Die Zeiten sind schon faszinierend: So viel wie in diesen Tagen wurde noch nie kommuniziert, kollaboriert, sozialisiert. Überall sammeln die Menschen Freunde, Fans, Follower und tauschen sich mit ihnen aus. Doch der schöne Geselligkeitsschein trügt. Wir vereinsamen zwar nicht, aber in dem Maß wie unsere Facebook “Freundschaften” steigen, nehmen unsere realen ab. Zu diesem Schluss kommt der Soziologe Matthew Brashears von der Cornell Universität.

Er beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit Beziehungen und wertet seitdem immer wieder Umfragen aus, bei denen 2000 Erwachsene nach ihren Freundschaften befragt werden, also etwa: “Mit wem haben Sie in den vergangenen sechs Monaten über wichtige persönliche Themen gesprochen?”. Nun verglich er die Werte von 1985 und 2010 – und stellte fest: Die Zahl der so bezeichneten “echten”, “engen” Freunde hat abgenommen, von durchschnittlich drei auf aktuell 2,03. Hört sich nicht viel an, ist aber ein dramatischer Rückgang um rund ein Drittel. Und das, obwohl wir digital-soziale Beziehungen pflegen wie noch nie.

Rund 48 Prozent der Befragten nannten gar nur einen engen Freund, 18 Prozent nannten immerhin zwei und 29 Prozent nannten sogar mehrere Personen. Eine kleine Gruppe von vier Prozent jedoch gab auch an, nicht einmal einen echten Freund zu haben. Traurig.

Nun darf man freilich nicht den Fehler machen und Facebook deshalb verteufeln. Das wäre auch zu kurz gesprungen. So haben etwa andere Wissenschaftler wie beispielsweise Keith Hampton von der Annenberg School for Communication der Universität von Pennsylvania unlängst zeigen können, dass Social-Media-Nutzer im Allgemeinen und Facebook-Nutzer im Besonderen mehr und innigere Beziehungen haben als andere Menschen.

Genau genommen ist virtuelle Netzwerken sogar gesund für uns: “Facebook-Nutzer bekommen eine Menge Zuspruch von ihren digitalen Freunden”, schreibt Hampton in seinem Blog. “Und das ist kein unwesentlicher Zuspruch.”

Aber Online-Beziehungen sind eben anders als reale. Brashear erklärt sich das beobachtete Phänomen daher eher mit einer Art Inflationswirkung: Weil es so leicht geworden ist, überall neue “Freunde” zu finden, werden wir immer vorsichtiger und wählerischer, wem wir uns wirklich anvertrauen und mit wem wir unsere intimsten Sorgen teilen.

Oder in anderen Worten: Online bekommst du Zuspruch, aber echten Rat suchst du dir lieber offline.