Zehn Millionen. Soviel sollte die Statue eines griechischen Jünglings kosten, die ein Kunsthändler dem Getty-Museum in Los Angeles anbot. Klar, bei einer solchen Summe kauft keiner die Katze im Sack. Also prüften die Kunstkenner den Marmor auf seine Echtheit, mit Elektronenmikroskop, Massenspektrografie, Röntgenstrahlen. Das volle Programm. Dann stand fest: Das Ding ist echt. Falsch! Noch bevor der Kaufvertrag unterschrieben wurde, warf der ehemalige Leiter des Metropolitan Museum of Art in New York, Thomas Hoving, einen Blick auf die Plastik. Sein Bauch sagte ihm: „Der Steinbube ist unecht.“ Was Maschinen nicht enthüllen konnten – sein Bauch konnte es, in einem Augenblick.
Über die Macht der Intuition schrieb der New Yorker Journalist Malcolm Gladwell vor kurzem den Bestseller Blink!. Wie Gladwell sind inzwischen viele davon überzeugt: Bauchentscheidungen sind keinen Deut schlechter als die des Verstandes, dafür aber zig Mal schneller. So fand etwa die Psychologin Sian Leah Beilock von der Universität Chicago heraus, dass Profi-Golfspieler am besten spielen, wenn sie keine Zeit haben, über ihren Schlag nachzudenken. Nur bei Anfängern ist es umgekehrt. Gefühle vernebeln den Verstand keineswegs. Der Versuch dazu stammt von dem US-Neurologen Antonio Damasio von der Universität Iowa. Er schloss Probanden Anfang der Neunzigerjahre an eine Art Lügendetektor an und ließ sie mit präparierten Karten spielen. Das erste Kartenspiel warf große Gewinne ab, das zweite kleine. Beide Kartenstapel waren mit roten Karten durchsetzt, für die man Strafe zahlen musste. Der Trick: Im zweiten Stapel gab es weniger Strafkarten, langfristig lohnte sich also damit zu spielen. Ab der 50. Karte dämmerte das den meisten Probanden. Die Auswertung des Detektors brachte aber die eigentliche Sensation: Der Instinkt hatte die Probanden schon ab der 10. Karte gewarnt.
Es geht noch weiter. Der Amsterdamer Psychologe Ap Dijksterhuis erweiterte 2004 das so genannte Poster-Experiment, das seine US-Kollegen Timothy Wilson und Jonathan Schooler 1991 durchgeführt hatten: Drei Studentengruppen mussten Kunstdrucke bewerten. Die erste Gruppe listete akribisch Für und Wider der Motive auf, die zweite entschied sich spontan, die dritte sah die Poster nur kurz, wurde dann abgelenkt und musste sofort danach ihr Lieblingsbild auswählen. Alle drei Gruppen durften ihr Lieblingsposter behalten. Wochen später riefen die Forscher bei den Studenten an – Ergebnis: Wer sein Traumbild dank Ratio erkor, war damit mehrheitlich unzufrieden; die Spontanentscheider waren noch glücklich mit ihrer Wahl – am glücklichsten aber waren die Abgelenkten. Bei ihnen übernahm das Unterbewusstsein die Bewertung. Und weil dessen Rechenleistung offenbar größer ist, trafen sie die bessere Wahl. Das vermutet auch der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth. Er ermittelte, dass das Unterbewusste einige Millionen Informationen pro Sekunde verarbeiten kann, das Bewusstsein jedoch nur 0,1 Prozent davon.
Was das für Ihre Entscheidungen heißt?
Von Kunstkenner Hoving und Golfforscherin Beilock lernen wir: Wenn Sie sich auf Ihrem Gebiet auskennen, dann trauen Sie Ihrem Bauch; sind Sie Laie – machen Sie lieber Ihre Hausaufgaben und benutzen Sie den Kopf! Von den Psychologen Damasio, Dijksterhuis & Co. wiederum wissen wir: Je komplexer das Problem, desto klarer sieht das Unterbewusste, während der Verstand vernebelt wird. Also hören Sie in solchen Fällen besser auf Ihren Bauch!
Ein kleiner Selbstversuch zum Schluss: Welche Stadt hat mehr Einwohner – San Antonio oder San Diego? Richtig: San Diego. Wieder hat Sie Ihr Unterbewusstsein geleitet. Das sagte: Nimm das Bekanntere! Der Versuch ist nicht von mir. Der Berliner Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Gerd Gigerenzer, hat solche Fragen mehrfach gestellt. Auch in den USA. Die meisten Amerikaner tun sich mit der obigen Frage übrigens schwer – sie kennen beide Städte.







Excellence-Blog
Wenn zufällig der bekanntere Ort auch der größere ist, habe ich vermeintlich einen Vorteil durch Nichtwissen. Hätte ich dafür tatsächlich einen Gigerenzer gebraucht?
Erstaunlich, wofür die öffentlichen Forschungsgelder so verprasst werden…
Bei der Geschichte mit der Statue stellt sich mir die Frage, ob die anderen Kunstkenner nicht auch durch ihre Intuition hätten feststellen müssen, dass sie es mit einer Fälschung zu tun haben. Es kann natürlich sein, dass sie das bewußt unterdrückt haben oder dass sie einfach noch nicht Experte genug waren und noch mehr Erfahrung brauchten, bzw. wenn sie darüber verfügt hätten, vielleicht auch die bewußte Prüfung die Fälschung festgestellt hätten. Die Kernfrage ist also, wann bin ich Experte genug, um meiner Intuition den Job zu überlassen?
Einen anderen Gedanken finde ich dabei noch etwas beunruhigender. Eine Grundregel wissenschaftlichen Arbeitens ist es, ergebnisoffen zu arbeiten. Kann ich als Wissenschaftler der Anforderung noch folgen, wenn mein Bauchgefühl mir vorab das Ergebnis souffliert?
Zum Thema Entscheidungen: Die meisten Entscheider haben heute eher zu viele Informationen als zu wenige. Das Internet machts möglich. Viel schwieriger ist es dagegen, sich mit den tatsächlich relevanten Informationen zu befassen. Das wiederum liegt daran, dass viele Entscheider keine klare Zielsetzung haben und daher auch ihren Bedarf bestenfalls nebulös kennen. :-)
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