Berufliche-Neuorientierung-Veraenderung-Jobfrust
War das alles? War das wirklich schon alles? Die Frage beschleicht jeden Arbeitnehmer im Lauf seiner Karriere. Bei manchen eher, bei manchen später. Sie spüren die gläserne Decke über sich, die fehlende Herausforderung vor sich, die nahende Langeweile hinter sich, den steigenden Frust in sich. Es ist ein wichtiger Wendepunkt: die berufliche Neuorientierung. Die Entscheidung für eine berufliche Veränderung fällt nie leicht, erst recht wenn es sich dabei sogar um einen radikalen Neustart handelt. Handeln und aktiv werden sollten Betroffene aber unbedingt. Und das richtige Timing finden...

Frust: Ist es schon Zeit für eine berufliche Neuorientierung?

Stuhl-dreht-Job-Frust-LangeweileExperten zufolge seien es vor allem Menschen mit hoher Berufsqualifikation, die sich irgendwann die Sinnfrage stellen. Aufgrund der guten Ausbildung, ihres Netzwerks und zahlreicher (Führungs-)Erfahrungen ist ihr Gestaltungsspielraum automatisch größer. Sie laufen aber auch Gefahr überstürzt zu handeln.

Jobfrust und akute Unzufriedenheit gibt es immer wieder. Den berühmten Montagsblues etwa. Oder die Frustration nach einem gescheiterten Projekt. Oder wenn einen der Chef ungerecht behandelt. Dann möchte man am liebsten alles hinschmeißen - sollte man aber nicht.

Der jährliche Gallup-Index bescheinigt den Arbeitnehmern hierzulande regelmäßig eine abnehmende Bindung zum Job. Der Wunsch nach einer beruflichen Veränderung wächst dann zwar rasch an, viele wissen aber einfach nicht, wie sie diesen umsetzen sollen.

Kein Wunder. Es sind spontane Impulse. Die Anlässe dazu kommen und gehen. Sie sind aber noch kein Grund, ernsthaft über eine berufliche Neuorientierung nachzudenken. Den Job zu kündigen und zu wechseln, ist EINE Option – aber keine, die spontan und schon gar nicht voreilig gewählt werden sollte. Erst recht nicht aus Frust.

Frust ist nie ein guter Berater bei der beruflichen Neuorientierung, im Gegenteil: Als zum Beispiel Forscher um Daniel Turban von der Universität von Missouri den Erfolg von 327 Arbeitsuchenden über einen Zeitraum von fünf Monaten verglichen, stellten sie fest: Die Emotionen haben entscheidenden Einfluss bei der Jobsuche. Während ein Plan sowie konkrete Karriereziele für den Jobwechsel allenfalls für das Formulieren des Anschreibens und des Lebenslaufs förderlich waren, verbesserte vor allem eine positive Einstellung die Einstellungschancen.

Etwas anderes gilt allerdings, wenn Sie schon wochen- oder gar monatelang mit Ihrem Job hadern, so gar keine Freude mehr an Ihrer Arbeit finden und sich jeden Tag zur Arbeit zwingen müssen. Gefangen im Hamsterrad übersehen manche veritable Alarmsignale. Diese sind beispielsweise: zunehmende Energielosigkeit, anhaltende Stimmungsschwankungen, Ohnmachtsgefühle, Magen-Darm-Beschwerden, vielleicht sogar eine nahende Depression.

Wenn Ärger und Frust bereits chronisch werden, wirkt sich das irgendwann auf die Arbeit und ihr Umfeld aus: Die Leistungen lassen nach, die Launen werden schwankender, Sie selbst leichter reizbar. Womöglich lästern Sie auch immer öfter - auch gegenüber Kollegen, die das besser nicht hören sollten. "Wovon das Herz voll ist, da geht der Mund über", lautet ein kluger Spruch. Die Strategie ist jedoch alles andere als klug.

In dem Fall ist es Zeit für etwas Selbstreflexion. Beantworten Sie sich ehrlich (!) die folgenden Fragen:

  • Wie lange bin ich schon unzufrieden?
  • Womit genau bin ich unglücklich: mit meinem Job oder meinem Leben?
  • Sind die aktuellen Konditionen das Hauptmotiv für den Frust?
  • Haben die Gründe mit meinem Chef, den Kollegen oder den Aufgaben zu tun?
  • Habe ich selbst schuld daran, und kann ich etwas ändern?
  • Wäre das in einem anderen Unternehmen zwangsläufig anders?
  • Sehe ich im aktuellen Unternehmen noch Perspektiven für mich?
  • Ist ein Jobwechsel die einzige Alternative?
  • Wie würde eine berufliche Veränderung zu meinen Karriereplänen passen?
  • Was würde ich dadurch gewinnen?
  • Welche Risiken bin ich zugleich bereit, einzugehen?
  • Was macht mich wirklich glücklich?
  • Warum ist mir dieses Ziel so wichtig?
  • Welchen Job würden ich mir selbst geben?
  • Was müsste ich tun, um mein Ziel zu erreichen?
  • Worauf müsste ich dafür verzichten? Könnte ich das?
  • Wie viel Zeit investiere ich täglich in mich und meine Entwicklung?
  • Kann das, was ich heute mache, mich auch in fünf Jahren noch begeistern?
  • Was sind meine größten Talente und welche möchte ich besser nutzen?
  • Würde ich woanders meine Talente tatsächlich besser einsetzen?
  • Was hält mich davon ab, mit meinem Vorhaben zu beginnen?

Vor allem für die letzten zehn Fragen sollten Sie sich ausreichend Zeit nehmen. Eine berufliche Neuorientierung erfüllt schließlich keinen Selbstzweck. Sinnvoll wird diese erst, wenn Sie diese mit einer konkreten Perspektive, einem Ziel verbinden. Sonst laufen Sie nur Gefahr, dass Sie vom Regen in die Traufe geraten. Woanders muss das Gras nicht zwangsläufig grüner sein.

Haben Sie eine "Hin-zu" oder "Weg-von"-Motivation?

Planet-der-Affen-JobbeschreibungFalls Sie gerade einen Fluchtreflex spüren - widerstehen Sie ihm. Vorerst. Ein ganz wesentlicher Punkt bei einer beruflichen Neuorientierung ist die richtige Motivation - nicht zuletzt, weil Sie damit später Ihre Bewerbung begründen müssen.

Die meisten Menschen formulieren hierbei für sich jedoch nur eine Weg-von-Motivation - Flucht eben. Blog weg von... dem miesen Chef, dem öden Job, dem ganzen Affenzirkus. Hauptsache: weg. Fehler! Denn dahinter steckt oft nur ein Ausweichen vor dem eigentlichen Problem, kein strategisches Vorgehen.

Ganz anders bei einer sogenannten Hin-zu-Motivation. Der Effekt, dass Sie den bisherigen Arbeitgeber hinter sich lassen, mag derselbe sein. Aber hierbei ist es eben nur der Nebeneffekt, nicht das Ziel. Ihre Entscheidung ist durchdacht, begründet und zielorientiert - hin zu etwas, dass Sie Ihren Zielen näher bringt. Wer sich irgendwo hin orientiert, verfolgt immer auch einen langfristigen Plan oder eine Strategie. Besser so!

Mentale Hürden überwinden

Machen Sie sich dabei bitte auch mögliche mentale Blockaden bewusst. Nicht wenige beklagen zwar ihren Frust, suchen aber gleichzeitig nach Gründen, warum eine Veränderung unmöglich ist. Zugegeben, ein radikaler Wechsel, eine Neuorientierung im Wortsinn hat Hürden:

  • Arbeit und Beruf sind wichtige Komponenten der eigenen Identität. Der bisherige Beruf ist für viele Menschen ein essenzieller Bestandteil ihres Selbstbildes. Sich von diesem Teil zu lösen, geht daher oft mit Angst und Orientierungslosigkeit einher.
  • Arbeitgeberwechsel sind heute zwar kein Problem, Branchen- und Berufswechsel sind aber nach wie vor mit Unsicherheiten verbunden: Man fängt neu an, ohne Netzwerk, ohne Erfahrung. Leicht wird das nicht.
  • Die berufliche Neuorientierung kann zahlreiche Fragen im privaten Umfeld auslösen. Je mehr eine(r) schon erreicht hat, desto größer wird der Rechtfertigungsdruck sich selbst und anderen gegenüber. Gerade wenn man noch einmal ganz von vorne anfängt. Und falls einem selbst die neue Richtung noch nicht 100-prozentig klar ist, können diese Rückfragen enorm verunsichern.

Lassen Sie sich davon aber auch nicht ins Bockshorn jagen. Es sind Hürden, aber keine unüberwindbaren. Und eine gute Vorbereitung senkt diese deutlich ab.

Dazu gehört auch, dass Sie - so kritisch es auch sein mag - ihr privates Umfeld von Anfang an miteinbeziehen: den Partner, gute Freunde, Mentoren, um sich über fehlende Puzzleteile im Klaren zu werden. Kaum einer vollzieht einen solchen Schritt alleine. Lassen Sie sich bei der beruflichen Neuorientierung helfen:

Beruflichen Neuorientierung: So klappt's

Im Folgenden empfehlen wir Ihnen ein paar Schritte, mit denen Sie sich der beruflichen Neuorientierung systematisch nähern können:

  1. Verlassen Sie Ihre Komfortzone!

    Der erste Schritt ist zugleich auch der unbequemste im gesamten Prozess und hat primär mit Ihrer Einstellung und Haltung zu tun: Lösen Sie sich von Ihren aktuellen Erwartungen und Annahmen und gehen Sie auf Null zurück. Nur wenn Sie die Analyse des status quo offen und vorbehaltlos angehen, können Sie den für Sie passenden Weg finden.

    Die dabei auftauchenden Fragen werden nicht immer angenehm sein und Sie oft aus Ihrer Komfortzone herausführen. Nehmen Sie sich Zeit für eine ehrliche und umfassende Bestandsaufnahme, gehen Sie Ihre innere Inventur konsequent und ehrlich an - und Sie werden herausfinden, was Sie verändern müssen. Stellen Sie sich dabei auch Ihren Ängsten, Zweifeln und Befürchtungen und überlegen Sie sich gute Argumente dagegen. Vor allem: Betrachten Sie Ihre Optionen vor einem langfristigen Kontext - idealerweise mit der sogenannten 10-10-10-Methode:

    10-10-10-Analyse-Jobfrust

  2. Betrachten Sie alle Optionen!

    Stellt sich heraus, dass Ihre berufliche Zukunft nicht bei Ihrem aktuellen Arbeitgeber und nicht in Ihrem angestammten Beruf liegt, beginnt die Suche nach den Alternativen und möglichen Jobprofilen. Hier gilt: Ziehen Sie zunächst jede denkbare Möglichkeit in Betracht und schließen Sie keine Option von vorne herein aus, nur weil diese auf den ersten Blick unrealistisch oder wie ein Luftschloss erscheint. Oder anders formuliert:

    Wer etwas will, findet Wege; wer etwas nicht will, findet Gründe.

    Das gilt für die berufliche Neuorientierung ganz besonders. Wenn Sie unter den scheinbar unrealistischen Optionen eine finden, die Sie mit Leidenschaft erfüllt, bei der Sie intuitiv spüren: Das ist es! Dann suchen Sie nach einem Weg, wie es doch geht.

    Das bedeutet nicht, dass das der bequemste Weg wird. Vielleicht müssen Sie dazu umschulen, noch einmal ganz von vorne anfangen, beim ersten Gehalt Abstriche machen und für ein paar Jahre den Gürtel enger schnallen. Nichts ist umsonst. Aber Sie wissen, wofür Sie die Entbehrungen auf sich nehmen und haben vor allem eine langfristige Perspektive, die sie erfüllt.

    Muss der Beruf die Erfüllung bieten?

    Extra-Tipp-IconWie sieht Ihr Traumjob genau aus? Die Chancen stehen gut, dass Sie diese Frage nicht detailliert beantworten können. Die wenigsten können das übrigens. Oft haben wir von unserem Traumjob nur eine vage Vorstellung im Kopf. Irgendwie ist der einfach nur toll und macht immer Spaß - aber warum und wie realistisch das Bild ist, darüber machen sich nur wenige Gedanken.

    Natürlich haben wir nichts gegen Spaß im Job. Aber mal ehrlich: Muss der Beruf wirklich immer erfüllend sein? Das setzt enorm unter Druck - und so ganz realistisch ist die Vorstellung auch nicht. Die allseits erreichbare Work-Life-Balance ist ohnehin eine gefährliche Illusion. Und nicht wenige Menschen scheitern genau an dieser Vorstellung, dass der Job durchweg der Selbstverwirklichung dienen muss. Eine hohe, vielleicht zu hohe Messlatte.

    Erfüllung finden Menschen in Aufgaben und Aktivitäten, die für sie subjektiv (!) einen tiefen Sinn besitzen und nachhaltige Auswirkungen haben. Das kann auf den jeweiligen Beruf zutreffen, lässt sich aber auch in Ehrenämtern oder sozialem Engagement finden.

    Erfüllung sucht vermutlich jeder Mensch auf irgendeine Art und Weise. Die Suche sollte aber nicht auf die Arbeit beschränkt sein. Wenn Sie also über eine berufliche Neuorientierung nachdenken, weil Sie in Ihrem aktuellen Beruf keine Erfüllung finden, kann es sinnvoll sein, diese auch in anderen Lebensbereichen zu suchen. Eine berufliche Neuorientierung muss nicht der einzige oder beste Weg dazu sein.

  3. Ziehen Sie die Konsequenzen!

    Im letzten Schritt geht es darum, den Graben zwischen Plan und Realität zu minimieren. Und das gelingt nur durch eines: Handeln. Der Traumjob wird nicht per Zufall zu Ihnen kommen, dazu müssen Sie selber aktiv werden (und teils auch Geduld sowie Durchhaltevermögen mitbringen). Wenn Ihre Erwartungen und Ziele realistisch sind, können Sie diese auch erreichen.

    Menschen, deren Berufswahl allerdings von extrinsischen Faktoren wie Geld, Macht oder Prestige getrieben ist, laufen hierbei Gefahr, eben diese Faktoren zu überschätzen und daher dem Glücklichsein immer einen Schritt hinterher zu liegen. Schlicht, weil sie nie genug davon bekommen.

    Achten Sie bei der Auswahl Ihrer Alternativen daher bitte nicht nur auf materielle Faktoren, wie...

    • Bessere Bezahlung
    • Flexiblere Arbeitszeiten
    • Karriereperspektiven
    • Angenehmere Arbeitsatmosphäre
    • Kürzere Arbeitswege
    • Nettere Kollegen (Chef)
    • ...

    All das trägt wesentlich zur Jobzufriedenheit bei, keine Frage. Um langfristig glücklich und damit auch erfolgreich im Beruf zu sein, sollten Sie aber auch auf Faktoren achten, wie...

    • Anerkennung und Wertschätzung
    • Sinnhaftigkeit der Arbeit
    • Ausgewogenheit von Forderung und Förderung

    Eine berufliche Neuorientierung ist ein umfassender, teilweise schmerzhafter und keinesfalls kurzfristiger Prozess. Unzufriedenheit kann diesen Prozess anstoßen, um ihn wirklich durchzuziehen, brauchen Sie aber klare Ziele. Gehen Sie den Weg konsequent, wird bei Ihnen wieder Ruhe und Zufriedenheit einkehren.

    Checkliste zur beruflichen Neuorientierung

    • Achten Sie auf körperliche und seelische Alarmzeichen.
    • Suchen Sie nach den Ursachen für Ihre Unzufriedenheit.
    • Versuchen Sie zunächst durch kleine Veränderungen Ihre Lage zu verbessern.
    • Versuchen Sie sich intern zu verändern.
    • Passen Sie den Job Ihren Wünschen an - zum Beispiel durch neue Aufgaben, die mehr Spaß machen.
    • Benennen Sie Ihre Lebensziele - beruflich und privat.
    • Analysieren Sie, was Sie wirklich Ihrem beruflichen Ziel näher bringt.
    • Planen Sie realistisch die nötigen Schritte dazu - kurz-, mittel-, langfristig.
    • Schließen Sie keine Option voreilig aus - wenn diese zu Ihren Zielen passt.
    • Finden Sie Wege, diese zu realisieren.
    • Stellen Sie sich Ihren Ängsten, Unsicherheiten und Selbstzweifeln.
    • Glauben Sie an sich, Ihre Fähigkeiten und Erfolg.
    • Suchen Sie sich mentale Unterstützer.
    • Sorgen Sie für einen finanziellen Puffer.
    • Setzen Sie entsprechende Prioritäten und ziehen Sie die Konsequenzen.

Alternativen zur beruflichen Neuorientierung: Kleine Schritte reichen

Sind Ihnen die Kosten und Risiken einer beruflichen Neuorientierung doch zu groß, müssen Sie sich nicht mit Ihrer Situation abfinden. Auch wenn Sie den ganz großen Schritt (noch) nicht gehen, können schon kleine Veränderungen zu mehr Freude und Ausgeglichenheit führen:

  • Suchen Sie sich ein Ehrenamt oder Hobby, das Sie neben Ihrem Beruf ausüben.
  • Verbringen Sie mehr Zeit mit der Familie und fahren Sie die Zahl der Überstunden zurück.
  • Suchen Sie unternehmensintern nach neuen Aufgaben, die Ihnen Abwechslung bieten.
  • Prüfen Sie, ob eine interne Versetzung möglich ist.
  • Gönnen Sie sich mehr Zeit für sich: Lesen Sie mehr Bücher, gehen Sie wandern oder meditieren Sie öfter.

Die Tipps mögen auf Anhieb banal klingen - bewirken aber schon nach kurzer Zeit eine mentale Veränderung. Sie bekommen mehr Kraft, kommen auf neue Ideen, entwickeln für sich Perspektiven, an die Sie heute noch nicht denken. Vielleicht verschieben sich so auch Prioritäten zwischen Karriere und Privatleben. All das muss nicht immer in eine berufliche Neuorientierung münden. Aber es ist ein guter Anfang. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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