Sind Sie kreativ? Und wenn ja, sind Sie stolz darauf? Nachvollziehbar wäre es, denn Kreativität wird meistens mit positiven Eigenschaften wie Flexibilität, einer schnellen Auffassungsgabe, künstlerischer Neigung und unkonventionellen Lösungen assoziiert. Kreativität wird – zumindest auf den ersten Blick – also durchweg positiv gesehen. Doch das stimmt nicht ganz, denn Begriffe wie der des exzentrischen Künstlers, des wahnsinnigen Genies oder der launischen Diva sind Hinweise darauf, dass Kreativität eben auch dunkle Seiten hat. So lange diese Schattenseiten Ihnen als kreativem Menschen bewusst sind, ist das kein Problem, dann können Sie diese kontrollieren. Deshalb beschäftigen wir uns heute damit und zeigen Ihnen Wege auf, diese Seiten unter Kontrolle zu bringen.
Kreative lügen häufiger
Viele kreative Menschen sind professionelle Lügner, die auch noch dafür bezahlt werden, möglichst gute Lügen zu erfinden. Bevor Sie sich jetzt aufregen: Das ist völlig in Ordnung, denn gut erzählte Romane und Filme sind im Endeffekt nichts anderes als künstlerisch gesponnene Lügengeschichten. Jeder Leser und Zuschauer weiß natürlich, dass es sich dabei nicht um die Realität, sondern Fiktion handelt. Daher ist diese Form der Lüge vollständig akzeptiert. Doch einer Studie zufolge neigen kreative Menschen auch im Alltag dazu, Lügen als einen Ausweg zu sehen. Die Wissenschaftler gaben den Teilnehmern der Studie einige typische Alltagsprobleme vor. Kreative Menschen bedienten sich häufig einer Lüge, um die Situationen schnell zu lösen. Oder anders ausgedrückt: Sie gingen kreativ mit der Wahrheit um. Andere Studien kamen sogar zu dem Ergebnis, dass kreative Menschen bei Spielen eher betrügen und ihren Betrug dann im Nachhinein leicht rechtfertigen konnten. Das kann eine bequeme Lösung sein, bringt im Arbeitsalltag jedoch ein Problem mit sich: Kollegen und Vorgesetzt bemerken “kleine” Lügen und Betrügereien immer wieder.
Und wenn ein Mitarbeiter wiederholt beim Lügen erwischt wird, sinkt seine Glaubwürdigkeit schnell gegen Null. Auch wenn die Versuchung zu lügen vielleicht groß ist, sollten kreative Menschen immer an die langfristigen Folgen denken und bei der Wahrheit bleiben. Das ist vielleicht nicht so bequem, auf Dauer aber die bessere Lösung.
Kreative neigen zu Arroganz
Eine der Stärken von kreativen Menschen ist: Sie sind offen für neue und ungewöhnliche Ideen und befassen sich mit unkonventionellen Ansätzen. Doch können sie ihr Umfeld ebenfalls für neue Ideen begeistern? Können sie ihren Mitmenschen verständlich machen, worum es bei diesen neuen Ansätzen geht? Leider nicht. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine Studie der Universität von North Carolina in Greensboro. Eigentlich wollten die Forscher mit ihrer Untersuchung testen, wie gut ihre Testpersonen mit anderen Menschen zurecht kommen und wie umgänglich sie sind. Hier zeigten sich bei Kreativen keine positiven Auffälligkeiten. Doch im Lauf der Studie wurde deutlich, dass kreative Menschen eher Probleme mit anderen Personen haben, da sie wenig bescheiden und ganz und gar nicht zurückhaltend waren, wenn es um ihre eigene Person ging. Anders ausgedrückt: Kreative Menschen sind nach den Ergebnissen der Studie arrogant.
Diese Arroganz tritt häufig in Kombination mit einem starken Misstrauen der kreativer Menschen gegenüber ihrer Umwelt auf. Diese Misstrauen ist nachvollziehbar, denn Kreative neigen zu unkonventionellen Lösungen. Das führt dazu, dass sie dem ersten Eindruck häufig misstrauen, genauer hinschauen und neue Perspektiven einnehmen. Kurz gesagt betrachten Sie Ihre Umgebung öfter mit Misstrauen und Skepsis. Diese Annahme haben Jennifer Mayer und Thomas Mussweiler in einem Experiment überprüft und fanden einen deutlichen Zusammenhang zwischen Misstrauen gegenüber den Mitmenschen und kreativen Ideen. Das Erstaunliche: Misstrauen führte nur dann zu innovativen Lösungen, wenn die Versuchsteilnehmer davon ausgehen konnten, dass ihre kreativen Ideen nicht öffentlich werden. Sobald die Möglichkeit bestand, dass die Lösung öffentlich bekannt werden könnte, sank die Kreativität deutlich. Das könnte ein Grund dafür sein, dass Kreative oft nicht als solche erkannt werden: Da sie ihrer Umwelt misstrauen, behalten sie ihre Ideen für sich.
Kreative neigen zum Exzentrischen
Das sprichwörtlich verrückte Genies kennt jeder, doch wie viel Wahrheit steckt darin? Studien kommen hier zu einem gemischten Ergebnis: Zwar ist eine psychotische Neigung bei kreativen Menschen stärker ausgeprägt als Menschen mit geringer Kreativität. Diese Neigung wird jedoch meist durch hohes Selbstbewusstsein, Intelligenz und Selbstbeherrschung ausgeglichen. Zudem kommt es auf den Bereich an, in dem die Kreativität zum Ausdruck kommt. Bei kreativen Begabungen im naturwissenschaftlichen Bereich ist die geistige Stabilität und Gesundheit am stärksten ausgeprägt, während sie in den Sozialwissenschaften – übrigens auch in der Psychologie – abnimmt und im künstlerischen Bereich ihren Tiefpunkt erreicht.
Verrückt sind kreative Menschen deshalb nicht automatisch, viele können jedoch durchaus als exzentrisch bezeichnet werden. Wenn Sie selbst eine exzentrische Neigung haben sollten Sie für genug Ausgleich und Ruhe sorgen, denn solche Neigungen treten vor allem in Stresssituation und unter andauernder Belastung deutlich hervor.
Die dunkle Seite der Kreativität
Gewiss, Kreativ zu sein und so zu denken, bringt viele Vorteile mit sich und ermöglicht einem völlig neue Perspektiven und enormes schöpferisches Potenzial. Das freut dann meist auch den Chef und die Kollegen. Doch mit den negativen Seiten der Kreativität kommt das Arbeitsumfeld in der Regel weniger gut klar. Die negativen Aspekte lassen sich zwar nicht von heute auf morgen ändern, doch zumindest schon einmal reflektieren. Und das ist schon mal ein erster kreativer Umgang damit.







Astrid Radtke
Wenn ich da an unseren letzten BP denke, bin ich von dessen Kreativität beim Lügen nicht so sehr überzeugt.
Lassen wir es mal dabei, Kreative haben viel Phantasie. Auch nicht jede Phantasiegeschichte von Kindern sind Lügengeschichten. Die Lügner, mit denen ich es im Allgemeinen zu tun hatte, waren weniger kreativ als feige bzw. sind den Weg des geringeren Widerstands gegangen.
Hier gleich von “dunklen Seiten” der Kreativität zu sprechen, halte ich doch für weit hergeholt. Vielleicht lässt es sich auf den Nenner bringen: Kreative sind geistig beweglicher und wissen das manchmal auch für sich zu nutzen.
Und wer von sich behauptet nie in seinem Leben egoistisch gehandelt zu haben, der ist nicht nur ein Lügner, sondern gibt auch noch zu völlig unkreativ zu sein ;-)
Media Addicted
Jede Begabung hat ihre Vor- und Nachteile, jeder Mensch, auf HR-deutsch: jedes Profil, hat seine Vor- und Nachteile.
Nur: mit keinem Profil wie den “Kreativen” tun sich Führungskräfte und Unternehmen an und für sich so schwer. Sie kriegen die Menschen nicht in den Griff, weil ihre Organisation dafür nicht taugt, sie scheitern daran, das Potential zu nutzen und beschränken sich deswegen gerne darauf, auf den Nachteilen dieser Profile rumzuhacken. Warum? Weil sie selbst hierarchisch und völlig unflexibel aufgestellt sind und meist ebensolche Persönlichkeiten als Führungskräfte anheuern – die dann daran scheitern, diese Potentiale zu nutzen.
Andererseits jammern alle, dass man unbedingt mehr Kreativität braucht und für das Unternehmen nutzbar machen muss.
Ein klassischer Fall von Führungsversagen und Fehlorganisation also.
Astrid Radtke
Kreativität ist zunächst mal ein Prozess, der im Kopf stattfindet und das Ergebnis sichtbar wird in einem Satz, durch einem Bild. Jedenfalls etwas, was sich der Vorstellungskraft derer entzieht, die viele Seiten und Menschen brauchen, um sich durchzusetzen.
Wer immer schnell Ergebnisse möchte, dem sind Menschen, die über etwas nachdenken suspekt. Kreativität ist scheinbar nicht messbar, schlimmer noch sie spielt sich zunächst unsichtbar im Kopf anderer ab. Für einen Kontrollfreak mit dem Sparstift in der Hand unvorstellbar. Dass gute Ideen Zeit brauchen, um auch in Firmen zu Zahlen zu werden, hat sich komischerweise noch nicht überall rumgesprochen.
Deshalb werden kreative Leistungen auch immer schlechter bezahlt.
Tanja Ries
Lieber Christian Müller,
mir juckt es natürlich in den Fingern bei diesem Artikel ;-).
Was ist eigentlich Kreativität? Wer ist eigentlich ein “Kreativer”? – Schon in der Definition dessen scheiden sich die Geister.
Was jedoch schon im Wort angelegt ist, dass ist ihre (der Kreativität) Doppelgesichtigkeit: “Der Begriff Kreativität geht auf das lateinische Wort creare zurück, was so viel bedeutet wie „etwas neu schöpfen, etwas erfinden, etwas erzeugen, herstellen“, aber auch die Nebenbedeutung von „auswählen“ hat. Der Begriff enthält als weitere Wurzel das lateinische “crescere”, das “geschehen und wachsen” bedeutet. ” (Quelle Wiki)
Dieses Spannungsverhältnis findet sich ebenfalls in den meisten Kreativitätskonzepten die, wie Prof. Kruse oder Dr. Csikszentmihalyi die Kreativität eher als Prozess bzw. System beschreiben, denn als Eigenschaft oder gar Kompetenz einzelner Personen.
Findet sich diese jedoch im Individuum, so ist auch hier diese Doppelgesichtigkeit in der Persönlichkeit erkennbar. Csikszentmihalyi beschreibt in seiner Forschung als eines dieser Persönlichkeitsmerkmale die Spannung zwischen Demut und Stolz. Das gleichzeitige Anerkennen des “Nichtwissens”, dem immer wieder neu Staunen können über die Welt und deren Unergründlichkeit und Wunder, und der absoluten Überzeugung von der eigenen genialen Idee.
Eine Notwendigkeit um sich in der Wissenschaft hinzustellen und auf einmal zu behaupten: Die Erde ist eine Kugel – wenn alle anderen noch bei der Scheibe sind ;-). Und das mag dann bestimmt von dem ein oder anderen als “Arroganz” gewertet werden.
Um eine zutiefst positive Formulierung von Csikszentmihalyi ans Ende zu stellen:
“Wenn ich mit einem Wort zusammen fassen sollte, was ihre Persönlichkeiten von anderen unterscheidet, so wäre es Komplexität.
Damit meine ich, dass sie Denk – und Handlungsmuster zeigen, die bei den meisten Menschen getrennt sind. Kreative Persönlichkeiten vereinen widersprüchliche Tendenzen in sich – sie bilden keine individuelle “Einheit”, sondern eine individuelle “Vielheit”. Wie die Farbe Weiß, die alle Nuancen des Spektrums enthält, neigen sie dazu, das gesamte Spektrum menschlicher Möglichkeiten in sich zu vereinen.”
… und das mag für den einen oder die andere sogar wie ein “Lügen” erscheinen.
Beste Grüße. Tanja Ries.
Christian Mueller
Hallo Tanja,
mag sein, dass manche Gedankengänge kreativer Menschen für ihr Umfeld schlicht zu komplex sind. Doch Ausreden erfinden um sich gewisse Probleme vom Hals zu halten, ist nun mal lügen, egal aus welcher Perspektive ich das betrachte. Sicher lügen kreative Menschen nicht ständig, dennoch fällt es ihnen sehr leicht, überzeugende Geschichten und Ausreden zu erfinden, das verleitet dann auch mal dazu, das anzuwenden.
Andererseits können kreative Menschen diese Neigung zur Lüge ja auch kontrollieren, das fällt ihnen nur schwerer als weniger kreativen Menschen.
Das ist übrigens unabhängig davon, das Kreativität immer ein Prozess ist, das ist unbestritten der Fall.
Gruß,
Christian
Tanja Ries
Hallo Christian,
ich werde das in der nächsten Zeit in meiner Arbeit mit den “Kreativen” auf jeden Fall beobachten – das mit dem Lügen. Ja.
Viele Grüße. Tanja