Befehle ausführen: Warum es gefährlich ist
Befehle ausführen: Der preußische Drill von früher ist längst Geschichte. Keine Schule mehr mit Rohrstock, kein Militär mit Spießrutenlauf. Der Kommandoton aber ist vielen Unternehmen bis heute als Wesensmerkmal erhalten geblieben. Der Chef gibt den Befehl, der Untergebene führt aus. Das ist nicht nur unbequem für die Belegschaft, es ist brandgefährlich, wie eine Neuauflage des berühmten Milgram-Experiments zeigt ...

Befehle ausführen: Die Methode Milgram

Das Milgram-Experiment ist eines der bekanntesten der Geschichte. Elite-Uni Yale, 1961: Der Versuchsteilnehmer sitzt in einem Raum und stellt der Testperson im Nebenraum Fragen. Ist die Antwort falsch, soll er den Knopf vor sich drücken und zur Strafe einen Stromschlag verteilen.

Auch ein Versuchsleiter ist anwesend. Er treibt die Probanden immer weiter an, fordert sie auf, die Dosis zu erhöhen und immer stärkere Schocks zu verteilen - bis hin zu lebensgefährlichen 450 Volt. Und das, obwohl die gemarterten Testpersonen laut vor Schmerzen aufschreien und um Gnade flehen. Dabei handelt es sich allerdings nur um Schauspieler, die die Schmerzen simulieren.

Das Ergebnis ist dennoch erschreckend: Die Menschen gehorchen blind Autoritäten, folgen Befehle aus, auch wenn sie ihrem Gewissen widersprechen und anderen Schaden zufügen. Was das Milgram-Experiment auch zeigt: Menschen neigen zu Konformität, zu Mitläufertum. Das gilt auch heute noch und im Übrigen auch für die meisten derer, die sich ihrer vermeintlichen Individualität rühmen.

Im vergangenen Jahr erschien der Film "Experimenter" und thematisierte das Milgram-Experiment erneut:

Befehle ausführen: Experimentiert

Besonders interessant war das Milgram-Experiment vor dem Hintergrund der Nürnberger Prozesse, die ein gutes Jahrzehnt zuvor stattgefunden hatten. Alle Nazis auf der Anklagebank im Nürnberger Justizpalast hatten sich für nicht schuldig bekannt. Einhelliger Tenor: Man habe doch lediglich Befehle ausgeführt. Das Milgram-Experiment schien die Angaben von Göring, Heß und anderen daher auch eher zu unterfüttern. Der Mensch - ein williger Empfehlsbefänger, ein Spielzeug des Bösen?

Während Milgram aber zuvorderst der Frage nachgegangen war, ob Menschen Befehle ausführen oder nicht, ging das Forscherteam um Patrick Haggard vom University College in London jetzt noch einen Schritt weiter. Es stellte sich die Frage, wie sich die Menschen dabei eigentlich fühlen, wie sie darüber denken - und wie man ihre Gefühle effektiv nachweisen kann. Die Ergebnisse wurden nun im Fachjournal Current Biology veröffentlicht.

"Die bisherige Forschung hatte sich darauf konzentriert, Menschen zu fragen, ob sie sich verantwortlich fühlten. Das ist ein wenig knifflig, denn Menschen tendieren dazu, etwas zu antworten, von dem sie glauben, dass es von ihnen erwartet wird", so Studienautor Patrick Haggard zur BBC.

Befehl ausführen: Das Experiment

Sein Experiment sah deshalb so aus ...

  1. Die Probanden durften zunächst entscheiden, ob sie ihren Co-Teilnehmern einen „schmerzhaften, aber erträglichen“ elektrischen Schock verpassen oder nicht. Dazu mussten sie einen der beiden Knöpfe vor sich drücken.
  2. Jeder ausgeführte Elektroschock brachte den Teilnehmern fünf Cent zusätzlich zu ihrer Teilnahmegebühr.
  3. Jedes Probandenpaar führte die Schocks abwechselnd durch, so dass stets beide Teilnehmer an die Reihe kamen - und auch wussten, wie sich die Schmerzen des Gegenübers anfühlten. In mehr als der Hälfte der Fälle entschieden sich die Probanden dafür, ihrem Mitstreiter einen Elektroschock zu verpassen. Und wer zuvor "Opfer" geworden war, war hinterher signifikant häufiger dazu bereit, zum "Täter" zu werden.
  4. Das Drücken eines Buttons löste zudem einen Ton aus. Aufgabe der Probanden war es zu schätzen, wie groß - in Millisekunden - der Zeitabstand zwischen dem Drücken des Knopfes und dem Ton war. Tatsächlich war das Intervall 200, 500 und 800 Millisekunden lang.
  5. Zwischenzeitlich änderten die Forscher ein entscheidendes Detail, ähnlich wie im Milgram-Experiment: Eine Wissenschaftlerin war mit im Raum und gab explizit Anweisungen, welchen Button die Teilnehmer zu drücken hätten.

Ergebnis: Die Probanden empfanden den Abstand zwischen dem Drücken des Knopfes und dem Ton (und damit auch dem Schmerzempfinden) als deutlich länger, wenn sie zuvor eine klare Anweisung der Versuchsleiterin erhalten hatten. Und als weniger lang, wenn sie selbst hatten entscheiden können. Schlussfolgerung der Wissenschaftler: Befehle verändern unsere Wahrnehmung, Zwang distanziert uns ein großes Stück von unseren eigenen Taten. Der Effekt war umso größer, je empathischer der Proband zuvor im Persönlichkeitstest abgeschnitten hatte.

Auch wurde die Hirnaktivität der Teilnehmer während des Experiments im EEG gemessen und offenbarte ebenfalls (leichte) Unterschiede: Erhielt jemand einen Befehl, wechselte das Hirn in eine Art Passivmodus.

Die Quintessenz: Menschen spüren in der Tat weniger Selbstverantwortung für eigenes Handeln, wenn dieses auf Befehle oder Zwang von außen zurückgeht.

Was bedeutet das?

Befehle sind gefährlich, da sie Menschen dazu verleiten, Verantwortung abzutreten. Sie manipulieren uns - und sind für Befehlsgeber wiederum ein gutes Mittel, um andere zu manipulieren. Die Autoren der Studie fordern daher sogar, dass auch der Gesetzgeber dies stärker berücksichtige müsse. Wer in Form von Gesetzen anderen Befehle erteile, müsse sich seiner besonderen Verantwortung bewusst sein. Der Gesetzgeber ist also gewissermaßen stärker in der Pflicht als der Gesetzempfänger.

Diese Forderung könnte man auch auf den Arbeitsplatz übertragen. Denn die Gefahr: Wer gerne im permanenten Befehlston Kommandos erteilt, erzieht seinen Mitarbeitern das kritische Denken ab - und entlässt sie aus der Verantwortung. Kein Gewinn für Unternehmenskultur und Innovationskraft eines Unternehmens und unwahrscheinlich, dass dies auf Dauer zu guten Ergebnissen führt. Unternehmen, die herrisch von einem Feudalherrscher geführt werden, verlassen sich grob gesagt auf nicht mehr als eine Einzelmeinung - die des Befehlsgebers.

Auch für Arbeitnehmer (und jeden anderen) sind die Ergebnisse eine Erinnerung, Anweisungen von oben nicht stets nur kopflos abzunicken, sondern kritisch zu hinterfragen. Andererseits ist auch dieser Hinweis der Forscher wichtig: Nur weil jemand sich selbst nicht verantwortlich fühle, heiße das nicht, dass er es nicht ist. Und: Der Satz "Ich habe doch nur auf Anweisung gehandelt" kann in vielen Situationen vorsätzlich als Alibi missbraucht werden. Eine wunderbare Ausrede, um einer möglichen Bestrafung zu entgehen.

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