12 von Jochen Mai am 27. August 2007 → Test in Psychologie

Augenschein – Wir können nicht nicht wahrnehmen

BlinkaugeDas mit dem Durchblick ist so eine Sache. Zwar nehmen wir nicht immer alles wahr, gleichzeitig sind wir jedoch nicht in der Lage, unsere Wahrnehmung daran zu hindern, immer so viel wie möglich wahrzunehmen. Klingt kompliziert, ich weiß. Stammt ja auch aus dem Munde eines Wissenschaftlers, genauer: von den Hirnforscher Manfred Spitzer. Wie seine Forscherkollegen inzwischen ermittelt haben, versorgen unsere fünf Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen) das menschliche Gehirn mit rund 11 Millionen Bits Informationen – und das in jeder Sekunde. Das entspricht ungefähr 1,4 Megabyte Daten – der Größe einer alten Floppy-Disk –, die sich unsere grauen Zellen sekündlich reinziehen. Im gleichen Zeitraum verarbeitet unser Bewusstsein allerdings nur 40 bis 50 Bits davon. Der Rest, soweit er überhaupt verarbeitet werden kann, wandert ins Unterbewussstsein… und bringt es mitunter kräftig durcheinander.

Glauben Sie mir nicht? Dann probieren Sie es ruhig einmal aus. Diesen Chaos-im-Hirn-Effekt kann man durchaus provozieren – zum Beispiel mit Farben und der folgenden Tabelle: Lesen Sie diese Spalte für Spalte laut vor! Aber lesen Sie nicht die Wort, sondern nennen Sie nur die Farben in denen diese Worte geschrieben sind!


Schwarz+ Blau+ Gelb+ Rot+ Grün+
Blau+ Schwarz+ Rot+ Grün+ Gelb+
Rot+ Gelb+ Grün+ Schwarz+ Blau+
Grün+ Rot+ Schwarz+ Blau+ Schwarz+
Gelb+ Grün+ Blau+ Gelb+ Rot+

+

Und?! Sind Sie flüssig durchgekommen? Was Sie da eben erlebt haben, ist so eine Art Ad-hoc-Anomaloskop (wobei es hierbei freilich nicht darum geht, eine Rot-Grün-Schwäche zu diagnostizieren). Und falls Sie – wie die meisten Menschen übrigens – beim Vorlesen ins Stottern gekommen sind, so liegt dies eben genau an einer provozierten Sinnesüberreizung und einem anschließenden Widerspruch der Hirnaktivitäten: Das Lesen einfacher Worte (wie Rot, Grün, Gelb, Blau) ist ein automatischer, unwillkürlicher Akt, den man kaum unterdrücken kann. Das Erkennen und Nennen von Farben wiederum erfordert unsere willentliche Konzentration. In diesem Fall aber arbeiten beide Aktivitäten gegeneinander. Ihr Hirn bekommt über die Begriffe mehr Information als es verarbeiten kann und soll.

Dasselbe passiert übrigens häufig in der Kommunikation. Vor allem dann, wenn die Körpersprache unseres Gegenübers etwas anderes sagt als der Mund. Wir nehmen dann zwei widersprüchliche Aussagen wahr und bekommen dieses ungute Bauchgefühl, dass etwas nicht stimmt. Gut so – auch wenn Sie das vielleicht kurzfristig aus dem Konzept bringt. Denn auch das ist eine Form des Durchblicks. Entscheidend ist dann nur, dass Sie sich diese Information bewusst machen und nicht als Irritation übergehen.

Tags

Ähnliche Artikel
1. Kommentar

Excellence-Blog
27.08.07 um 23:40 Uhr

Tja, da wundert man sich, wie unterschiedliche beispielsweise Zeugenaussagen bei einem Unfall ausfallen. Es kommt am Ende nur darauf an, auf welche von den vielen Bits wir uns konzentrieren.

Apropos Bewußstsein, ich sehe gerade, dass Sie das aktuelle Buch meiner Literaturagentin Bettina Querfurth empfehlen. Kennen Sie Frau Querfurth auch persönlich?

2. Kommentar

Jan Schmidt
28.08.07 um 07:50 Uhr

Schöner Selbstversuch. Ich kam richtig ins Schleudern.

3. Kommentar

Jochen Mai
28.08.07 um 07:54 Uhr

@excellence: Aber sicher kenne ich Frau Querfurth. Eine sehr kompetente Kennerin des Buchmarktes.
@Jan: Immer schön üben!

4. Kommentar

Nicola
28.08.07 um 09:36 Uhr

Wieder was gelernt. Ich wusste vorher gar nicht, dass es so etwas wie ein Anomaloskop gibt. Und beim Vorlesen habe ich mich zur Belustigung meiner Bürokollegen mehrmals verhaspelt. Jetzt üben das hier alle und stoppen dazu die Zeit.

5. Kommentar

Excellence-Blog
28.08.07 um 11:15 Uhr

@ Karrierebibel: Das kann man wohl sagen. Für mein Erstlingswerk hatte Frau Querfurth erreicht, dass sich gleich drei renommierte Verlage darum beworben haben!

Obwohl sie (bescheiden wie sie ist) immer wieder betont, dass es am Thema liegt, aber wieviel spätere Erfolgsautoren haben sich für ihr erstes Werk im wahrsten Sinne des Wortes nicht die Hacken abgelaufen?

Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass es nicht ganz so problematisch ist, wenn man sein Talent schon bei der WiWo unter Beweis stellen konnte :-) Ich freue mich daher schon auf die gedruckte Karrierebibel.

6. Kommentar

Jochen Mai
28.08.07 um 11:41 Uhr

@excellence: vielen dank für den lorbeer. der buchmarkt spielt tatsächlich nach einigen sehr speziellen regeln. was aber nicht heißt, dass unbekannte autoren keine chancen hätten. sie müssen nur anders vorgehen. der weg über eine agentur ist zum beispiel ein sehr guter.

7. Kommentar

Excellence-Blog
28.08.07 um 16:48 Uhr

Wäre das nicht auch einmal einen Beitrag in der Karrierebibel wert?

8. Kommentar

Jochen Mai
28.08.07 um 16:55 Uhr

Ich sage nur so viel: Abwarten…

9. Kommentar

Excellence-Blog
28.08.07 um 17:30 Uhr

:-) Ein Danke für den guten Tipp, hätte auch gereicht :-P
Ein entsprechender Beitrag in meinem Blog gehört zu den meistgelesenen und meistverlinkten überhaupt; obwohl ich den Beitrag schon im letzten Jahr geschrieben habe. Es scheint so, dass es eine ganze Menge von Leuten gibt, die gerne die Strapazen auf sich nehmen würden, ein Buch zu schreiben :-)

10. Kommentar

Jochen Mai
28.08.07 um 17:34 Uhr

Also: Das Buch ist doch längst fertig. Trotzdem interessant, dass sie das mit dem Beitrag sagen… Danke für den Tipp!

Trackbacks
Sagen Sie ihre Meinung!

Folgendes HTML ist in den Kommentaren verwendbar: <a> <em> <strong>

karrierebibel.de © 2006 - 2010 Jochen Mai

Design von kunstreich & partner