Liebe macht blind. Interessanterweise schafft sie das auch bei Gründern, die bis über beide Ohren in ihr eigenes Produkt verliebt sind. Sobald es mit ihrem Unternehmen nicht mehr so gut läuft, verschließen sie die Augen, wurschteln weiter wie bisher und hoffen, dass es irgendwie gut geht. Geht es aber nie. Etwa die Hälfte aller Jungunternehmer scheitert bereits innerhalb der ersten drei Jahre – und zwar an vermeidbaren Fehlern: Missmanagement dank unkontrolliertem Wachstums, Chaos in der Buchführung, Liquiditätsengpässe mangels vorausschauendem Controllings. Es ist immer dasselbe.
Wenn Sie schon ein Startup hochziehen möchten, dann vermeiden Sie zuerst bitte folgende neun Fallstricke:
- Timing Es gibt keine schlechten Ideen, es gibt nur die falsche Zeit dafür. Wer zu früh startet, bevor Produkt und Geschäftsmodell ausgereift sind, riskiert schwere Blessuren am Image. Nur selten lässt sich ein solches Debakel rechtzeitig wieder ausgleichen, bevor die Liquidität versagt. Wer dagegen zu spät kommt, den straft der Marktanteil. In etablierten Märkten Boden gut zu machen, kostet viel und dauert lange. Welches Start-up kann sich das schon leisten?
- Ignoranz Wie gut kennen Sie Ihre Kunden wirklich? Klar: Sie sind davon überzeugt, dass Sie der Welt mit Ihrer Innovation einen Dienst erweisen. Aber ist es auch das, was Ihr Kunde will? Kundenbedürfnisse können sich mit dem Konsum wandeln. Achten Sie also darauf, Ihr Produkt stetig zu verbessern oder zu ergänzen. Regelmäßige Zufriedenheitsumfragen – auch bei den Ex-Kunden – helfen, Mängel und Wünsche zu identifizieren.
- Eitelkeit Wow! Ein Gründer, der mit summa cum laude seinen Abschluss an einer namhaften Hochschule gemacht, dann noch promoviert und nebenbei ein Buch geschrieben hat… Ist es das, worüber Ihre Kunden sprechen werden? Oder sprechen sie vielleicht doch eher über Ihr Produkt? In diesem Fall sollten Sie aufhören, sich selbst anzupreisen. Machen Sie lieber Werbung für Ihre Innovation, Ihre Dienstleitung, Ihr Produkt. Wer auch immer auf Ihre Webseite kommt, sucht vielleicht eine Lösung für sein Problem. Das Letzte, was er dann finden möchte, sind Abhandlungen über Ihren Lebenslauf.
- Starrsinn Die Erfahrung lehrt: Die meisten Businessplane sind schon nach wenigen Wochen Makulatur. Das Kundenzahlen entwickeln sich schleppender als erwartet, neue Wettbewerber tauchen auf, ein Teammitglied steigt aus. Gut, wer jetzt einen Plan B in der Tasche hat. Ansonsten gilt: anpassen! Ein Unternehmen zu führen, heißt beweglich zu bleiben und mit dem Markt zu reagieren. Das hört nie auf. Aber nur wer diese Lektion früh beherrscht, überlebt.
- Marketing Der Laden läuft gut an, die Umsätze entwickeln sich prächtig, und was machen Sie? Sie stoppen das Marketing. Falsch! Bis ein Startup eine wirklich starke Marke aufgebaut hat, braucht es Zeit. Viel Zeit. Sie müssen Ihre Botschaft immer wieder in den Markt tragen, wiederholen und einschleifen. Ihr Name muss sofort fallen und allen ein Begriff sein, wenn es um Ihr Geschäft geht. Solange das nicht der Fall ist: Werben Sie weiter!
- Liquidität Wenn alles gut läuft, der Laden wächst und wächst, müssen auch Vertrieb, Produktentwicklung und Controlling mitkommen. Dazu braucht es Geld. Schlecht, wenn Sie dann zu viele säumige Geschäftspartner oder Kunden haben – oder schlimmer: den Überblick über Ihre Finanzen verlieren. Deshalb: Planen Sie von Anfang an Puffer ein, seien Sie sparsam und investieren Sie vor allem in ein richtig gutes Controlling!
- Aufgabe Es wird Phasen geben, in den Sie nicht mehr weiter wissen. Sie haben sich vorgenommen, in dieser Woche wenigstens einen neuen Kunden zu gewinnen? Trotzdem erschienen bei Ihnen weniger Kunden als Ungeheuer im Loch Ness. Tja. Unangenehm, das. Aber es kommt eben vor. Deswegen scheitert man aber nicht zwangsläufig. Das passiert erst, wenn man aufhört aufzustehen und zu kämpfen.
- Prioritäten Klar haben die Chefs von großen Konzernen schicke Visitenkarten, tolle Titel, vierfarbige Briefbögen mit Logos, und und und. Aber brauchen Sie das schon am Anfang? Die Wahrheit ist: Die meisten Gründer vergeuden mit der akribischen Auswahl solcher Nebensächlichkeiten einen Haufen Zeit, Geld und Nerven… Und wundern sich, dass der Laden immer noch nicht so recht in Schwung kommt.
- Kopieren Sie denken, was bei allen anderen funktioniert hat, muss auch bei Ihnen klappen. Denkste! Alle erfolgreichen Geschäftsmodelle sind Folge eines langen Prozesses aus Versuch und Irrtum in einem speziellen Segment. Diese auf einen andere Bereiche zu übertragen, führt nie zu gleichen Ergebnissen. Allenfalls Bausteine lassen sich entleihen. Umso mehr können Sie aus den Erfahrungen anderer lernen. Merke: Kapieren geht über Kopieren!
Aber auch der nächste Punkt ist entscheidend für Ihren Erfolg als Unternehmer: die Buchführung. Ich weiß, das klingt reichlich unsexy. Ohne geht es aber nicht. Um Fehler rechtzeitig zu erkennen, brauchen Entrepreneure den Überblick. Ein gutes Controlling funktioniert da wie ein Frühwarnsystem. Wer die Buchhaltung nur als notwendiges Übel sieht, macht einen schweren Fehler. Wer das nicht selber kann, sollte sich wenigstens einen guten Steuerberater suchen, der mehr kann als nur Steuern sparen helfen. Allerdings sollte der:
- die Branche gut kennen und möglichst viel über Produkte sowie die Art des Unternehmens wissen,
- einen passgenauen Kontenplan aufbauen können und
- in kurzen Abständen über die Entwicklung wichtiger Kennzahlen informieren.
Achtung: Das Gros der Steuerberater nutzt eine Software, die Abschreibungen oder schwankende Bestände sowie halbfertige Erzeugnisse nicht monatlich bucht. Die Folge sind ungenaue Zahlen, das Unternehmen steht in den Büchern besser da als es ist. Verhindern kann man das nur, indem der Berater in kurzen Abständen eine so genannte Betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA) erstellt – eine, die auf das Unternehmen individuell zugeschnitten ist. Sie liefert einen Überblick über den tatsächlichen Zustand.
Forderungen, Verbindlichkeiten, Kassenbestand, Deckungsbeiträge – solche Kennzahlen sollten Geschäftsführer stets zur Hand haben. Teamgründer haben es da leichter. Sie können die Last auf mehrere Schultern verteilen. Allerdings muss klar sein, wer was macht, sonst entsteht Chaos. Vor allem, wenn das Geschäft brummt, muss die Infrastruktur des Startups mitwachsen. Sonst läuft das Unternehmen dem Wachstum hinterher. Studien zeigen, dass kaum ein junges Unternehmen mehr als 30 Prozent Umsatzwachstum bewältigen kann. Experten raten deshalb einen Auftrag auch mal auszuschlagen, bevor schlechte Qualität ausgeliefert wird. Parallel gilt es sich darum zu kümmern, dass für erbrachte Leistungen auch rechtzeitig gezahlt wird. Ein Mahnsystem sollte gewährleisten, dass die vereinbarten Gelder tatsächlich aufs Firmenkonto fließen. Sonst wird trotz voller Auftragsbücher die Liquiditätsdecke immer dünner und gefährdet schließlich die Existenz.
Die meisten denken beim Sprung in die Selbstständigkeit zuerst an ihre Kreativität, daran, dass wie sie ihre Träume verwirklichen. Das ist eine feine Sache. Der Alltag eines Unternehmers besteht aber zum Großteil auch aus solchen, aufwändigen, unattraktiven Tabellen und Plänen. Wenn Buchhaltung und Controlling ernsthaft betrieben werden, sind sie ein wesentlicher Erfolgsschlüssel und helfen, Engpässe vorauszusehen oder gar zu vermeiden. Darüber erst nachzudenken, wenn einem schon das Wasser bis zum Hals steht, ist unprofessionell.



Alfred Kaune
Aus meiner Erfahrung als Strategieberater & Coach empfinde ich Ihren Artikel “Buchführung – Woran Gründer häufig scheitern” als eine sehr ansprechende und zum Nachdenken bewegende Seite, die auch für Fortgeschrittene im Beruf eine schnelle kurze Analyse darstellt.
Christa Schwemlein
Und mir läuft der Artikel , da ich derzeit überwiegend in der Finanzbuchhaltung arbeite, runter wie Öl ;-) Stimmt, wenn die Zahlen zu “leben” beginnen, dann macht auch Buchhaltung richtig viel Spaß. Eines sollte man aber bei der ganzen Euphorie bedenken, mit Buchhaltung verdient ein Unternehmer, wenn er nicht gerade ein Buchhaltungsbüro betreibt, kein Geld.