Während Studenten unter der Bologna-Reform leiden, die Änderungen verfluchen und dem guten alten Abschluss hinterher weinen, haben Absolventen mit Diplom ganz andere Probleme: Martin Weiß (Name geändert) ist seit September 2009 Diplom-Pädagoge mit Schwerpunkt Betriebspädagogik. Im Nebenfach BWL hat er die Richtung Führung und Organisation gewählt. In Zeiten, in denen die neuen Abschlüsse Bachelor und Master noch nicht recht angenommen sind, hat das gute alte Diplom traditionelle Klasse. Also eigentlich klasse Voraussetzungen für Martin, schließlich steht er stellvertretend für eine Generation: Glanzlichter der deutschen Hochschulbildung, zertifiziert mit weltweit anerkanntem Gütesiegel, das für Qualität und solide deutsche Ausbildung steht. Eigentlich.

Als ich ihn getroffen habe, schrieb er gerade Bewerbung Nummer 198 – er ist immer noch ohne Job. Wie ist das passiert? Der Versuch einer Spurensuche:

Studienverlauf

Sein Studium hat er in fünf Jahren durchgezogen, die Regelstudienzeit für den Diplomstudiengang. Motiviert war er auch, immerhin hat er das Studium mit der Note 2,1 abgeschlossen. Seine Diplomarbeit, eine quantitative Studie unter 30 Ärzten und circa 130 Patienten, wurde mit einer 1,7 belohnt.

Das Klischee des theorielastigen Studenten, der noch nie Betriebsluft geschnuppert hat, trifft auf ihn auch nicht zu. Ein Jahr lang war er Werkstudent bei Siemens, im Bereich betriebliche Sozialarbeit. Im elterlichen Betrieb packt er regelmäßig mit an und für ein Praktikum im Jugendamt war er sich auch nicht zu schade.

Bewerbungsphase

Nach dem Abschluss hat er sich für Positionen im Personal-, Aus- und Weiterbildungsbereich beworben. Bei Unternehmen aus allen Branchen, überwiegend aber bei Personaldienstleistern.

  • Seine Strategie
    Er hat sich vor allem initiativ beworben, also nicht auf konkrete Stellenangebote. Das geschah zu 90 Prozent per E-Mail – jedoch überwiegend mit negativer Resonanz. So berichtet Martin etwa von einem Unternehmen, dass ihn darauf hinwies, er solle das Bewerberportal nutzen und sich auf eine konkrete Position bewerben. Initiativbewerbungen wären nicht gerne gesehen. Ein Mittelständler bot Martin eine Stelle für einen Diplom-Ingenieur an – er wäre dann für die weltweite Reparatur von Maschinen zuständig gewesen. Pädagoge und Maschinen? Maschine Mensch vielleicht…
  • Sein Manko
    Er möchte gerne in der Region bleiben, Landkreis Bayreuth. Das heißt aber auch, dass er bis zu 100 Kilometer Anfahrt zu seiner Arbeitsstelle in Kauf nehmen würde.

Aktueller Stand

In der kommenden Woche hat Martin ein Vorstellungsgespräch sowie ein Telefoninterview. Immerhin! Möglicherweise ergibt sich auch die Chance, an einem Assessment Center teilzunehmen. Aber das alles ist noch sehr vage.

Jetzt sind Sie gefragt:
  • Welche Tipps würden Sie Martin geben?
  • Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht – was hat Ihnen geholfen?
  • Was glauben Sie, macht Martin falsch?