Ausbildung ohne Schulabschluss: Wie soll das denn gehen? In der Tat können sich deutsche Personaler wohl keinen unattraktiveren Bewerber vorstellen als den verpeilten Hauptschulabbrecher ohne Abschlusszeugnis. Obwohl er oder sie auf die Lehrstelle vielleicht ganz gut passen würde. Aber was mache ich eigentlich als Bewerber in so einer Situation? Wie überzeuge ich die Betriebe, dass ich sehr wohl eine Chance verdient habe? Wie finde ich ohne Abschluss eine Lehrstelle? Karrierebibel zeigt Wege auf.

Kein Schulabschluss und jetzt Ausbildung

Ausbildung ohne Schulabschluss: Wie denn?

Grundsätzlich: Ein Schulabschluss ist nicht Voraussetzung für eine Ausbildung. Jeder kann sich bewerben - mit oder ohne Zeugnis.

Klar ist aber auch: Je besser der Abschluss, desto besser die Chancen. Und Jugendliche (und auch Ältere) ohne Schulabschluss stehen diesbezüglich in der Nahrungskette ganz unten - und haben oftmals mikroskopisch kleine Chancen auf einen soliden Ausbildungsplatz.

Völlig perspektivlos aber sind sie nicht. Der Weg mag steiniger sein, aber mit dem richtigen Rüstzeug im Gepäck kann er bis zur Ziellinie beschritten werden.

Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigen zunächst, dass die meisten Azubis ohne Hauptschulabschluss zuvor eine berufsvorbereitende Qualifizierung oder eine berufliche Grundbildung absolviert haben. Das erklärt auch, warum sie im Durchschnitt zu Beginn der Ausbildung etwas älter sind als ihre Azubi-Kollegen.

Diese Optionen gibt es für Schulabgänger ohne Abschlusszeugnis ...

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Optionen für Schulabgänger ohne Abschluss

  • Einstiegsqualifizierung

    Das ist die klassische Vorbereitungsmaßnahme für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz. Ansprechpartner ist die Agentur für Arbeit. Sie vermittelt Plätze in Betrieben, um Kandidaten hier an die Ausbildung heranzuführen - in einem längeren Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten.

    Wer einen guten Eindruck hinterlässt, dem winken Chancen auf eine reguläre Lehrstelle im Anschluss. Für Teilnehmer besteht (meist) Berufsschulpflicht. Auf Arbeitgeberseite beteiligen sich viele Unternehmen, die länger oder noch nie ausgebildet haben - also ist es gewissermaßen für beide Seiten eine Bewährungsprobe.

    Teilnehmenden Betrieben winken zudem staatliche Zuschüsse.


  • Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme

    Sie setzt noch ein Stück früher an als die Einstiegsqualifizierung.

    Jugendliche ohne Abschluss haben zunächst die Möglichkeit, verschiedene Berufe kennenzulernen, sich zu orientieren und auch praktische Kenntnisse zu verbessern. Dazu zählen etwa die Felder IT- und Medienkompetenz, Sprachförderung und Bewerbungstraining.

    Auch ein Betriebspraktikum ist vorgesehen, bei dem sich die Betriebe ein eigenes Bild vom Bewerber machen können. Die Vorbereitungsmaßnahme, die sich speziell an Unter-25-Jährige richtet, dauert bis zu zehn Monate, für Jugendliche mit Behinderung elf Monate. Ansprechpartner auch hier: die Bundesagentur für Arbeit.


  • Privatwirtschaftliche Projekte

    Seit einigen Jahren schreibt das Social-Franchise-Projekt Joblinge positive Schlagzeilen. Auch hier ist das vorrangige Prinzip, einen direkten Kontakt zwischen Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz und den Unternehmen herzustellen.

    Das sechsmonatige Projekt beginnt für den Teilnehmer mit einer Orientierungsphase, in der er möglichst viele Berufsbilder kennenlernt und in verschiedene Betriebe hineinschnuppert. Danach folgt ein Qualifizierungspraktikum, das über das Joblinge-Netzwerk organisiert wird, und ein mögliches Bewerbungspraktikum. Ehrenamtliche Mentoren stehen den Jugendlichen zur Seite.

    Die Initiative, die 2007 von der Eberhard von Kuenheim Stiftung der BMW AG und der Boston Consulting Group ins Leben gerufen wurde, hat mittlerweile 25 Standorte in ganz Deutschland. Die Initiatoren werben mit einer Vermittlungsquote in den ersten Arbeitsmarkt von angeblich 70 Prozent.


  • Initiativbewerbung

    Nein, riesengroß sind die Erfolgsaussichten nicht, eine Azubi-Bewerbung ohne schulische Meriten auf den Weg zu bringen. Aber auch nicht komplett hoffnungslos, unter anderem aus diesen zwei Gründen ...

    • Azubi-Mangel: Es gibt Betriebe, ganze Regionen, die tatsächlich einen erhöhten Bedarf haben, die teilweise keine Azubis mehr finden. Vor allem in ländlichen Regionen und in Ostdeutschland sind die Chancen höher als in Ballungszentren - auch für Bewerber ohne Abschluss.
    • Verständnis: Es gibt durchaus Firmen, die Härtefällen bewusst eine Chance geben - ob aus Idealismus, Verzweiflung oder Solidarität. Vielleicht, weil der Gründer selbst den Weg von ganz unten gegangen ist oder weil er einen Migrationshintergrund hat - und deshalb anderen Migrantenkindern auch ohne Schulabschluss eine Chance geben möchte.

Ausbildung ohne Schulabschluss: So groß sind die Chancen

Je besser der Schulabschluss, desto größer die Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Die Zahlen belegen die Richtigkeit dieser Gleichung.

Von allen Azubis, die im Jahr 2015 ihren Arbeitsvertrag unterzeichnet haben, hatten laut BIBB-Datenreport 2017 genau 27,7 Prozent das Abitur in der Tasche. 2009 waren es erst 20,3 Prozent. Der Anteil der Realschüler blieb in diesem Zeitraum ungefähr gleich (von 43 auf 42,7 Prozent), die Quote der Hauptschüler sank dagegen klar von 33,1 auf 26,7 Prozent.

Der Anteil der jungen Leute, die ohne Hauptschulabschluss einen Ausbildungsvertrag unterschrieben, sank ebenfalls. Im Jahr 2009 waren von allen neuen Azubis 3,5 Prozent ohne Schulabschluss. Diese ohnehin niedrige Quote verringerte sich in den vergangenen Jahren noch weiter auf 2,8 Prozent im Jahr 2015. Von den Männern hatten sogar 3,3 Prozent keinen Abschluss, von den Frauen 2,2 Prozent.

Schlussfolgerung: Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind für Schulabbrecher denkbar klein. Aber, und das ist der Silberstreif am Horizont: Völlig chancenlos sind sie damit keinesfalls!

Von den insgesamt 516.639 Neu-Azubis verfügten 2015 immerhin 14.517 nicht über einen Schulabschluss - eine durchaus beträchtliche Zahl also.

So groß war der Anteil der Auszubildenden ohne Hauptschulabschluss mit neu abgeschlossenem Ausbildungsvertrag an allen Azubis:

  • 2009: 3,5 Prozent
  • 2010: 3,1 Prozent
  • 2011: 2,9 Prozent
  • 2012: 2,8 Prozent
  • 2013: 2,9 Prozent
  • 2014: 2,9 Prozent
  • 2015: 2,8 Prozent
[Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung, Datenreport 2017]

Bundesländer: In welchen sind die Chancen am größten?

Dass der Arbeitsmarkt regional sehr unterschiedlich ist, dürfte allgemein bekannt sein. Es gibt sowohl ein ökonomisches Nord-Süd- als auch ein Ost-West-Gefälle - mit Auswirkungen für Azubis.

Während zum Beispiel die Wirtschaftswunderländer Bayern und Baden-Württemberg sehr wenige Azubis ohne Schulabschluss kennen, sind die Chancen für Abbrecher im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern deutlich größer. Hier haben 5,2 Prozent aller Menschen, die 2015 einen Ausbildungsvertrag unterschrieben haben, keinen Hauptschulabschluss - deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt.

Die regionalen Diskrepanzen haben verschiedene Gründe: Zum einen spucken die Schulsysteme der Länder unterschiedlich hohe Quoten an Abiturienten, Real-, Hauptschülern und eben Schulabbrechern aus. Zum Beispiel hatten laut Statistischem Bundesamt in Hamburg 55 Prozent aller Schulabsolventen 2015 eine Studienberechtigung, in Sachsen-Anhalt aber nur 29 Prozent. Auch die demographische Entwicklung ist in den Bundesländern unterschiedlich, das Angebot an Arbeitskräften, die Wirtschaftsstruktur ohnehin.

Für Lehrstellensuchende ohne Abschluss daher der Tipp: Wenn es in der Herkunftsregion keine Ausbildungsangebote gibt, gerne die Fühler in andere Regionen ausstrecken.

Vor allem die östlichen Bundesländer bieten mitunter bessere Perspektiven - unter anderem aufgrund der geringeren Konkurrenz. In Westdeutschland gibt es im Saarland (3,6 Prozent) und Hessen (3,5 Prozent) die meisten Azubis ohne Abschlusszeugnis.

Betrachtet man die absoluten Zahlen, dann weist Nordrhein-Westfalen die meisten Lehrstellen für Zeugnislose vor. Zwischen Rhein und Ruhr haben 2015 immerhin 3.558 Azubis ohne Schulabschluss eine Ausbildung gestartet, in Bayern waren es 2.256.

So groß war der Anteil der Auszubildenden ohne Hauptschulabschluss mit neu abgeschlossenem Ausbildungsvertrag in den Bundesländern (2015):

  • Brandenburg: 5,6 Prozent
  • Mecklenburg-Vorpommern: 5,2 Prozent
  • Sachsen-Anhalt: 4,6 Prozent
  • Saarland: 3,6 Prozent
  • Hessen: 3,5 Prozent
  • Thüringen: 3,4 Prozent
  • Hamburg: 3,3 Prozent
  • Bremen: 3,1 Prozent
  • Nordrhein-Westfalen: 3,1 Prozent
  • Sachsen: 2,9 Prozent
  • Schleswig-Holstein: 2,7 Prozent
  • Bayern: 2,5 Prozent
  • Rheinland-Pfalz: 2,5 Prozent
  • Niedersachsen: 2,4 Prozent
  • Berlin: 2,3 Prozent
  • Baden-Württemberg: 2,0 Prozent
[Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung, Datenreport 2017]

Ausbildung ohne Schulabschluss: Welche Berufe sind aussichtsreich?

In manchen Berufen sind die Chancen für Schulabbrecher besser als in anderen. Im Fachsprech spricht man dabei auch von "Ausbildungsplätzen mit niedrigem Ausbildungsprofil".

Bedeutet konkret: Bewerben Sie sich lieber nicht um den Ausbildungsplatz als Bankkaufmann, sondern eher als Verkäufer oder Hauswirtschafter.

Insbesondere in der Hauswirtschaft ist ein Schulzeugnis keine Einstellungsvoraussetzung. Fast ein Drittel aller Hauswirtschafts-Azubis hat die Schule ohne Abschluss beendet. Hauswirtschafter haben vor allem Beschäftigungschancen in Kantinen, Altenheimen oder Krankenhäusern.

In landwirtschaftlichen Ausbildungsberufen finden sich ebenfalls überproportional viele Schulabbrecher: 7,6 Prozent. Allerdings ist die Quote stark rückläufig. Im Handwerk haben immerhin 3,6 Prozent der Azubis keinen Abschluss, in Industrie und Handel nur 2,5 Prozent.

Mehr oder weniger chancenlos sind Schulabbrecher in den freien Berufen (z.B. Physiotherapeut, Hebamme, Heilpraktiker). Hier liegt die Quote bei 0,5 Prozent. Auch der Einstieg in den öffentlichen Dienst ist so gut wie ausgeschlossen (0,2 Prozent). In Technikberufen haben ebenfalls nur 1,7 Prozent aller Azubis keinen Hauptschulabschluss.

Auf Platz eins dagegen liegt der Verkäufer. 6,5 Prozent aller Azubis ohne Hauptschulabschluss lassen sich zum Verkäufer ausbilden. Dahinter folgen Kaufleute im Einzelhandel, Hauswirtschafter, Friseure sowie Maler und Lackierer.

Aber Vorsicht bei der Interpretation der Daten: Die meisten Einzelhandelskaufleute haben sehr wohl einen soliden Schulabschluss, nur 1,9 Prozent haben gar keinen. Dass es trotzdem so viele von ihnen gibt, erklärt sich durch das insgesamt sehr große Angebot an entsprechenden Ausbildungsplätzen. Das Gleiche gilt auch für Kaufleute für Büromanagement (1,5 Prozent).

Ausbildungsvertrag ohne Hauptschulabschluss - in diesen Ausbildungsberufen stehen die Chancen vergleichsweise gut. Der Anteil der Schulabbrecher an allen Azubis beträgt ...

  • Werker im Gartenbau/Gartenbauhelfer: 50,3 Prozent
  • Fachpraktiker in Hauswirtschaft: 44,2 Prozent
  • Fachpraktiker in Küche (Beikoch): 33,2 Prozent
  • Maler und Lackierer: 6,9 Prozent
  • Fachlagerist: 6,7 Prozent
  • Friseur: 4,7 Prozent
  • Koch: 4,5 Prozent
  • Verkäufer: 3,8 Prozent
[Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung, Datenreport 2017]

Tipp: Nur zwei Jahre!

ausbildung-ohne-schulabschluss-ausblildungszeit Berufe mit zweijähriger Ausbildungszeit weisen eine deutlich höhere Quote an Azubis ohne Hauptschulabschluss auf als solche mit drei Jahren Laufzeit. Wer ohne Zeugnisse eine Lehrstelle sucht, könnte sich daher auf Berufe mit Zwei-Jahres-Ausbildung fokussieren.

3 Tipps für Lehrstellensucher

Um die Chance auf eine erfolgreiche Bewerbung zu steigern, sollten Bewerber ohne Schulabschluss folgende Punkte ganz besonders beachten ...

  1. Bewerbung

    Schulabschluss hin oder her: Ihre Bewerbung sollte professionell und absolut fehlerfrei sein. Überlegen Sie sich gute Argumente, warum das Unternehmen Ihnen eine Chance geben soll, ohne dabei die rührselige Mitleidstour abzuziehen. Verweisen Sie doch einfach mal auf den demographischen Wandel, über den sich viele Unternehmen gerne beklagen, ohne entsprechende Gegenleistungen auf den Tisch zu legen.

    Machen Sie auf die Chancen aufmerksam, die sich dem angesprochenen Unternehmen durch Sie und Ihre Stärken bieten. Aber halten Sie dann bitte auch, was Sie versprechen.


  2. Netzwerk

    Natürlich kann nicht jeder auf einen prall gefüllten Vitamin-B-Speicher zugreifen. Denn leider gilt auch in punkto Networking: Wer hat, dem wird gegeben. Wer also ohnehin schon erfolgreich im Berufsleben steht, hat (zwangsläufig) mehr Kontakte und Verbindungen, auf die er in der Not zurückgreifen kann.

    Trotzdem: Fragen Sie gezielt im Freundes-, Bekannten- und Verwandtenkreis nach. Kennt irgendjemand von ihnen jemanden, der jemanden kennt, der einen Betrieb hat und Azubis sucht?


  3. Recherche

    Die erweiterte Form des Networkings: Holen Sie sich im Netz Insidertipps, suchen Sie, fragen Sie nach. Welche Betriebe sind offen für Azubis ohne Abschluss? Wo trifft meine Bewerbung womöglich nicht auf taube Ohren?

    Zum Beispiel in Foren wie unserem Schwesterportal Karrierefragen. Oder durch eine diskrete (sowie höfliche und fehlerfreie) Anfrage über Karriereseiten oder Mails direkt ans Unternehmen. Oder rufen Sie mal in interessanten Betrieben an und erkundigen sich telefonisch, ob Sie Ihre Bewerbung schicken dürfen.

    In einem persönlichen Gespräch können Sie positiv auf sich aufmerksam machen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen - trotz fehlender Zeugnisse.

Bewerber: Überzeugend ohne Noten!

ausbildung-ohne-schulabschluss-bewerberGlaubt man dem Wehklagen von Lehrern, Professoren und Arbeitgebern, dann sinkt das Bildungsniveau in Deutschland immer weiter ab.

Den jungen Leuten fehle es an Allgemeinbildung, aber auch an Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Höflichkeit, Genauigkeit, Zuverlässigkeit, Durchhaltevermögen. Der Arbeitgeber-Fachterminus dafür lautet: fehlende Ausbildungsreife.

An ein Schulzeugnis gekoppelt sind diese Tugenden freilich nicht. Tipp daher an alle Bewerber, die nicht durch (gute) Noten überzeugen können: Betonen Sie im Rahmen Ihrer Bewerbung vor allem Ihre Sekundärtugenden!

Legen Sie zum Beispiel im Motivationsschreiben dar, wie motiviert, pünktlich, gewissenhaft, ehrlich oder diszipliniert Sie sind. Vielleicht streuen Sie im Vorstellungsgespräch - sofern es sich anbietet - eine persönliche Anekdote ein, die diese Tugenden unterstreicht. "Durch Disziplin, Ausdauer und pure Willenskraft habe ich es geschafft, mein Gewicht innerhalb eines Jahres um 20 Kilo zu reduzieren und seitdem zu halten." Das nur als Beispiel.

Tugenden, die dem Arbeitgeber signalisieren, es mit keinem Hobby-Whatsapper, sondern einer leistungswilligen Arbeitskraft zu tun zu haben. Derartige Sekundärtugenden sind in vielen Betrieben keine Selbstverständlichkeit - und den meisten Vorgesetzten letztlich wichtiger als die Beherrschung des bundesdeutschen Bildungskanons.

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