Immer wieder E-Mails, Videokonferenzen, Projektwikis – all das macht die tägliche Arbeit schneller, zuweilen auch effizienter. Aber macht es sie auch besser? „Nein“, sagt der Wissenschaftler Gregory Northcraft. Er hat dazu ein paar Untersuchungen an der Universität von Illinois angestellt und kommt zu dem Fazit: All diese elektronischen Helferlein sorgen dafür, dass sich die persönliche Kommunikation zusehends verschlechtert. Die aber sei wichtig, um so etwas wie Vertrauen entstehen zu lassen, was wiederum dabei hilft, Wissen im Unternehmen zu teilen. „Die Technik macht uns effizienter, aber nicht effektiver“, sagt Northcraft. „Wir gewinnen damit zwar Zeit, verlieren aber an der Qualität von Beziehungen. Und die sind entscheidend.“
Insbesondere bei der zunehmenden Projektarbeit und anderen kollaborativen Arbeitsformen seien gute Beziehungen und Vertrauen untereinander das A und O. Wer nicht davon überzeugt ist, das andere alle relevanten Informationen teilen oder auch mit dem offenbarten Wissen gewissenhaft und kollegial umgehen, bringt sich automatisch weniger ein. Im schlimmsten Fall entsteht sogar eine Spirale des Misstrauens.
Bei Arbeitsbeziehungen von Menschen, die sich täglich Auge in Auge begegnen sei das grundlegend anders. „Diesen Kollegen glaubt man einfach mehr, dass sie auch tun, was sie sagen, dass sie tun“, sagt Northcraft.
Für seine Studie beobachtete der Forscher 200 Studenten, die in zwei Gruppen eingeteilt wurden, um im Team ein hypothetisches Projekt zu bearbeiten. Die eine Gruppe arbeitete physisch zusammen, die andere kommunizierte ausschließlich über E-Mail und Videokonferenzsysteme. Das Ergebnis war eindeutig und deckt sich auch mit anderen Studien: Das virtuelle Team vertraute sich kaum, lediglich die Videokonferenzen brachten ein wenig Motivations- und Kollaborationsschübe in die Runde – aber das Niveau der andere Gruppe erreichten sie nie. Auch nicht im Projektergebnis.
Entsprechend mahnt Northcraft die Unternehmen zum umdenken: Rein virtuelle Arbeitsformen – egal wie gut die Kommunikationstools auch sind – erzielen nicht die Qualität von Teams, die sich auch leibhaftig begegnen. „Physischer Kontakt ist das halbe Leben“, sagt Northcraft und glaubt dass seine Ergebnisse nicht nur aufs Büro, sondern auch auf private Beziehungen übertragbar sind: „Meine Eltern leben in North Carolina“, erzählt der Forscher. „Und obwohl ich ihnen viele E-Mails schicke, reicht das nicht. Ich muss sie ab und an auch besuchen, um die Beziehung wieder aufzufrischen und um die Verbundenheit aufrecht zu erhalten.“
Persönlicher Kommentar
Ich teile die Einschätzung zu 100 Prozent. Ich selbst habe über das Bloggen, Twittern und Facebooken sehr viele neue Leute kennengelernt. Aber wirkliche Beziehungen, die über gelegentliche Retweets deutlich hinausgehen, sind immer erst entstanden, nachdem man sich irgendwo auf einen realen Kaffee oder ein Bier getroffen hat.
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Karl-H. Heidtmann
Eindeutige, uneingeschränkte Zustimmung! Deshalb wird auch der Außendienstmitarbeiter in Zukunft keineswegs überflüssig werden. Im Gegenteil, wir werden vermutlich sogar einen “Retrotrend” erleben. Gerade wegen des anonymen bzw. distanzierten Internets sehenen sich die Menschen zunehmend nach einem echten menschlichen Kontakt.
Alexander Greisle
Der Kern ist IMHO das Wort “ausschließlich”. Wie immer im Leben spielt es sich zwischen den Polen ab. Die richtige Kombination macht’s aus, dann wird es gut. Die dem Studienmarketing geschuldete Absolutheit teile ich nicht. Es geht um einen Lernprozess, der sich noch dazu im Laufe der Generationen (ich meine Internet-Generationen ;-) verändert.
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