Ghostwriter-Bewerbung-schreiben-lassen-Ghosten
Spannende Frage: Ist ein vom Profi geschriebener Lebenslauf ein Plagiat? Gefunden haben wir die Frage bei Judith Oldekop im Personalblogger. Tatsächlich gibt es eine Reihe von Bewerbungsberatern, die Jobsuchende nicht nur konzeptionell unterstützen und Bewerbungstipps geben, sondern auch ganz konkret beim Formulieren des Anschreibens helfen, dieses aufpimpen oder gar - gegen Bezahlung natürlich - gleich ganz schreiben. Aber ist so eine Bewerbung aus fremder Feder überhaupt zulässig und zielführend?

Ghostwriter für die Bewerbung: Pro & Contra

Ghostwriting-in-der-Bewerbung-nicht-okIn Ihrem Artikel zitiert Judith Oldekop einen Headhunter, der sich entschieden gegen solche Dienstleistungen ausspricht: Das sei so, wie wenn man einen Liebesbrief nicht selbst verfasst. Bei einem Motivationsschreiben gehe es schließlich darum, wahrhaftig und authentisch zu sein.

Erwartungsgemäß sehen das die Anbieter solcher Schreibhilfen komplett anders. Deren Argumente:

Profis...

  • ... helfen Schreibfehler zu tilgen.
  • ... wählen das bessere Bewerbungsfoto aus.
  • ... gestalten die Bewerbung so, dass sie zur Stelle und zum Untenhmen passt.
  • ... finden Lücken im Lebenslauf und schließen diese mit den richtigen Worten.
  • ... konzentrieren den Text auf die relevanten Aussagen, die Personaler überzeugen.
  • ... sorgen dafür, dass sich Bewerber nicht unter Wert verkaufen.

Schließlich gebe es für den ersten Eindruck keine zweite Chance und so...

Die Argumente sind sicher nicht schlecht. Das Problem sind die sogenannten oder selbsternannten Profis. Was deren Service wert ist, weiß der Bewerber leider erst hinterher, wenn er oder sie tatsächlich zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Oder eben nicht. Versprechen lässt sich vorher also viel.

Daumenrunter_tAuf der anderen Seite: Was, wenn das gepimpte Schreiben den Personaler wirklich überzeugt, der Kandidat damit weit über alle Mitbewerber hinweg strahlt, dann voller Erwartungen eingeladen wird - und sich leider als weniger helle Leuchte entpuppt?

Produktenttäuschung. Es ist das Schlimmste, was im Bewerbungsgespräch passieren kann - wenn die Person und Persönlichkeit nicht hält, was das Papier oder die E-Mail vorher versprochen haben. Oder partout nicht zusammenpassen. So jemand wird nie eingestellt. Und dann lohnt sich auch die Investition in den Ghostwriter nicht - nur um die erste Hürde zu nehmen, die am Ende doch nur zu vielen Absagen und in die Sackgasse führt.

Ghostwriting der Bewerbung: Fälschung, Plagiat oder zulässiges Tuning?

Natürlich geht es bei der Ausgangsfrage nicht darum, dass ein professioneller Bewerbungsschreiber bewusst falsche Angaben macht, im Motivationsschreiben lügt oder gar Dokumente fälscht. Wer das anbietet und verkauft, ist sicher kein Profi, sondern kriminell.

Es geht vielmehr um die Frage, ist das bewusste Nicht-Selbst-Verfassen und und Ghostwriting-Beauftragen bereits eine Fälschung und ein unzulässiges Bewerbungs-Plagiat?

Wobei es dabei sicher Abstufungen gibt - zwischen moderater Kosmetik und Schönheitsreparaturen bis hin zum kompletten Fremdtext (der allerdings auf eigenen, wahren Angaben beruht).

Schwierige Frage, die wir an unsere Leser und Blogger weitergegeben haben. Das sind die Kommentare:

Ute Blindert, selber Karriereexpertin und auf vielen Jobmessen beratend unterwegs, argumentiert in ihrem Blog Zukx, es sollte Chancen- aber auch Mittelgleichheit bestehen: Was sich die eine Seite zugesteht, sollte sie der anderen nicht verwehren. Oder in ihren Worten:

Wenn es ein Profi besser könnte, warum nicht diesen für die Aufgaben engagieren, die man selbst nicht so gut kann? Unternehmen nehmen schließlich auch die Hilfe von Profis in Anspruch, wenn es darum geht, Stellenanzeigen zu formulieren und auf der Karrierewebsite auf die Vorzüge als Arbeitgeber hinzuweisen. Auch hier wird lange daran gefeilt, bis das Image stimmt und verspricht, möglichst passende Bewerber in Scharen anzuziehen. Dabei sitzen die Profis oft in den Unternehmen selbst oder diese buchen die Unterstützung von PR-Agenturen, Imageberatungen etc.

Die Emotionsberaterin Ulrike Zecher würde sogar noch einen Schritt weitergehen und schreibt in ihrem Blog...

Ich würde es den meisten Bewerbern ans Herz legen.

Lars Hahn und Martin Salwiczek, beide Berater, führten dazu eine Art Streitgespräch und einigten sich am Ende auf die Formel: Professionelle Unterstützung ist okay, solange sich sich darauf beschränkt, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Denn:

Sind Bewerber ausschließlich auf sich allein gestellt, kopieren sie manchmal einfach tolle Texte aus einschlägigen Bewerbungsbüchern. Oder noch schlimmer, sie nehmen irgendwelche dubiosen Vorlagen aus dem Netz. Im günstigen Fall wird dann ein Anschreiben einfach nur unpassend, im härtesten Fall sind die Vorlagen formal und inhaltlich grottenschlecht. Und dann? Überprüft das keiner und der Bewerber rennt ins offene Messer. Darum sag ich: Direkt die Hilfe von Profis in Anspruch nehmen.

Ähnlich argumentiert auch Svenja Hofert, ebenfalls Bewerbercoach:

Es geht nicht darum, neue Worte zu finden, um etwa zu „verkaufen“, sondern Worte, die ein Normalsterblicher verstehen kann, auch wenn er fachfremd ist (wovon bei den meisten Recruitern auszugehen ist). Ich habe auch die Erfahrung gemacht: Fast keiner möchte, dass man ihm die Worte in den Mund legt, sondern es geht um Formulierungshilfen.

Der Karriereberater Christoph Burger führt dabei noch ein weitere Pro-Argument für das professionelle Ghostwriting einer Bewerbung an:

Bei Bewerbungen geht es darum, ob einer gut ist in seinem Job als Architekt oder Chemiker, nicht ums Schreibenkönnen. Zu allem im Leben, was man nicht selbst gut kann, darf man sich beraten lassen. [...] Für die Qualität der späteren Arbeitsleistung sind Persönlichkeit und fachliche Kompetenz wichtig. Um sie zu prüfen, gibt es Vorstellungsgespräche und Zeugnisse. Sein oder Schreibenkönnen? Für den Erfolg im Job ist ersteres entscheidend. Bewerbungs-Profis können und dürfen helfen, um die Hürde "schriftliche Bewerbung" zu nehmen.

Lilian Kura, alias Textzicke, und selber professionelle Autorin und Lektorin widerspricht dem nicht, formuliert es allerdings wesentlich schärfer:

Eine komplett fremdverfasste Bewerbung wäre ihrer Vorsilbe nicht wert und würde ihren Urheber als etwas verkaufen, das er nicht ist. Enttäuschungen beim Empfänger wären dann vorprogrammiert. Deshalb übernehme ich hier das Schreiben "von Grund auf" niemals völlig, sondern fungiere eher als eine Art Schreib-Coach mit anschließendem Lektorat/Korrektorat. Authentizität rulez!

Die Pro-Argumente soweit sagen im Kern also: helfen, beraten, korrigieren, verbessern - ja. Aber bitte nie zulasten der Authentizität! Oder wie es die Texterin Barbara Lerchenberger formuliert:

Eine Fälschung ist solch ein professionelles Schreiben meiner Meinung nach nicht. Für sonderlich ratsam halte ich es allerdings auch nicht. Denn der Kern einer Bewerbung ist meiner Meinung nach nicht, einen möglichst perfekten Menschen zu verkaufen, sondern den Bewerber als Mensch möglichst genau darzustellen.

Die Karriereberaterin Martina Bandoly stimmt dem im Kern wohl zu, findet aber auch, dass es nicht gleich bezahlte Ghostwriter sein müssen:

Gegenlesen der Bewerbungsunterlagen dagegen ist sehr sinnvoll, weil man für eigene Texte schnell einen Tunnelblick entwickelt. Das können auch Freunde und Verwandte übernehmen.

Der Karrierebibel-Redakteur und Coach Christian Müller nimmt dagegen eine klare Contra-Position ein: Er selber würde schon mal Bewerbungen ergänzen, korrigieren und reflektieren, doch die Basis und das Endergebnis müssten stets vom Bewerber selbst kommen. Dennoch sagt er klar:

Aus meiner Sicht ist der Einsatz eines Ghostwriters unehrlich und nutzlos. Unehrlich, weil ich dem Arbeitgeber gegenüber ja – zumindest implizit – behaupte, das Anschreiben selbst erstellt zu haben. [...] Neben diesem Vertrauensbruch – denn genau das ist es für mich – halte ich Anschreiben von Ghostwritern auch für nutzlos. Nur hervorragende Ghostwriter schaffen es, den Stil und die Persönlichkeit des Bewerbers widerzuspiegeln. Gelingt das, kann ein solches Anschreiben tatsächlich hilfreich sein. In der Regel wird das Anschreiben jedoch nicht dem Bewerber entsprechen. Die Erwartung des Personalers vor dem Bewerbungsgespräch ist daher völlig unrealistisch – und die Enttäuschung entsprechend groß.

Oder in kurz:

Kann man einen Ghostwriter für das Bewerbungsanschreiben engagieren? Klares: Ja. Sollte man es tun? Klares Nein.

Bewerbung Ghostwriting: Das Fazit

Lektorat, ein paar Tipps und Hilfen beim Formulieren sind für die Mehrheit kein Problem. Aber ein vollständiges Ghostwriting der Bewerbungsmappe lehnt diese ebenso ab. Geübte Personaler würden die zu perfekten Unterlagen vermutlich erkennen, spätestens aber im Vorstellungsgespräch passen beide Eindrücke nicht mehr zusammen. Und das Störgefühl daraus führe dann fast immer zu Punktabzügen, wenn nicht gar zum Aus.

Eine Bewerbung vollständig von einem anderen schreiben zu lassen, ist tatsächlich ein Plagiat: So wie man enttäuscht wäre, würde man herausfinden, dass der Liebesbrief gar nicht von dem Verehrer stammt, so ergeht es jedem Personaler: Er spürt die (unlautere) Absicht und ist verstimmt.

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