Ein Gastbeitrag von Gudrun Happich

Auststeigen-Aussteiger-Hamsterrad-Mann
In den Medien häufen sich die Berichte über die Karriere-Aussteiger. Sie haben den permanenten Leistungsdruck, die Verantwortung und das Hamsterrad satt und machen sich auf die Suche nach dem Glück und nach dem Sinn des Lebens. Oft machen sie dann etwas ganz anderes: Sie arbeiten als Briefträger, wandern den Jakobsweg oder werden Berater... Steig aus, und Du bist glücklich! - scheint das Gebot der Stunde. Aber stimmt das auch?

Aussteiger: Rein ins Glück? Von wegen!

Eine Klientin berichtete von ihrem letzten "Mädels Wochenende". Begeistert hatte sie von ihrer Arbeit erzählt, welche Projekte sie mache, dass zwar auch Überstunden dazugehören würden, aber dass ihr das echt Spaß macht. Ihre Freundinnen schauten sich entsetzt an: "Und was ist mit Deiner Selbstverwirklichung?"

Ist es schon so weit gekommen, dass man dafür geächtet wird, wenn man Lust auf Karriere hat und gerne viel arbeitet?

Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Vielleicht haben Sie sogar schon ähnliche Erfahrungen gemacht?

Eins vorab: Wandern ist wunderbar, Briefträger ist ein toller Beruf und Berater halte ich für sehr sinnvoll, ich bin ja selber einer. Aber wie will jemand, der in diesem System gescheitert ist, anderen sagen, wie er es besser macht?

Die Aussteiger-Geschichten werden in den Medien gerne als Erfolgsstorys verkauft. Und keine Frage: Es gehört viel Mut dazu, etwas völlig Neues zu machen. Sicher haben manche dieser Menschen auf diesem Weg auch ihren Sinn gefunden. Aber sicher auch nicht alle. Und das ist genau das, was mich nervt und was ich für gefährlich halte.

Dieses Entweder-oder-Denken, diese scheinbare Pauschalantwort auf alle Probleme, die wir in der Kultur unserer Unternehmen ja definitiv haben: Steig aus, und Du bist glücklich! Als sei Glück etwas, dass sich nur in der völligen Abwesenheit eines unternehmerischen und gesellschaftlichen Rahmens realisieren lasse!

Ganz abgesehen davon, was das in der Konsequenz für unser Wirtschaftssystem bedeutet, wenn wir Arbeit zunehmend negativ besetzen, bitte ich zu bedenken: Mit dem Ausstieg stellen sich nicht automatisch Glücksgefühle ein.

Aussteigen als Glücksformel?

Ich kenne zum Beispiel einige Fälle, in denen der Plan „Wenn ich das Unternehmen verlasse, wird alles besser“ komplett nach hinten losgegangen ist.

Bernd K. etwa hatte eine Bilderbuchkarriere bei einer Management-Beratung hingelegt, schon nach fünf Jahren wurde ihm angeboten als Partner ins Unternehmen mit einzusteigen. Allerdings fehlte ihm in seinem Leben etwas: Er wünschte sich eine Partnerin und eine Familie und glaubte dies nicht mit seiner derzeitigen Tätigkeit, die mit sehr vielen Auslandsaufenthalten verbunden war, realisieren zu können. Er gab seine Karriere dann tatsächlich für den Traum eines potentiellen Privatlebens auf, der sich leider nicht erfüllte.

Vor einigen Jahren nach Deutschland zurückgekehrt, ist er heute noch Single. Die Idee, sich als Berater selbständig zu machen, stellte sich als weit arbeitsintensiver heraus als gedacht. Bernd K. hatte die Kontakte, die er in seinem alten Unternehmen hatte, fälschlicherweise seiner Person und nicht seiner Funktion zugeordnet. Die meisten fielen mit seiner Kündigung weg, er musste deshalb viel Zeit für die Akquise aufbringen – und war noch mehr im Ausland unterwegs als zuvor. Glücklicher als vorher ist er heute nicht. Als Selbstständiger bekommt er es zudem mit ganz neuen Ängsten zu tun.

Kennen Sie auch solche Geschichten aus Ihrem Bekanntenkreis?

Man mag einwenden, dass es sich hier nicht um einen wirklichen Ausstieg handelt. Doch ich kenne auch Menschen, die nach dem Unternehmenswechsel etwas ganz anderes oder auch erst mal gar nichts gemacht haben - und das ersehnte Glück stellte sich trotzdem nicht ein.

Manche können zunächst einige Zeit von einer Abfindung leben. Wenn die Geldreserven aber knapp werden, stellen sie häufig fest, dass ihnen der gewohnte Lebensstandard doch wichtiger ist, als ursprünglich angenommen.

Mir ist klar, dass es auch andere Fälle gibt. Menschen, die nach dem Ausstieg ihren Lebenstraum verwirklichen konnten. Das setzt allerdings voraus, dass sie ihn kennen. Diese Leute werden gerne als Protagonisten entsprechender Reportagen in Illustrierten verwendet.

Steig aus, und Du bist glücklich – die Regel ist das nicht, sondern eher die Ausnahme!

Aussteiger-Alternative: Der Gipfel des Frusts

Genauso wenig wird andersherum ein Schuh daraus: Viele würgen sich durch eine Karriere, die ihnen keinen Spaß macht, und motivieren sich mit der Hoffnungspille: Wenn ich erst einmal ganz oben bin, dann bin ich glücklich.

Nicht wenige kommen dabei lediglich auf dem Gipfel der Überforderung an – und entfernen sich dabei immer weiter von sich selbst.

Ein Klient von mir etwa hatte jahrelang als Führungskraft in einem IT-Unternehmen gearbeitet, nebenbei bemerkt machte er einen exzellenten Job. Aber leider funktionierte er nur, Spaß hatte er an seiner Tätigkeit schon lange nicht mehr.

Irgendwann wurde ihm die Stelle als Vorstandsvorsitzender angeboten und da dieser Schritt die nächste logische Konsequenz schien, nahm er das Angebot an. Nie hatte dieser Mann sich gefragt, ob er überhaupt Führungskraft sein will und dies stets als selbstverständlich angenommen.

Nach der Beförderung war er auf dem Gipfel des Frusts, nicht etwas des Glücks angekommen. Auch das sehr gute Gehalt konnte die Unzufriedenheit nicht schmälern.

Ich kenne inzwischen viele Leistungsträger, die von außen betrachtet tolle Position haben, aber zutiefst unzufrieden sind.

Steig auf, und Du bist glücklich - das scheint also auch nicht zu funktionieren.

Was also tun?

Zum Aussteigen gibt es keine 08/15-Antworten

Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Frage nach dem Glück und nach dem Sinn des eigenen Tuns wurde schon viele Male gestellt. Es mag eine Luxus-Frage sein, die sich erst in der Abwesenheit wirtschaftlicher Not stellt. In jedem Fall handelt es sich aber um eine sehr wichtige Frage. 08/15-Antworten darauf lassen sich zwar gut vermarkten, sie gehen aber komplett an der Realität vorbei.

Muss wirklich zuerst der Job gekündigt oder die Karriereleiter erklommen werden, bevor man glücklich wird? Liegt die Lösung überhaupt im Äußeren? Oder geht es nicht zunächst um was ganz anderes?

Was will ich wirklich im Leben und in dem Teil meines Lebens, der beruflich definiert ist? Selbstreflexion und Eigenverantwortung – beides steht heute bei Vielen nicht mehr allzu hoch im Kurs. Stattdessen werden der Chef, die Umstände, die Gesellschaft für die eigene Unzufriedenheit verantwortlich gemacht.

Der Psychologe C.G. Jung sagte einmal sinngemäß: Wir sind unser gesamtes Leben auf der Suche nach dem Glück. Die meisten suchen bis zur Hälfte ihres Lebens nach dem Glück im Außen - also im Status und materiellen Wohlstand. Egal, ob wir das erreichen oder nicht - meistens erkennen wir in der Mitte des Lebens, dass dieser Weg nicht zum Ziel führt. Daher begeben wir uns dann auf die Suche nach dem Glück im Innern – manche über die Spiritualität oder andere Wege.

Bezogen auf die Karriere bedeutet das: Es ist eine sehr gute Idee, sich möglichst früh die Frage zu stellen, was man eigentlich möchte und wo das eigene Potential liegt. Ich habe oft die Erfahrung gemacht: Karriere und Erfüllung - das funktioniert, wenn diese Frage beantwortet wurde. Dann wird Leistung als stimmig und leicht empfunden.

Ich denke, jeder von uns, sollte sich klar machen, welches Umfeld er eigentlich braucht, um seine volle Leistungsfähigkeit mit Freude abrufen zu können.

Wissen Sie es?

Viele Menschen wissen meiner Erfahrung nach nicht, wo sie in ihrer Karriere hin wollen. In einer noch nicht abgeschlossenen Umfrage unter Führungskräften, sagen rund 63 Prozent der Befragten, dass ihnen die Klarheit über ihre weitere berufliche Perspektive fehlt.

Die meisten Menschen lassen sich bei ihren Karriereentscheidungen von außen leiten. Versuchen Sie es doch einmal anders herum: So kommt man aus der Passivität, wird zum Akteur und zum Anbieter.

Wer sein einzigartiges Job-Profil kennt und entwickelt hat, macht dieses und nicht irgendeine Stellenausschreibung zum Maßstab. Er kennt seine Traumposition, die sicher nicht an jeder Ecke lauert. Aber mit dem glasklaren Profil im Hinterkopf weiß er in Verhandlungen, welche Kompromisse in Ordnung sind und welche nicht. So jemand ist automatisch immer auf Augenhöhe. Manchmal werden sogar neue Positionen geschaffen, wenn man solchermaßen klar auftritt.

Apropos: Wie sind Ihre Erfahrungen? Ich freue mich auf Ihre Meinung!

[Bildnachweis: gualtiero boffi by Shutterstock]

Über die Autorin

GudrunHappichGudrun Happich ist Executive Coach und Inhaberin des Galileo-Instituts in Köln. Sie coacht ausschließlich Leistungsträger an der Spitze und auf dem Weg dorthin. Auf ihrem Leistungsträger-Blog veröffentlicht sie regelmäßig Impulse zum Thema Führung und Karriere. In ihrem Ratgeber für Führungskräfte "Ärmel hoch!" präsentiert sie die 20 schwierigsten Führungsthemen und wie Top-Führungskräfte sie anpacken.