Berufliche NeuorientierungDieser Artikel ist Teil einer Serie von Gastbeiträgen verschiedener Autoren der Karrierexperten. Hierbei handelt es sich um ein Netzwerk, das zahlreiche Karrierecoaches und -berater verbindet und potentiellen Klienten eine breite Auswahl an Karriereexperten bietet.

Früher oder später stellt sich jedem, der sich beruflich neu orientieren will die Frage, wie viel Zeit er für seinen beruflichen Erfolg aufwenden will. In Fragebögen zur (beruflichen) Motivation findet sich dies häufig in Aussagen wie zum Beispiel „Mein Beruf ist das wichtigste im Leben“ versus „Mein Privat- und Familienleben hat für mich Vorrang“, oder „Die Arbeit steht für mich an erster Stelle im Leben“ versus „Die Arbeit ist für mich nur ein Teil des Lebens“ wieder. Im Job-Coaching höre ich von vielen Klienten: „Schließlich bin ich auf der Welt, um zu leben und nicht um zu arbeiten!“ Viele werden allerdings diesem Ideal untreu. Sie verbringen deutlich mehr Zeit mit der Arbeit, als ihnen bewusst ist.

Hier zeige ich Ihnen ein Instrument aus der Coaching-Praxis, mit dessen Hilfe Sie anschaulich sehen können, wie es um Ihre work-life-balance steht:
Work-Life-Balance-Coaching-Methode

Sie beginnen mit ihrer aktuellen Situation (Ist). Falls Sie zur Zeit arbeitslos sind, beziehen Sie sich auf die Situation bei Ihrer letzten Anstellung (Früher). Nun stellen Sie sich bitte vor, es handele sich hier um eine Torte. Ihre Aufgabe ist es, die Torte in zwei Teile zu teilen: Einen Teil „A“ für Arbeitszeit und einen Teil „F“ für Freizeit. Zur Arbeitszeit zählen auch die Wegstrecken zwischen Ihrem Zuhause und Ihrer Arbeit. Falls Sie darüber hinaus auch an Wochenenden arbeiten sollten, zum Beispiel im Rahmen von Veranstaltungen oder ähnlichem , fällt auch dies unter Arbeit. Freizeit in diesem Sinne ist damit der verbleibende Rest, also die Zeit, die sie mit ihrem Partner (m/w) verbringen oder ihren Hobbies nachgehen, aber auch die leidige Hausarbeit.

Für die meisten Berufstätigen besteht die Woche aus fünf Arbeitstagen und zwei freien Tagen. Die Zeit, in der Sie schlafen, klammern Sie bitte aus. Wir beziehen uns also nur auf die tatsächlich verfügbare Zeit. Bei den meisten Menschen sind dies +/-16 Stunden pro Tag.

Die praktische Anwendung

Beispiel 1:
Herr D. ist im öffentlichen Dienst beschäftigt und verbringt im Durchschnitt 40 Stunden pro Woche bei seinem Arbeitgeber. Sein Weg zur Arbeit ist vernachlässigbar, da er nah an seiner Arbeitsstätte wohnt.
Er ist 37 Jahre alt, verheiratet und hat keine Kinder. Sein Ziel ist es, zukünftig mehr Verantwortung zu übernehmen und damit auch mehr zu verdienen. Um das zu erreichen, ist er bereit, deutliche Abstriche bei seiner Freizeit in Kauf zu nehmen. Seine Diagramme sehen folgendermaßen aus:
work Life Balance 1

Beispiel 2:
Ganz anders bei Frau Dr. W.: Die 45-jährige Teamleiterin hat Personalverantwortung für acht Mitarbeiter bei einem Finanzdienstleister. Als Führungskraft verbringt sie im Durchschnitt 12 Stunden am Tag im Job und nimmt häufig auch am Freitagabend Arbeit mit nach Hause. Erschwerend kommt hinzu, dass sie täglich über eine Stunde Zeit pro Wegstrecke benötigt, um zu ihrem Arbeitgeber zu pendeln.
Zukünftig will Frau Dr. W. nicht mehr so viel arbeiten, weil sie mit ihrer Arbeitssituation mehr als unglücklich ist. Sie ist bereit, auf eine weniger fordernde Stelle ohne Führungsverantwortung zu wechseln, damit sie Zeit und Kraft für eine Mediationsausbildung (im Diagramm als Weiterbildung gekennzeichnet) hat, die sie gerne absolvieren möchte. Ihre Diagramme sehen so aus:
Workf Life Balance 2

Vielen Menschen wird erst durch diese bildhafte Darstellung ihres beruflichen Engagements bewusst, wie viel Zeit sie tatsächlich arbeiten. Die Kernfrage lautet: Wie viel Zeit wollen und können Sie zukünftig im Job zubringen? Oder anders gesagt: Wie viel Zeit sind Sie bereit, in Ihren beruflichen Erfolg zu investieren?
Häufig wird dabei unterschätzt, dass eine angestrebte Führungsposition mindestens 20 bis 30 Prozent mehr an zeitlichem Einsatz erfordert. Oder stellen Sie sich mal einen neuen Chef vor, der als Letzter kommt und als Erster geht. Sicher keine gute Voraussetzung, um dauerhaft als Häuptling zu bestehen.
Machen Sie sich bewusst, wie viel Zeit Sie tatsächlich arbeiten. Diese Erkenntnis ist Voraussetzung für eine Veränderung Ihrer beruflichen Situation zum Besseren.

Wie sehen Ihre Tortendiagramme aus? Die Vorlage gibt es auch zum Download (PDF).
Work Life Balance Vorlage

Die meisten Klienten tragen hier ihre „gefühlte“ Arbeitszeit ein. Manche rechnen die Stunden auch aus.
Bevor Sie sich beruflich verändern, machen Sie sich klar, welche Belastungen Sie sich zumuten können und wollen. Menschen, die über lange Zeiträume jenseits ihrer Belastungsgrenze arbeiten und sich zu wenige Auszeiten gönnen, geraten häufiger in einen schleichenden Auszehrungsprozess – der im Burnout enden kann.

Über den Autor

Josef AlbersJosef Albers, Diplom-Psychologe und Bankkaufmann, ist Gründer und Leiter Coaching-Institutes Kernfindung. Mit seiner Ausbildung zum Systemischen Berater und seiner Erfahrung als Personalleiter hat er sich als professioneller Coach qualifiziert. Er ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung (DGfK) und auf die Themen berufliche Neuorientierung und Zielfindung spezialisiert.