Intuition-Entscheiden-Bauchentgefuehl
Endlich! Ihr Chef hat Ihnen eine hervorragende neue Stelle angeboten, eine Beförderung ganz nach Ihrem Geschmack: besseres Gehalt, spannendere Aufgaben, mehr Verantwortung. Klingt perfekt. Wenn da nur nicht das Rumoren im Bauch wäre... Irgendetwas stimmt nicht. Hören Sie auf das Bauchgefühl! Hier meldet sich Ihre Intuition zu Wort. Und Bauchentscheidungen sind oft besser und vor allem schneller: Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth hat beispielsweise ermittelt, dass das Unterbewusste einige Millionen Informationen pro Sekunde verarbeiten kann, das Bewusstsein jedoch nur 0,1 Prozent davon...

Der Bauch entscheidet schneller - und besser

Mit-dem-Bauch-entscheidenZehn Millionen Dollar. Soviel sollte die Statue eines griechischen Jünglings kosten, die ein Kunsthändler dem Getty-Museum in Los Angeles anbot. Klar, bei einer solchen Summe kauft keiner die Katze im Sack. Also prüften die Kunstkenner den Marmor auf seine Echtheit, mit Elektronenmikroskop, Massenspektrografie, Röntgenstrahlen. Das volle Programm. Dann stand fest: Das Ding ist echt.

Falsch! Noch bevor der Kaufvertrag unterschrieben wurde, warf der ehemalige Leiter des Metropolitan Museum of Art in New York, Thomas Hoving, einen Blick auf die Plastik. Sein Bauch sagte ihm: "Der Steinbube ist unecht." Was Maschinen nicht enthüllen konnten – sein Bauch konnte es, in einem Augenblick.

Bauchentscheidungen sind keinen Deut schlechter als die des Verstandes, dafür aber zig Mal schneller.

Verstand-versus-Intuition

So fand etwa die Psychologin Sian Leah Beilock von der Universität Chicago heraus, dass Profi-Golfspieler am besten spielen, wenn sie keine Zeit haben, über ihren Schlag nachzudenken. Nur bei Anfängern ist es umgekehrt.

Gefühle vernebeln den Verstand keineswegs. Der Versuch dazu stammt wiederum von dem US-Neurologen Antonio Damasio von der Universität Iowa. Er schloss Probanden Anfang der Neunzigerjahre an eine Art Lügendetektor an und ließ sie mit präparierten Karten spielen. Das erste Kartenspiel warf große Gewinne ab, das zweite kleine.

Beide Kartenstapel waren mit roten Karten durchsetzt, für die man Strafe zahlen musste. Der Trick: Im zweiten Stapel gab es weniger Strafkarten, langfristig lohnte sich also damit zu spielen.

Ab der 50. Karte dämmerte das den meisten Probanden. Die Auswertung des Detektors brachte aber die eigentliche Sensation: Der Instinkt hatte die Probanden schon ab der 10. Karte gewarnt.

Es geht noch weiter. Der Amsterdamer Psychologe Ap Dijksterhuis erweiterte 2004 das so genannte Poster-Experiment, das seine US-Kollegen Timothy Wilson und Jonathan Schooler 1991 durchgeführt hatten: Drei Studentengruppen mussten Kunstdrucke bewerten.

  • Die erste Gruppe listete akribisch Für und Wider der Motive auf.
  • Die zweite entschied sich spontan.
  • Die dritte sah die Poster nur kurz, wurde dann abgelenkt und musste sofort danach ihr Lieblingsbild auswählen.

Alle drei Gruppen durften ihr Lieblingsposter behalten. Wochen später aber riefen die Forscher bei den Studenten an – Ergebnis:

Wer sein Traumbild dank Ratio erkor, war damit mehrheitlich unzufrieden; die Spontanentscheider waren noch glücklich mit ihrer Wahl – am glücklichsten aber waren die Abgelenkten. Bei ihnen übernahm das Unterbewusstsein die Bewertung. Und weil dessen Rechenleistung offenbar größer ist, trafen sie die bessere Wahl.

Drei Techniken, wie Sie schneller und bessere Enscheidungen treffen

  1. Wichtigkeit

    Wir treffen am Tag hunderte Entscheidungen - und die meisten davon sind minder relevant: Welche Socken ziehe ich heute an? Mache ich mir jetzt einen Kaffee? Das gilt auch für scheinbar wichtige Alternativen. Manchmal ist es schlicht egal, ob Sie sich so rum oder so rum entscheiden. Quälen Sie sich nicht damit, das hält dann nur auf.

  2. Wertigkeit

    Gleichen Sie Ihre Wahl mit Ihren Werten ab: Was bringt Sie Ihren Zielen wirklich näher? Was ist Ihnen wirklich wichtig und lässt sich auch mit Ihrem Gewissen vereinbaren? Wenn Sie diese Fragen ehrlich beantworten, werden Sie Ihre Entscheidungen nie bereuen - und sich selbst treu bleiben. Ihre Ziele sollten Sie allerdings kennen.

  3. Bauchgefühl

    Trauen Sie Ihrer Intuition. Halten Sie sich nicht zu lange mit den Was-wäre-wenn-Kaskaden auf. Natürlich ist es wichtig, möglichst viele Informationen zu haben, um gute Entscheidungen zu treffen. Aber vollständige Information gibt es nicht. Jede Wahl beinhaltet immer auch ein Restrisiko.

Bauchentscheidungen nutzen ein Füllhorn an unterbewussten Informationen

Bauchentscheidung-Intuition"Rund 20.000 Entscheidungen treffen wir täglich", sagt etwa der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel, "die meisten davon blitzschnell."

Das fängt schon mit dem Aufstehen an: Kaum hat der Wecker zum ersten Mal gepiept, landet der Zeigefinger wie von selbst auf der Snooze-Taste. Sie entscheiden: noch fünf Minuten Dämmerschlaf! Doch das bedeutet weniger Zeit fürs Frühstück – also verzichten Sie auf eine zweite Tasse Kaffee... Und so weiter.

Die Macht der Intuition genießt allerdings einen zweifelhaften Ruf: zu viel Gefühl, zu wenig Verstand. Die obigen Beispiele mögen ja noch recht trivial sein. Aber darüber hinaus? Gerade bei wichtigen Entscheidungen mit Tragweite sollten wir doch bitte nicht aus dem Bauch heraus wählen, sondern genau abwägen, analysieren, kalkulieren - auf Basis belastbarer Fakten.

Doch wer seine Intuition derart ignoriert, beraubt sich einer essentiellen Kraft und wichtigen Ressource, Entscheidungen deutlich zu vereinfachen und auch qualitativ zu verbessern.

Was manche übersehen: Bauchentscheidungen und Intuitionen basieren zwar auch auf Emotionen. Im Kern aber steckt dahinter ein ganzes Füllhorn an Informationen, die nur nicht sofort und bewusst abgerufen werden können. Im Unterbewusstsein verfügen wir über einen gigantischen Pool an Wissen, Erfahrungen und Kompetenzen. Nur ein Bruchteil dieser angeeigneten Kenntnisse ist aber bewusst verfügbar.

Die Intuition aber speist sich aus diesem Reservoir und bezieht daher viel mehr Faktoren und Aspekte in die Wahl mit ein, als es bei einer bewussten Entscheidung möglich wäre.

Warum-Bauchgefuehl-Intuition-Grafik

Bitte nicht falsch verstehen: Dies ist kein Plädoyer, Entscheidungen künftig nur noch intuitiv zu treffen. Das wäre genauso falsch. Denn auch unser Bauchgefühl ist fehlbar und kann gewaltig irren.

Allerdings können und sollten wir unsere Optionen mittels Bauchgefühl zumindest noch einmal überdenken und aus einer neuen Perspektive betrachten.

Wo Ihnen Intuition im Beruf helfen kann

Gerade im Job geraten wir immer wieder in Situationen, in denen wir blitzschnell entscheiden müssen, ohne es wirklich zu wollen.

Im Büro stehen Sie mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 60 Prozent unter Zeitdruck. Das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin ermittelt.

Die Zeiten, in denen man sich genüsslich zurücklehnen konnte, bevor man eine Entscheidung fällt, sind längst vorbei. Die zunehmende Arbeitsverdichtung, flache Hierarchien und schlanke Entscheidungswege zwingen dazu, sich mit immer mehr operativen Entscheidungen zu beschäftigen. Hinzu kommen die modernen Kommunikationsmittel: Dank E-Mail und Smartphones sind wir permanent erreichbar, eine Gnadenfrist gibt es nicht mehr: Fast zeitgleich wird mit der Anfrage auch eine Entscheidung erwartet.

Ein Heldennotausgang ist da die Intuition. Sie kann Ihnen als Frühwarnsystem ebenso dienen wie den Weg in die richtige Richtung weisen. Wo Sie Ihre Intuition im Job sinnvoll nutzen können, zeigen die folgenden Beispiele und Anregungen:

  1. Intuition kann Ihnen bei der Lösung von Problemen helfen und diese beschleunigen.
  2. Oft nehmen wir intuitiv wahr, wenn es Kollegen schlecht geht. Hören Sie auf diesen Impuls und sprechen Sie den Kollegen an. So wächst nebenbei auch Ihr Netzwerk.
  3. Sie haben ein schlechtes Gefühl bei einem neuen Projekt? Dann folgen Sie Ihrer Intuition und prüfen Sie die möglichen Risiken.
  4. Auch bei der Wahl der passenden Fort- und Weiterbildung kann Ihnen die Intuition ergänzend helfen.
  5. In Kundengesprächen, Meetings oder Diskussionen können Sie Ihrer Intuition folgen und Themen ansprechen, die Sie intuitiv für sinnvoll und wichtig halten
  6. Beispiel Beförderung. Hier kann das schlechte Bauchgefühl ein Grund sein, die neue Stelle und mögliche Auswirkungen genauer unter die Lupe zu nehmen.
  7. Veränderungen im Unternehmen können sich auch auf Ihren Arbeitsplatz auswirken. Wenn Sie intuitiv spüren, dass es Zeit für einen JObwechsel wird, sollten Sie mit entsprechenden Vorbereitungen beginnen.
  8. Wer als Teamleiter Aufgaben delegieren muss, sollte bei der Wahl des passenden Teammitglieds auch sein Bauchgefühl hören.
  9. Auch wenn viele Personaler es abstreiten: Bei der Personalauswahl spielt Intuition oft eine entscheidende Rolle. Als Bewerber sollten Sie sich umgekehrt das Prinzip bei der Wahl der passenden Stelle zunutze machen.

Keine Frage, strategisches Denken und die Fähigkeit, Probleme umfassend zu analysieren, sind für die konkrete Arbeit von Vorteil. Sie verleiten jedoch auch dazu, sich in Details zu verrennen oder den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Vor allem bei komplexen Veränderungen und Entscheidungen kann Ihnen die sonst wichtige Denkweise in die Quere kommen. Stress macht betriebsblind. Hier fahren Sie mit Intuition oft besser.

Kopf oder Bauch: Was das für künftige Entscheidungen heißt?

Mehr als 20 Jahre ist es her, dass dem US-Neurophysiologen Benjamin Libet aufgefallen ist, dass unser Gehirn etliche Sekunden vor der eigentlichen Entscheidung aktiv wird. Damals entstand eine heftige Diskussion über die tatsächliche Willensfreiheit des Menschen – denn womöglich haben wir schon entschieden, bevor wir das bewusst tun. Aber: andere Geschichte...

Tatsächlich werden wir in vielen Lebenssituationen gleichzeitig mit gegensätzlichen Emotionen konfrontiert.

Das einfachste Beispiel ist eine typische Flirt-Situation: Sie wollen Ihr Gegenüber gerne ansprechen, weil Sie sich einerseits extrem angezogen fühlen. Gleichzeitig spüren Sie die Angst, abgewiesen zu werden. Was anschließend in Ihrem Kopf passiert, sind zwei parallel laufende Analyseprozesse – oder kurz: Sie wägen ab, welches Risiko überwiegt und welche Entscheidung die größeren Chancen verspricht.

Wissenschaftler der Harvard Universität haben jedoch einmal untersucht, wie schnell diese emotionalen, beziehungsweise rationalen Denkprozesse auf einen Entscheidungsreiz hin erfolgen und was dabei passiert. Das Erstaunliche:

Die emotionale Reaktion erfolgt fast doppelt so schnell wie die rationale.

  • 220 bis 260 Millisekunden nach dem Reiz fühlen wir: "Das will ich" oder "Das mag ich".
  • Erst ab der 480. bis 640. Millisekunde setzt der Verstand ein und kalkuliert, verifiziert, rationalisiert.

Was der Verstand allerdings auch tut: er suggeriert. Sprich: Wir versuchen danach eine Entscheidung rational zu begründen, die wir emotional schon längst gefällt haben. Das Ganze basiert nicht selten auf unserem psychologisch tief verwurzeltem Bedürfnis, Recht zu haben. Fehler.

Ändern Sie Ihre Entscheidungsroutinen und achten Sie mehr auf Ihren Bauch:

  • Von Kunstkenner Hoving und Golfforscherin Beilock lernen wir: Wenn Sie sich auf Ihrem Gebiet auskennen, dann trauen Sie Ihrem Bauch; sind Sie Laie – machen Sie lieber Ihre Hausaufgaben und benutzen Sie den Kopf!
  • Von den Psychologen Damasio, Dijksterhuis & Co. wiederum wissen wir: Je komplexer das Problem, desto klarer sieht das Unterbewusste, während der Verstand vernebelt wird. Also hören Sie in solchen Fällen besser auf Ihren Bauch!

Ein kleiner Selbstversuch zum Schluss: Welche Stadt hat mehr Einwohner – San Antonio oder San Diego?

Richtig: San Diego.

Wieder hat Sie Ihr Unterbewusstsein geleitet. Das sagte: Nimm das Bekanntere!

Der Versuch ist allerdings nicht von mir. Der Berliner Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Gerd Gigerenzer, hat solche Fragen mehrfach gestellt. Auch in den USA. Die meisten Amerikaner tun sich mit der obigen Frage übrigens schwer – sie kennen beide Städte.

Gruss-Intuition

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