Der Begriff geistert seit einigen Jahren vermehrt durch die Medien: Borderline, teilweise ist auch von einer Borderline-Störung die Rede. Die Gründe dafür sind vielfältig. Insgesamt lässt sich eine größere Akzeptanz psychischer Erkrankungen beobachten. Dazu tragen unter anderem viele Prominente bei, die sich als Betroffene outen - etwa Cathrine Zeta-Jones, Jim Carrey oder Anne Hathaway - aber auch traurige Nachrichten über den Suizid. Sie zeigen, dass auch Stars, die scheinbar sorgenfrei leben, unter Erkrankungen wie Borderline leiden. Bestimmte Merkmale in der Persönlichkeit fördern ein Verhalten, das besonders häufig bei Stars anzutreffen ist, allerdings nicht nur bei denen. Lesen Sie hier über die Symptome, Ursachen und mögliche Therapien...

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Borderline Definition: Eine Erkrankung mit vielen Gesichtern

Borderline-Definition-Therapie-Ursachen-SymptomeBei Borderline - so der umgangssprachliche Begriff - handelt es sich um eine psychische Erkrankung. Häufig wird auch von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) oder dem Borderline-Syndrom gesprochen. Die Betroffenen selbst bezeichnen sich teilweise als Borderliner oder auch abgekürzt "Bordi".

Der englische Begriff Borderline hat im Deutschen keine direkte Übersetzung. Endstanden ist er aus der ursprünglichen Annahme, dass die Krankheit offenbar eine Art Übergangsbereich zwischen Neurose und Psychose sei, da die Erkrankten Symptome beider Erkrankungen zeigen. Diese Persönlichkeitsstörung ist also nach psychoanalytischem Verständnis auf der Grenzlinie, englisch borderline.

Das psychiatrische Krankheitsbild bei Borderline ist sehr komplex. Menschen mit BPS sind sehr impulsiv, ihre Emotionen und Stimmungen sehr instabil, weshalb auch die Klassifikation nach ICD-10 emotional instabile Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typs lautet.

Wissenswert: Wer definiert was

ICD 10 Borderline Ursachen SymptomeICD steht für englisch International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, zu deutsch: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme.

Es handelt sich hierbei um das wichtigste Diagnoseklassifikationssystem der Medizin und ist weltweit gültig. Die aktuelle Version ist ICD-10 von 2016, Herausgeber ist die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Bei einer Borderline-Störung haben die Betroffenen Probleme, ihre Gefühle zu kontrollieren. Extreme Stimmungsschwankungen und Störungen des Selbsterlebens führen zu einem großen Leidensdruck, auch empfinden viele Erkrankte eine Leere.

Menschen mit Borderline fühlen sich häufig innerlich zerrissen und voller Anspannungen. Durch autoaggressives Verhalten, das sich auf vielerlei Arten äußert, versuchen die Betroffenen, diese Anspannungen erträglich zu machen.

Man geht davon aus, dass etwa drei Prozent der Bevölkerung von einer Borderline-Störung betroffen sind. Die Zahlen zur Häufigkeit je nach Geschlecht schwanken. Die einen besagen, dass deutlich mehr Frauen (70-75 Prozent) als Männer (25-30 Prozent) betroffen sind. Die anderen gehen davon aus, dass die Verteilung in etwa gleich ist.

Die Diskrepanz zwischen den beiden Aussagen lässt sich dadurch erklären, dass Frauen sich deutlich häufiger in eine Therapie begeben, das heißt, betroffene Männer erscheinen erst gar nicht in der Statistik. Auch sind Frauen häufiger Opfer von Gewalterfahrung, die als eine der Ursachen genannt wird, so dass sie aus dem Grunde stärker betroffen sind.

Insgesamt outen sich Borderliner selten, was den Umgang mit ihnen erst recht erschwert. Obwohl viele Menschen mit Borderline überdurchschnittlich gut ausgebildet sind, arbeiten nur wenige von ihnen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Wenn sie dort tätig sind, dann häufig im pädagogisch-sozialen Bereich (Borderline-Struktur und professionelle Helfer, PDF).

Borderline Persönlichkeitsstörung Test

Borderline Persönlichkeitsstörung Test Ursachen Therapie Symptome Beziehung AngehörigeWenn Sie sich dafür interessieren, ob Sie oder jemand aus Ihrem näheren Umfeld womöglich unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, lesen Sie diese Fragen und beantworten Sie sie recht zügig ohne längeres Grübeln.

Natürlich kann so ein Test niemals eine fundierte ärztliche oder psychologische Diagnose ersetzen, sondern dient lediglich einer ersten Selbsteinschätzung.

  • Fühlen Sie oft eine innere Anspannung?
  • Hatten Sie schon den Gedanken (oder haben Sie es in die Tat umgesetzt), sich selbst zu verletzen, um diese Anspannungen zu verringern?
  • Sind Sie häufiger genervt von Ihren Stimmungsschwankungen, die zwischen Extremen hin- und herpendeln?
  • Haben Sie oft Angst allein zu sein?
  • Finden Ihre Mitmenschen Sie häufig anstrengend und wenden viel Geduld mit Ihnen auf?
  • Flüchten Sie sich häufig in Beziehungen, nur um dem Alleinsein zu entgehen?
  • Hatten Sie bereits viele verschiedene Partner/Partnerinnen?
  • Haben Sie eine sehr geringe Impulskontrolle?
  • Leiden Sie unter häufigen Fressattacken?
  • Betreiben Sie hoch riskante Sportarten?
  • Greifen Sie gerne zu Drogen, um dem Hier und Jetzt zu entfliehen?
  • Rasen Sie gerne über die Autobahn?
  • Sind Sie ein sehr eifersüchtiger Mensch?
  • Klettern Sie auf hohe Geländer oder Brücken, bei denen Absturzgefahr besteht?
  • Haben Sie häufiger starke Wutausbrüche?
  • Empfinden Sie Ihr Leben als leer und sinnlos?
  • Hatten Sie bereits mehrfach Gedanken an Suizid?
  • Haben Sie als Kind Missbrauch erfahren?
  • Sind Sie streitsüchtig?
  • Empfinden Sie Ihren Körper meist als zu dick oder zu dünn?
  • Klammern Sie in einer Beziehung?
  • Waren Sie bereits in Konflikt mit dem Gesetz, beispielsweise wegen Ladendiebstahls?
  • Sind Sie depressiv?
  • Wurden Sie durch Ihre Eltern vernachlässigt oder zur Adoption freigegeben?
  • Fällt es Ihnen schwer, Langeweile auszuhalten?
  • Haben Sie bereits mehrfach die Schule oder Ausbildungen angefangen und wieder abgebrochen?

Sollten Sie mehr als zwei Drittel der Fragen uneingeschränkt mit ja beantworten können und den für Borderliner typischen Leidensdruck empfinden, empfehlen wir einen Arzt und/oder Therapeuten aufzusuchen.

Borderline: Ursachen sind häufig schwere Traumata

Auch wenn genetische Faktoren die Herausbildung von Borderline offenbar stark beeinflussen, so haben Borderliner in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle schwere Traumata in ihrer Kindheit erlitten. Als Ursachen gelten:

  • sexuelle Gewalterfahrungen
  • körperliche Gewalterfahrungen
  • schwere Vernachlässigung
  • emotionale Kälte

Nur in wenigen Fällen lassen sich gar keine Ursachen ermitteln - und selbst hier könnte der Grund in einer dissoziativen Amnesie liegen. Das bedeutet, dass die Traumata psychisch so abgespalten werden, dass sich die betroffene Person nicht mehr daran erinnern kann.

In den allermeisten Fällen (75-90 Prozent) berichten die Betroffenen von sexualisierter und/oder körperlicher Gewalt in der Kindheit. Vermutet wird, dass die Störungen im emotionalen Bereich vor allem damit zusammenhängen, dass ausgerechnet die Person, die einem am nächsten steht, Täter ist.

Zumeist reichen die Misshandlungen in eine Zeit der Kindheit zurück, in der sich das Gehirn noch entwickelt. Der Widerspruch, dass die Person, die einen eigentlich schützen sollte gleichzeitig diejenige ist, vor der man sich selbst schützen muss, scheint letztlich auch zu diesem überaus widersprüchlichen Verhalten von Borderlinern zu führen.

Borderline Symptome: Woran sich Borderline erkennen lässt

Die Schwierigkeit bei einer Einordnung von Borderline ist, dass es selten allein, sondern meist mit Begleiterkrankungen auftaucht. Solche Begleiterkrankungen können Depressionen, ADHS und Essstörungen wie beispielsweise Magersucht sein. Auch wenn es einige Anzeichen für Borderline gibt, so sind die Symptome sehr vielfältig und zeigen sich häufig bereits bei Jugendlichen.

Betroffenen fällt die Einordnung ihrer Gefühle so schwer, dass sie häufig gar nicht merken, wenn sie traurig oder verärgert sind. So kann sich eine innere Anspannung aufbauen, die sich bei minimalen Anlässen in Wut, Angst, Panikattacken oder auch absoluter Verzweiflung entlädt.

Vergleichsweise harmlose Situationen wie Anrempeln oder umgekippter Kaffee ziehen auffallende Gefühlsausbrüche nach sich. Es wundert nicht, dass diese mangelnde Impulskontrolle auf Außenstehende merkwürdig wirkt. Menschen mit Borderline werden Attribute wie diese nachgesagt:

  • aggressiv
  • launisch
  • unberechenbar
  • reizbar
  • unüberlegt
  • impulsiv
  • zwanghaft
  • unausgeglichen

Wer BPS hat, hat Probleme, sich zu spüren. Das Verhältnis zum eigenen Körper, aber auch Emotionen ist derart gestört, dass manche Betroffene sich selbst schädigen. Autoaggressives Verhalten kann sich auf verschiedene Arten zeigen, so fügen manche sich mit Rasierklingen, Messern oder Zigaretten Verletzungen zu; eins von vielen Merkmalen sind dann aufgeritzte/vernarbte Unterarme oder Beine.

Weil die dadurch erzielte Erleichterung mit der Zeit nachlässt, muss immer häufiger und tiefer verletzt werden. Abzugrenzen sind diese Selbstverletzungen allerdings von Suizidversuchen, die ganz klar mit der Intention der Selbsttötung unternommen werden, während die Selbstverletzungen nur dem Spannungsabbau und der Selbstregulierung dienen.

Aber auch anderweitig riskantes Verhalten - etwa durch schnelles Autofahren, balancieren auf dem Brückengeländer oder gefährliche Sportarten ausüben, können Zeichen für eine Borderline-Störung sein, ebenso wie Glückspiel, riskante Sexualkontakte, Alkohol- und Drogenmissbrauch.

Was oberflächlich betrachtet vielleicht das Verhalten eines Exzentrikers sein könnte, dient in diesem Fall dem Wunsch, die unerträgliche Anspannung loswerden zu können. Eins der wichtigsten Borderline-Kriterien ist hier der Leidensdruck des Betroffenen: Jemand, der einfach nur gerne rasant fährt, hat nicht automatisch Borderline. Darüber hinaus begleitet diese Erkrankung die Betroffenen oft ihr ganzes Leben lang, kann also chronisch sein.

Neben einer Klassifikation durch ICD-10 gibt es zur Bestimmung von Borderline eine weitere Klassifizierung, nämlich die nach DSM 5 (das steht für Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders und heißt zu Deutsch: Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen). Hier handelt es sich um das Klassifikationssystem der American Psychiatric Association. Sie stellt neun Kriterien auf, von denen wenigstens fünf erfüllt sein müssen, um von Borderline sprechen zu können:

  1. Menschen mit Borderline versuchen um jeden Preis, Trennungen zu vermeiden.
  2. Zwischenmenschliche Beziehungen zeichnen sich bei ihnen durch Intensität und Instabilität aus und pendeln zwischen den Extremen Hass und Liebe.
  3. Selbstbild und Selbstwahrnehmung sind andauernd und stark instabil.
  4. Borderliner sind in mindestens zwei potenziell selbstgefährdenden Bereichen sehr impulsiv: Sexualität, riskantes Fahren, Umgang mit Geld, Drogen oder auch Fressattacken.
  5. Selbstmord oder die Androhung von Selbstmord und Selbstverletzung kommen wiederholt vor.
  6. Die Stimmung von Menschen mit BSP ist häufig unausgeglichen und instabil. Ebenso machen sich häufig Angst und Reizbarkeit oder depressive Stimmungen bemerkbar, allerdings nur kurzzeitig.
  7. Borderliner überkommen ständig Gefühle von Langeweile und Leere.
  8. Der Betroffene hat unverhältnismäßig starke Gefühlsausbrüche wie Wut und Schwierigkeiten, diese zu kontrollieren, so dass es wiederholt zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt.
  9. Durch starke Belastungen treten vorübergehend paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptomen auf.

Wie wichtig eine Behandlung ist, wird deutlich, wenn man weiß, dass mehr als 60 Prozent der Betroffenen mindestens einen Suizidversuch hinter sich hat: Bei mehr als fünf Prozent aller Borderliner kommt jede Hilfe zu spät.

Beziehung zu Partnern, Angehörigen und Kollegen bei Borderlinern

Die bereits angesprochenen Symptome verdeutlichen, dass es Partner, aber auch Angehörige nicht immer leicht mit Menschen haben, die an einer Borderline-Störung erkrankt sind: Wer sich selbst nicht liebt, in ständiger Angst ist verlassen zu werden und unsicher ist, tut sich auch schwer, überhaupt erst Vertrauen aufzubauen.

Gleichzeitig ist bei Menschen mit Borderline zu beobachten, dass sie auch mit Blick auf ihre Partner zwischen den Extremen schwanken: Entweder, die Person wird völlig verklärt oder sie wird verachtet. Einerseits der Wunsch nach Nähe und Geborgenheit, andererseits die Angst genau davor.

Begleitet wird das Ganze von einem latenten Gefühl des Verlassenwerdens, so dass jedes Verhalten des Partners misstrauisch beäugt wird und Anlass für Spekulationen birgt. Diese extremen Gefühlsschwankungen verbunden mit leichter Kränkbarkeit und übermäßigem Misstrauen machen es nicht nur Partnern und direkten Angehörigen schwer, sondern generell.

Umgekehrt führen auch Probleme am Arbeitsplatz zu Beeinträchtigungen sozialen Verhaltens. Solche Stimmungs- und Gefühlsschwankungen sind für einige Partner tatsächlich auf Dauer schwer auszuhalten, so dass es infolgedessen zu Trennungen kommt.

Ganz ähnlich verhält es sich am Arbeitsplatz: Ein Job kann mit großer Begeisterung angefangen werden, der Chef und die Kollegen werden idealisiert und plötzlich kippt das Ganze wegen einer Nichtigkeit: Der Borderliner ist wegen einer (tatsächlichen oder eingebildeten) Kritik stark gekränkt und fängt an, die Kollegen, den Chef abzuwerten. Das Ganze kann zu einer Spirale von Fehltagen führen, die sich häufen und mündet schließlich in einer Kündigung.

Borderline Therapie: Hilfe ist möglich

Auch bei der Therapierung dieser Erkrankung scheiden sich offenbar die Geister. Während manchen Fachleuten zufolge eine Heilung nicht möglich ist, gibt es auf der anderen Seite Experten, die eine Heilung oder zumindest eine erfolgreiche Linderung der Symptome für absolut machbar halten.

Natürlich stellt die Besonderheit der für Borderline typischen Verhaltensmuster eine Herausforderung für Therapeuten dar: Die zu Idealisierung und gleichzeitig Verteufelung neigenden Patienten übertragen dieses Verhalten auch auf ihre Therapeuten und die Sitzungen. Infolgedessen kann es zum Therapieabbruch kommen.

Dennoch: Neben Kompetenz, Optimismus und der unabdingbaren Mitarbeit durch die Betroffenen gibt es vielversprechende Therapiekonzepte und nicht zuletzt auch Medikamente, die für die zweite Lesart sprechen. Wobei man sagen muss, dass es von medikamentöser Seite keine Mittel gibt, die direkt gegen Borderline helfen, sondern behandelt werden vor allem die Begleiterkrankungen.

Wichtig bei einer Therapie ist, dass die im Vordergrund stehenden Ausprägungen des Betroffenen erkannt und dementsprechend behandelt werden. So kommt einer Suizidgefahr natürlich die höchste Priorität zu. Direkt gefolgt von Anstrengungen, alle die Verhaltensweisen zu behandeln, die zu einem vorzeitigen Therapieabbruch führen und den Erfolg verhindern könnten.

Je nachdem, welche Verhaltensweisen bei dem Borderliner besonders ausgeprägt sind, sind unterschiedliche Therapieformen geeignet. Zu den erfolgreichsten zählt die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT), sie ist die wissenschaftlich am besten belegte Behandlung bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Hierbei handelt es sich um eine Art der Verhaltenstherapie.

Teil dessen ist, nötiges "Hilfswerkzeug" an die Hand zu bekommen, wenn sich ein Borderliner wieder in einer für ihn bedrohlichen Stresssituation befindet. Ein Beispiel dafür kann sein, ruhig bis zehn zu zählen, wenn die innere Anspannung steigt. Ein anderer muss sich körperlich betätigen und rennt um den Häuserblock, um die Spannung abzubauen.

Diese Anleitungen können dabei behilflich sein, dass der Betroffene einen Weg findet, selbstzerstörerisches Verhalten einzudämmen. Andere therapeutische Maßnahmen wiederum dienen der verstärkten Wahrnehmung der eigenen Gefühle - etwa durch Achtsamkeitstraining - und der Stärkung der Selbstsicherheit.

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