Chef-mobbt-Bossing
Mobbing hat viele Gesichter: drangsalieren, degradieren, schikanieren, intrigieren. Besonders hässlich wird die Fratze jedoch, wenn der psychische Druck ausgerechnet vom Chef selbst ausgeht. Bossing heißt diese Mobbing-Variante im Fachjargon - und ist gar nicht so selten: An jedem zweiten Mobbingfall ist der Chef beteiligt, sagen Hochrechnungen. Der gelebte Psychoterror als Führungsstil macht für die Betroffenen den Arbeitsplatz zur Hölle. Wie also lässt sich Bossing frühzeitig erkennen, und was noch wichtiger ist: Was lässt sich dagegen tun, wenn der Chef mobbt...

Bossing Definition: Die Chefschikane hat viele Gesichter

Bossing ist eine spezielle Form des Mobbings, das ausschließlich zwischen Mitarbeiter und Vorgesetztem stattfindet. Jahrelang machen die betroffenen Angestellten ihren Job gut, dann fallen sie in Ungnade. Die Attacken des Chefs sind dabei meist willkürlich, höchst verletzend und zielen nicht auf eine friedliche Einigung ab, sondern vertiefen bestehende Gräben.

Den entscheidenden Unterschied zwischen Bossing und Mobbing macht laut Definition die Position in der Unternehmenshierarchie: Das Bossing Opfer ist dem Mobbenden hierarchisch untergeordnet, hat also nicht die gleiche Macht, sich zu wehren. Das verschärft die Problematik für die Betroffenen kolossal.

Unter Fachleuten wird Bossing als downward bullying (von englisch to bully = jemanden schikanieren) bezeichnet, also der Schikane von oben nach unten. Im Gegensatz dazu steht das Staffing, bei dem das Personal (von englisch staff) nach oben mobbt, also den Vorgesetzten drangsaliert. Hier spricht man auch von upward bullying.

Bossing-Definition-Infografik

Typische Bossing-Attacken von der Art "Seien Sie gefälligst still, wenn ich Sie unterbreche!" äußern sich in der Regel so:

  • Der Chef ordnet sinnlose oder nicht zu bewältigende Tätigkeiten an.
  • Der Boss unterschlägt oder manipuliert Arbeitsergebnisse.
  • Der Chef äußert (öffentlich) unsachliche Kritik an den Arbeitsergebnissen.
  • Der Mitarbeiter wird wiederholt aus dem Team ausgrenzt.
  • Der Boss kontrolliert den Mitarbeiter bis ins kleinste Detail.
  • Der Mitarbeiter wird vom Chef verleumdet.
  • Der Boss macht negative Anspielungen bis hin zu Unterstellungen.
  • Der Chef verlässt den Raum, sobald der Mitarbeiter eintritt.
  • Der Chef macht den Mitarbeiter vor dem Team lächerlich oder schlecht.
  • Dem Mitarbeiter werden gezielt Privilegien oder Informationen entzogen.

Ziel des Bossings ist in der Regel, den betroffenen Mitarbeiter systematisch einzuschüchtern, kaltzustellen und zu vergraulen. Bossing ist also meist eine Zerbmürbungstaktik, die dazu dient, unkündbare Mitarbeiter oder Kollegen mit besonders starkem Kündigungsschutz aus dem Betrieb zu treiben, sodass diese selber kündigen oder zumindest einem Aufhebungsvertrag zustimmen.

Bossing: Warum macht der Chef das?

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Laut Definition ist Bossing eine konfliktbelastete Kommunikation, bei der der angegriffene Mitarbeiter systematisch und über einen längeren Zeitraum direkt oder indirekt angegriffen wird mit dem Ziel, die Person auszugrenzen.

Doch was löst Bossing überhaupt aus?

Vorgesetzte, die Mitarbeiter psychisch fertigmachen, sind meist unsicher oder verfügen über ein mangelndes Selbstbewusstsein. Die mobbenden Chefs fühlen sich von Mitarbeitern, die mehr Stärke ausstrahlen als sie selbst, bedroht. Das kann unterschiedliche Gründe haben:

  • Sie fühlen sich möglicherweise fachlich unterlegen und persönlich minderwertig und kompensieren das mit der Erniedrigung ihrer Mitarbeiter.
  • Sie versuchen ihre Führungsunsicherheit überspielen, indem sie beispielsweise mit übertriebener Disziplin und Härte ihre Führungsfehler kaschieren.
  • Nicht selten ist Bossing auch dem wachsenden wirtschaftlichen Druck geschuldet, dem Führungskräfte ausgesetzt sind.

Ursache für das Bossing müssen also keineswegs schlechtere Leistungen sein. Häufig sind es schlicht Animositäten gegenüber dem Mitarbeiter. Entsprechend sind sich Experten heute einig: Bossing stellt eine Form von Unreife dar.

Führungsreife bestehe schließlich nur zu einem Teil aus Fachwissen, der größere Teil sei die Fähigkeit, Mitarbeiter in all ihren Facetten zu akzeptieren und Andersartigkeit als Chance für Innovationen zu begreifen. Wer dagegen noch unreif ist, neigt dazu, sich selbst als Maß aller Dinge zu sehen.

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Bossing Opfer: Die Folgen der Schikane

Bossing ist kein Kavaliersdelikt. Für die Opfer sind die Folgen existenzbedrohlich und auch psychisch oft schwerwiegend. Die Folgen für die Bossing Opfer erstrecken sich von einer massiven Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls bis hin zu einer veritablen Depression, die mit folgenden Symptomen einhergehen kann:

  • Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, innere Leere
  • Antriebslosigkeit, Entscheidungen können nur schwer getroffen werden
  • innere Unruhe
  • Freud- und Interessensverlust
  • Gefühl der Sinnlosigkeit
  • Minderwertigkeitsgefühle, mangelndes Selbstwertgefühl, übersteigerte Selbstkritik
  • Hilflosigkeit, Ohnmachtsgefühle, Verlust der Autonomie und der Fähigkeit, den Alltag zu strukturieren
  • Denk- und Konzentrationsschwäche
  • häufiges Gedankenkreisen
  • Reizbarkeit
  • Schuldgefühle
  • Aggressionen
  • Schlaflosigkeit
  • gesteigerter Konsum von Stimulanzien
  • Rückzug von Familie und Freunden

Es kann sogar soweit kommen, dass sich nervöse Ticks einstellen, wie Augenzucken, radikal und schnell einsetzende Kopfschmerzen oder Bauchkrämpfe. Kurzum: Der Körper setzt sich gegen die belastende Situation auf seine eigene Weise zur Wehr.

Bossing-Anfall: Fiese Chefsprüche

  • Ich bin kein Arzt, aber ich denke, Sie leiden an einer akuten Intelligenzintoleranz.
  • Sie verlieren sich so oft in Gedanken, scheint wohl unbekanntes Terrain für Sie zu sein?!
  • Wenn Sie hoch hinaus wollen, dann gehen Sie klettern. Hier im Unternehmen wird das jedenfalls nichts.
  • Sie arbeiten halbtags? Bei mir sind das zwölf Stunden.
  • Dass Sie hier täglich Überstunden machen dürfen, sollte wohl Lob genug sein.
  • Ich würde Sie wahrscheinlich interessanter finden, wenn ich Psychologie studiert hätte.
  • Riechen Sie das auch? Ich hoffe doch sehr, Sie sind in Hundescheiße getreten.
  • Wer nicht über meine Witze lacht, ist auch nicht loyal.
  • Natürlich schätze ich Ihre Meinung. Nur eben wesentlich weniger als die meine.
  • Natürlich würde ich Sie gerne persönlich treffen. Die Frage ist nur: womit?
  • Ich bin beschäftigt, kann ich Sie ein anderes Mal ignorieren?
  • Laden Sie mich nie wieder zu einem Ihrer Meetings ein. Das fällt für mich unter passive Sterbehilfe.
  • Finden Sie sich damit ab: Sie sind die Statue, ich bin die Taube.
  • Kommen Sie doch mal in mein Büro - ist auch das letzte Mal.
  • Das ist das beste Kündigungsschreiben, das ich je verfasst habe. Ich möchte es Ihnen widmen.
  • Ich bin sicher, Sie werden weit kommen. Am besten Sie gehen jetzt schon.

Bossing erkennen: So reagieren Sie richtig

Was aber können Mitarbeiter tun, die von ihrem Chef gemobbt werden?

Zunächst ist es ratsam, das direkte Gespräch mit dem Vorgesetzten zu suchen und die Probleme zu schildern - und das möglichst frühzeitig. Vielleicht liegen auch nur Missverständnisse vor, der Vorgesetzte meint es gar nicht so, und die Sache ist leicht aus der Welt zu schaffen. Schließlich ist es immer auch eine Frage der subjektiven Empfindung, ob sich ein Angestellter als Mobbing-Opfer fühlt oder nicht.

Gleichzeitig kann das Vier-Augen-Gespräch bei einem ernsthaften Bossing-Fall helfen, Grenzen zu setzen und Stärke zu demonstrieren. Gewiss, das kostet Kraft, mentale Stärke und gründliche Vorbereitung. Der Mitarbeiter signalisiert so aber deutlich: Ich lasse mich nicht von Ihnen mobben. Ich setze mich zur Wehr.

Mobbende Führungskräfte, die ein Persönlichkeitsproblem haben, lassen sich davon gar nicht selten beeindrucken und stellen das Bossing im besten Fall ein – oft aus der Angst heraus, der Betriebsrat, die Personalabteilung und die Geschäftsleitung könnten Wind davon bekommen. Denn natürlich ist Bossing - wie Mobbing auch - strafbar.

Falls das Gespräch jedoch keine Wirkung zeigt, sollten sich gemobbte Mitarbeiter an eben diese Anlaufstellen wenden. Auch Gewerkschaften und Gleichstellungsbeauftrage bieten in einer solchen Situation Hilfe an. Wichtig ist dabei, gesammelte Beweise für die Attacken des Chefs mitzubringen, zum Beispiel:

  • Zeugen
  • Fotos
  • Brüskierende E-Mails
  • Ein Mobbing-Tagebuch

Zum Nachweis des Bossings muss die Systematik über einen längeren Zeitraum erkennbar sein. Ein, zwei Ausraster oder grobes Verhalten allein reichen also nicht, um gleich von Verschwörung zu sprechen. Sie müssen - so traurig das auch ist - eine Weile leiden, um echtes Bossing nachweisen zu können.

Bossing Test: Treffen diese Merkmale auf Ihren Fall zu?

Natürlich kann in Einzelfällen die eine der folgenden Situationen zutreffen - wer hat nicht schon mal im Büro beispielsweise über Kollege XY gelästert, dessen aufdringliches Aftershave manchem den Atem raubt. Ausschlaggebend ist hier wie erwähnt das Kriterium, dass mehrere Merkmale über einen längeren Zeitraum zutreffen.

  • Sind Sie Beschimpfungen (auch im lauten Tonfall) ausgesetzt?
  • Werden Sie ständig kritisiert und sogar persönlich angegriffen?
  • Wird Ihnen mit Abmahnungen gedroht oder wurden bereits ungerechtfertigt welche ausgestellt?
  • Werden Sie gemieden und ausgegrenzt?
  • Ihr Boss überwacht jeden Ihrer Schritte?
  • Werden Gerüchte über Sie in Umlauf gesetzt?
  • Arbeitet Ihr Vorgesetzter mit Unterstellungen?
  • Werden vage Andeutungen über Sie gemacht?
  • Lastet Ihr Vorgesetzter Ihnen ungerechtfertigt Fehler an?
  • Werden Ihnen Informationen vorenthalten, die entscheidend für den Arbeitserfolg wären?
  • Äußert sich Ihr Boss abfällig über Sie?
  • Werden Sie aufgrund Ihrer persönlichen Einstellung oder Herkunft diskriminiert?
  • Ihr Vorgesetzter unterbricht Sie ständig?
  • Werden Ihnen mutwillig Arbeiten zugeteilt, die unmöglich allein und unter den Zeitvorgaben zu schaffen sind?
  • Ihr Boss macht Sie lächerlich?
  • Werden Sie Ihrer Aufgaben enthoben oder bekommen gering geschätzte Aufgaben?
  • Waren Sie bereits physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt?

Auch will die Gegenwehr gut überlegt sein. Immerhin treten die Bossing-Opfer damit eine Lawine los, die den Druck zunächst sogar erhöhen kann. Es entsteht eine Negativspirale aus Beschwerden, Protokollen, Rechtfertigungen und Richtigstellungen. Und weil das Klima ohnehin schon vergiftet ist, rückt eine mögliche Versöhnung in immer weitere Ferne.

Die Frage, die sich betroffene Arbeitnehmer stellen müssen, lautet daher:

Kann und will ich dem standhalten, bis alles geklärt wurde?

Statt also gleich in die Offensive zu gehen, raten Psychologen je nach Ausmaß der Bossing-Attacken alternativ dazu, sich eine größere Gleichgültigkeit anzutrainieren: Eine andere Einstellung zu den Umständen zu finden, soll helfen, ebenso mehr Ausgleichssport zu treiben oder Techniken wie Autogenes Training zu erlernen, um den geballten Bosheiten besser zu trotzen. Doch das ist leicht gesagt und schwer umgesetzt.

Und es ist wichtig, dass Sie bei möglichen Schritten gegen Ihren Boss nicht zu lange warten. Die Auswirkungen von Bossing sind nicht zu unterschätzen. Den meisten Betroffenen ist klar, dass die Ursachen nicht bei ihnen liegen. Dennoch verharren viele lange in einer Opferhaltung.

In so einer Situation sich aktiv woanders zu bewerben, fällt schwer. Einfach den Job zu kündigen, wenn die Familie vom Einkommen finanziell abhängig ist, ebenfalls. Machen Sie sich bewusst: Je länger Sie warten, desto schwieriger wird es. Sie sollten die Kontrolle behalten.

Wenn Sie sich entscheiden, den Kampf aufzunehmen, sollten Sie sich nicht auf auf Verbündete im Kollegenkreis verlassen. Oft ist sich jeder ist selbst der nächste und so werden einige sich aus Angst zurückhalten. Mit anderen Worten, Sie brauchen Durchhaltevermögen und sollten sich jede erdenkliche Hilfe suchen.

Bossing landet nicht selten vor dem Arbeitsgericht, es zahlt sich für Sie aus, wenn Sie über eine Rechtschutzversicherung verfügen. Die Hürden für Klagen gegen Bossing sind sehr hoch. Da es kein eigenes Anti-Mobbing- oder Anti-Bossing-Gesetz gibt, wird es über andere Tatbestände wie Beleidung, Nötigung oder Körperverletzung erfasst.

In extremen Fällen ist der Jobwechsel daher nicht nur der letzte, sondern der wirkungsvollere Ausweg. Kein Job, kein Boss ist es wert, dass man für ihn leidet und seine Gesundheit aufs Spiel setzt. Die verbleibende Kraft in die Jobsuche zu investieren, ist deshalb meist klüger, als dem angekratzten Ego zur Liebe eine Gegenattacke zu starten.

Bossing-Urteile: Schadenersatz!

Tatsächlich gibt es schon eine Reihe von Urteilen, bei denen Mobbing-Opfern Schadensersatz, Schmerzensgeld oder eine Geldentschädigung zugesprochen wurde. Beispiele finden Sie etwa hier:

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