Früher arbeiteten die Menschen, um zu leben, heute leben die Menschen, um zu arbeiten. – Berthold Brecht

Arbeitssucht – es betrifft zwischen 200.000 und 300.000 Bundesbürger, schätzt etwa der Bonner Wirtschaftspsychologe Stefan Poppelreuter (pdf). Laut einer Studie der Universität Bonn (pdf) neigt sogar jeder siebte Arbeitnehmer zu arbeitssüchtigem – auch Workoholismus genannt – Verhalten. Menschen, die daran leiden, arbeiten nicht einfach nur besonders viel oder besonders hart. Sie sind schlichtweg nicht in der Lage, ihre Arbeit zu beenden – weder physisch noch mental. Das heißt: Einen echten Feierabend kennen sie nicht. Selbst in der Freizeit wälzen sie Probleme, im Urlaub bleiben sie – dank moderner Technik – mit dem Büro verbunden und erholsamer Tiefschlaf ist für sie nur eine andere Bezeichnung für Koma. Kurz: Die Arbeit ist nicht Teil ihres Lebens, sie IST ihr Leben.

Jedoch nicht aus Zwang, sondern freiwillig. In vielen Unternehmen gilt die Arbeitssucht durchaus als schick, teils ist sie sogar fester Bestandteil der Unternehmenskultur – dann etwa, wenn schon schief angeschaut wird, wer nach nur zehn Stunden im Büro endlich nach Hause will.

Nicht selten wird der Begriff im Gegensatz zu seiner ursprünglichen Bedeutung – nämlich Gesundheit und Wohlbefinden für die Arbeit zu vernachlässigen – heute im positiven Sinne gebraucht: für opferbereite Leistungsträger, denen ihre Arbeit so viel Vergnügen bereitet, dass sie nicht mehr davon lassen können.

Workoholismus ist ein typisches Produkt unserer modernen Leistungsgesellschaft, kann diese aber auch zugrunde richten. Schätzungen zufolge kostet ein Arbeitssüchtiger ein Unternehmen 200.000 Euro – dann, wenn aus dem vermeintlichen Über-Leistungsträger ein Ausgebrannter wird, der an Burnout-Syndrom oder gar einer veritablen Depression laboriert.

Workaholics sind Narzissten

Arbeitssucht entsteht allerdings nicht über Nacht. Es ist eher ein schleichender Prozess. Und – wie jetzt neueste Studien zeigen – manchen sind davon mehr betroffen als andere. So sind etwa Geltungsbedürfnis und übersteigerter Narzissmus häufig die Hauptantriebsfedern für Workaholics und damit eher ein Problem der Arbeitnehmer, als eines der Unternehmenskultur. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die in der jüngsten Ausgabe des Magazins Personality and Individual Differences veröffentlicht wurde. Ariel Lelchook, Marcie Taylor und Malissa Clark haben dazu die sogenannten Big Five-Charaktereigenschaften im Zusammenhang mit Arbeitssucht untersucht. An der Studie nahmen 322 jobbende Studenten, die etwa 36 pro Woche neben dem Studium arbeiten, teil. Das Durchschnittsalter lag bei 24 Jahren, und die Mehrheit der Befragten (73 Prozent) waren Frauen. Mit Hilfe von Selbsteinschätzungstests wurde ermittelt, wie die fünf Charakterzüge den Arbeitseifer beeinflussen. Ergebnis:

  • Narzissmus verstärkte die Auswirkungen der vorhandenen Ungeduld und Zwanghaftigkeit. Der Arbeitssüchtige, der glaubt sowieso alles besser zu können, erledigt anfallende Aufgaben lieber selbst.
  • Auch Neurotizismus fördert die Arbeitssucht, weil es das vorhandene Suchtpotenzial noch einmal verstärkt.
  • Die Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen wiederum führt dazu, dass stetig neue Aufgaben oder Interessensfelder hinzukommen. Der zu Multitasking neigende Arbeitssüchtige versinkt so erst recht in Arbeit.
  • Aber auch Gewissenhaftigkeit in Verbindung mit Zweifeln daran, etwas bewirken zu können, erhöhen die Gefahr der Arbeitssucht zu verfallen. Insbesondere übersteigerter Perfektionismus ist ein Arbeitssuchtauslöser: Er sorgt dafür, dass bereits (von Mitarbeitern oder Kollegen) erledigte Arbeitsschritte nochmals haarklein kontrolliert und doppelt ausgeführt werden.
  • Ebenso steigert Verträglichkeit den Arbeitszwang. Der Wunsch, es allen recht zu machen und möglichst beliebt zu sein, führt dazu, sich noch extremer über die Arbeit und deren Erfolge zu definieren.
Betroffene Berufsgruppen

Allerdings ist es auch so, dass nicht alle Berufsgruppen gleichermaßen von Workoholismus betroffen sind. Arbeitssüchtige Unternehmer und Top-Manager sind eher die Ausnahme. Workaholics finden sich dafür umso häufiger auf mittleren und untersten Führungsebenen. Die frisch erlangte Führungsverantwortung deckt dann die zunächst noch vorhandenen Defizite auf: Etwa die Unfähigkeit Aufgaben zu delegieren. Schon sind die Jungmanager im Hamsterrad gefangen. Noch stärker gefährdet aber sind Berufe, in denen Dank und Anerkennung eine große Rolle spielen. Also zum Beispiel:

  • Ärzte und Krankenschwestern
  • Betreuer und Erzieher
  • Psychiater und Psychologen
  • Berater und Coaches

Letztlich bilden die Sucht nach Anerkennung und die Arbeitssucht hierbei im Extrem eine unheilige Symbiose und sich selbst verstärkende Spirale nach unten. Die Folgen sind offensichtlich: Wer immer nur arbeitet, arbeitet, arbeitet ohne sich je zu erholen oder sich von der Meinung und Zuneigung anderer unabhängig macht, wird früher oder später ausbrennen. Erst bleiben die guten Ideen weg, dann der Spaß und schließlich werden auch Leistungskraft und Ergebnisse leiden.

Workaholic-Selbsttest

Falls Sie sich nun fragen, ob Sie zu den Gefährdeten gehören und auf dem besten Weg sind, ein Workoholic zu werden: Wir hätten da einen kleinen Selbsttest für Sie… Lesen Sie sich die folgenden Aussagen durch und merken Sie sich wo und wie oft Sie insgeheim zustimmen können:

    [ ] Ich ärgere mich selbst über die kleinsten Fehler, die ich mache.
    [ ] Ich bin grundsätzlich beschäftigt und betreue viele Projekte gleichzeitig.
    [ ] Ich bin mehr am Ergebnis meiner Arbeit als an der Arbeit selbst interessiert.
    [ ] Ich erledige zwei oder drei Dinge häufig zur gleichen Zeit.
    [ ] Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal nicht arbeite.
    [ ] Ich habe Probleme mich zu entspannen, wenn ich nicht arbeite.
    [ ] Ich mache lieber alles selbst, anstatt um Hilfe zu bitten.
    [ ] Ich möchte konkrete Ergebnisse sehen, so bald die Arbeit erledigt ist.
    [ ] Ich opfere mehr Zeit und Energie für meine Arbeit als für meine Beziehungen.
    [ ] Ich setze mich oft mit knappen Terminen unter Druck.
    [ ] Ich verbringe selbst meine Freizeit mit Arbeitskollegen und Geschäftspartnern.
    [ ] Ich werde gereizt, wenn man mich während der Arbeit unterbricht.
    [ ] Ich werde nervös, wenn ich eine Situation nicht im Griff habe.
    [ ] Ich werde ungeduldig, wenn ich warten muss oder etwas zu lange dauert.
    [ ] Ich werde wütend, wenn andere nicht meinen hohen Anforderungen entsprechen.

Haben Sie bei mehr als der Hälfte der Aussagen stumm genickt?

Dann sind Sie gefährdet und sollten sich dringend eine Pause gönnen sowie diese zur Reflexion nutzen. Und: Investieren Sie mehr Zeit in Freundschaften und Beziehungen! Sie wirken wie ein soziales Korrektiv: Oft sind es allein die guten Freunde, die einem unverblümt sagen, dass man sich zum Nachteil verändert hat. Sie kennen doch sicher diese Geschichte:

Ein Professor hält eine Vorlesung über Zeitmanagement. Vor ihm steht ein leerer Eimer. Er schüttet bis zum Rand Kieselsteine hinein. Dann fragt er seine Studenten, ob der Eimer voll ist. Die nicken. Der Professor rümpft die Nase und schüttelt den Kopf. Er nimmt einen zweiten Beutel mit kleinen Steinen, schüttet ihn ebenfalls in den Eimer, rüttelt ein wenig, bis alle versunken sind. „Ist der Eimer jetzt voll?“, fragt er seine Studenten. Die sind etwas verunsichert, bejahen aber die Frage. Der Professor schüttelt wieder den Kopf und schüttet noch einen Beutel Sand in den Eimer. Dasselbe Spiel: Nach einigem Rütteln ist auch der vollständig im Eimer verteilt. „Aber jetzt ist der Eimer voll?!“, fragt der Prof ins Auditorium. Die Studenten nicken siegessicher. Denkste! Der Professor nimmt zwei Flaschen Bier, öffnet sie und kippt sie in den Behälter. Das Bier versickert. „Jetzt – ist der Eimer voll“, sagt der Professor. Dann macht er eine Kunstpause und fragt die Studenten: „Nun, meine Damen und Herren, was haben Sie heute gelernt?“ Keine Antwort. Der Wissenschaftler lächelt, schiebt den Eimer beiseite und erzählt eine Parabel: „Sie haben heute etwas über Ihr Leben gelernt. Die Kieselsteine, das sind die großen Brocken, die wichtigsten Dinge in Ihrem Leben – Familie, Freunde, Gesundheit. Die nehmen das meiste Gewicht, den größten Platz in Ihrem Leben ein. Die kleinen Steine, das ist Ihre Ausbildung, der spätere Job. Er kann Sie ausfüllen. Aber er macht Ihr Leben nicht voll. Denn dazu fehlt der Sand – Ihre Hobbys, kleine Wünsche und Ziele, die Sie sich selbst gesteckt haben.“ Die Studenten gucken nachdenklich. Dann fragt einer: „Aber was ist mit dem Bier?“ Der Dozent lächelt: „Wenn Sie das nächste Mal ein guter Freund oder ein Kollege fragt, ob Sie sich mal wieder treffen wollen, dann denken Sie nicht, Sie seien ach so beschäftigt und Ihr Leben sei so randvoll, dass Sie dafür keine Zeit mehr hätten. Sie sehen selbst: Zwei Bier gehen immer!“