieht. Dieser Typ ist in der Regel flexibel einsetzbar und ein brillanter Kopf bei Brainstormings.
- Der Schautisch – Auch hier türmen sich Papierberge, Bücherstapel und Post-It-Notizen. Jedoch bewusst, um Vielseitigkeit und ein breites, kreatives Interesse zu signalisieren. Moderne Technik findet sich hier nur, wenn die Geräte gerade angesagt sind und als trendy gelten. Dieser Schreibtischtyp sieht sich als kreativer Kopf. Details schätzt er nicht, lieber denkt er lateral und in großen Visionen. So jemand mag es beschäftigt zu sein (oder zumindest so zu wirken), vernachlässigt aber schon mal seine Sorgfaltspflichten.
- Die Gedenktafel – ist übersät mit persönlichen Gegenständen und Erinnerungen: Familienfotos, Urlaubsbilder, Kinderzeichnungen, Pflanzen, Kundengeschenke. Das gesamte Arrangement setzt nicht selten an den Wänden fort. Und nicht selten neigen solche Typen dazu, sogar Kosmetika auf ihrem Schreibtisch zu drapieren, wie Handcremes oder Vitaminpillen. Obligat: die Flasche stilles Wasser und andere Erfrischer wie Raumdüfte. Wer ein solches Arbeitsumfeld pflegt, braucht meist viel Aufmerksamkeit und konstante Unterhaltung im Job, sonst droht Langeweile – und die schätzt dieser Typ gar nicht. Zudem sind solche Charaktere aufgeschlossen und kontaktfreudig, aber selten diskret.
- Die Repräsentatenplatte – Diese Arbeitsfläche hat etwas klinisches, künstliches und repräsentiert vor allem das Unternehmen, für das dieser Büromensch arbeitet. Keine persönliche Note, kein Einrichtungs-Schnickschnack, nur pure Funktionalität. Wer hier arbeitet, trägt vermutlich eine professionelle Maske. Kaum jemand kennt den Menschen dahinter – und er hat auch nicht vor, das zu ändern. Solche Typen sind in aller Regel nett, pflegen die Grundkontakte zu ihrem Team, gehen mit ihnen gemeinsam Mittagessen. Aber wer sie wirklich sind, was sie denken und wollen, bleibt ihr Geheimnis.
- Der Trophäen-Tisch – Auf den ersten Blick wirkt dieses Büro überfrachtet bis verkramt. Tatsächlich aber erfüllt hier jeder Gegenstand seinen Zweck: Er soll den Bewohner in ein positives Licht rücken. Es wimmelt geradezu von Dokumenten vergangener Erfolge, exklusiver Reisen und sportlicher Höhenflüge. Es ist der Tisch eines Anführers. Solche Typen streben nach vorn, wollen etwas erreichen, das dann aber auch zeigen und gewürdigt wissen. Andernfalls schmollen sie.



Réka
Im Grunde genommen bin ich damit einverstanden, dass die Arbeitsumgebung viel über einen Menschen sagen kann. Und ja, wir haben auch die Möglichkeit, diese Eindrücke zu manipulieren.
Ich glaube aber nicht, dass wir 6 oder irgendwieviel Kategorien unterscheiden können. Die interessantesten Informationen sind oft nicht so eindeutig. Wenn wir die andere Person nicht kennen, können wir nur oberflächlich beurteilen, ob z. B. die Ausrichtung ergonomisch oder ein Gegenstand persönlich ist.
Jochen Mai
@Réka: Das ist aber jetzt so ne gefühlte Meinungssache. Du “glaubst” nicht, dass wir das können. Okay. Das ist dann das Bekenntnis deines Glaubens. Die Studien von Gossling oder Dawson zeigen aber, dass selbst fremde Menschen sehr genaue Charakterbeschreibungen über jemanden abgeben können, allein weil sie dessen Räume besichtigt haben. Und damit sagen sie natürlich auch, dass zwar nicht eine einzige, sehr wohl aber die Raumsignale insgesamt ein eindeutiges Bild abgeben.
Gut, ob es 6 oder 9 Typen sind, ist natürlich eine Frage der Definition: Man kann sagen, es gibt nur zwei Sorten Schrauben: Holzschrauben und Metallschrauben. Man kann aber auch sagen, es gibt Kreuzschrauben, Toxschrauben, Schlitzschrauben, Imbusschrauben… Und man kann sie auch noch Länge oder Kopfform unterscheiden . Aber alle hätten damit aus ihrer jeweiligen Definition recht.
Réka
Im Bereich Schrauben kenne ich mich nicht gut aus. (typische Frau – könnte man sagen. :-) ) Wenn wir über Persönlichkeitstypen sprechen, bin ich mit Kategorien lieber vorsichtig, da es immer große Schnittmengen gibt. Büros, wo der Schreibtisch super aufgeräumt ist, und an den Wänden zahlreiche Familienfotos hängen.
Wenn ein wildfremder Mensch einen Schreibtisch besichtigt, kann er die Persönlichkeit des Besitzers ganz gut beurteilen – das kann ich mir leicht vorstellen. Sogar besser als deren beste Freunde (wie im Flurfunk-Artikel geschrieben war) – das ist schon unglaublich für mich. Und wenn der Beobachter versucht, den gesehenen Tisch in eine von 6 Kategorien einzustufen, wird die Beurteilung oberflächlicher.
Jochen Mai
@Réka: Dass Fremde aufgrund von Zimmern Bewohner besser einschätzen als deren beste Freunde, mag unglaublich sein, ist aber dokumentierte Forschung. So ganz unglaublich finde ich das aber nicht – denn Freunde neigen dazu, bestimmte Macken einfach erst zu tolerieren und dann zu ignorieren. Das ist zwar gesund für eine Freundschaft, färbt aber die Einschätzung rosaner.
Was die sechs Kategorien betrifft: Da steht nicht, dass es keine Schnittmengen gibt. Da steht auch nicht, dass es nur 6 Typen gibt. Tatsächlich steht da, dass sich das Gros auf diese 6 Typen kondensieren lässt. Das heißt: Es sind 6 Ober- oder Hauptgruppen, die in sich sicher noch viel detaillierter sein können. Aber 100 Typen aufzuzählen ist weder leserfreundlich, noch hilft es dem Verständnis.
Hannes
Mir fällt da spontan ein sehr alter Spiegel Artikel ein:
Jochen Mai
@Hannes: Oder der hier aus dem Blog:
http://karrierebibel.de/hochstapler-ein-bisschen-chaos-macht-kreativ/
Réka
Die Ergebnisse dokumentierter Forschungen in Bereichen wie Psychologie und Sozialwissenschaften sind oft auch miteinander nicht im Einklang. Meiner Meinung nach ist das völlig in Ordnung: wir können von diesen Experimenten sehr viel lernen, obwohl wir die Ergebnisse nicht als wissenschaftlich bewiesene Fakte betrachten sollen.
Diese Kategorien benehmen sich meiner Meinung nach wie Stereotypen. Im Allgemeinen helfen sie dabei, die Phänomene zu verstehen. Im Einzelfall können sie aber erschweren, ein präzises (und individuelles) Bild zu schaffen.
Jochen Mai
@Réka: Ein präzises Abbild gibt es sowieso nicht. Und natürlich sind Typologien Stereotypen – da steckt die Familien schon im Wort. Als wissenschaftlich bewiesene Fakte darf man sie zumindest aber temporär annehmen. Solange, bis eine bessere Studie etwas genaueres oder anderes beweist. Das kann man zurzeit herrlich in der Hirnforschung betrachten, wie sie bisher geglaubte Fakten umstößt. Allerdings ist das der Lauf der Dinge: Eine Wahrheit gilt solange als wahr, bis ihr Gegenteil bewiesen ist. Wer alles stets in Zweifel zieht, hat am Ende nichts mehr, woran er sich orientieren kann.
Réka
Genau wie du sagst: diese Ergebnisse dienen als gute Orientierungspunkte und Denkanstöße. Ich würde sie aber nicht als bewiesene Wahrheit betrachten. Ich denke, dass ich an solchen Ergebnissen ruhig zweifeln darf.
Ich bin damit einverstanden, dass Freunde einige Fehler oft ignorieren. Ob der wildfremde Teilnehmer des Experiments die Persönlichkeit besser beschreiben kann, bin ich nicht überzeugt. Eine Voraussetzung hinter dieser Aussage ist, dass der Leiter des Experiments die Persönlichkeit des Schreibtischbesitzers am besten kennt – d. h. er kann beurteilen, welche Charakterisierung treffender ist.
Jochen Mai
@Réka: Nee, nee. Die Bewohner beurteilten hinterher, welche Beschreibung sie zutreffender fanden. Das kann der Versuchsleiter ja gar nicht entscheiden ohne vorher ein intensives Persönlichkeitsprofil angelegt zu haben.
Réka
@Jochen: Entschuldigung, das habe ich dann falsch verstanden. Ein großer Unterschied zwischen dem Selbstbild und der Beschreibung von Freunden ist schon allein merkwürdig. Besonders bei Führungskräften wäre es interessant, auch die Meinung von Kollegen zu kennen: sind sie lieber mit den Freunden oder “mit dem Schreibtisch” einverstanden?
Ein interessantes Thema; hoffentlich werden Dawson & Co die Experimente fortsetzen.
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