Stuhl-Bürosprüche
Neulich besuchte ich ein Büro. Nicht meins. Es war das eines fernen Bekannten in einem fernen Unternehmen. Dieser Bekannte sammelt Schnipsel. Sie wissen schon, so einer, der seine Büropforte mit Versen, Cartoons oder Zeitungsausrissen tapeziert. Typische Bürosprüche eben. Mal ist es ein Dilbert-Comic, mal eine "Ich Chef, du nix"-Hybris oder so was wie "Bitte nicht wecken"...

Bürosprüche: Wo ein Wille, da eine Wand für Blödsinn

Gegen solche Menschen hege ich Vorurteile. Ich stelle mir dann jemanden vor, der eine schwere Kindheit hatte und statt eines Ranzens eine Aktentasche mit Leitzordnern in die Schule trug. Freiwillig. Ich bin davon überzeugt, dass die präpubertäre Liebe zu Bürorequisiten und Kindheitstraumata stark miteinander korrelieren. Auf jeden Fall prägen sie.

Deshalb nehme ich auch an, dass so jemand die Aktentasche bis heute besitzt. Den Leitzordner sowieso. Und eine Vorliebe für Norwegerpulli wahrscheinlich auch. Jedenfalls erwarte ich hinter einer solchen Tür keinen feinsinnigen Kunstliebhaber, dessen gedanklicher Akt des Motiv-Aussuchens und -Aufklebens einer Art bewusster Aufführung gleichkommt. So jemand pappt sich auch zuhause eher Poster vom Typ "Sonnenuntergang auf Mykonos" oder "Wolkenkratzerarbeiter auf Stahlträger beim Frühstück" über die Wohnzimmercouch. Oder ein gerahmtes "Home sweet Home". Man kann das nicht genau wissen. Schließlich soll es Menschen geben, die die Sentenz sogar an ihre Bürotür kleben.

Bisher dachte ich, dieser Brauch wäre mitsamt seinen Sprüchen längst ausgestorben. Das war ein Irrtum. Denn wo ein Wille ist, da ist auch eine Wand für Blödsinn.

Keine Tür ohne Thor. Ich habe ein wenig recherchiert, und dabei festgestellt: Bis heute erstreckt sich die Achse des Blöden von Flensburg bis Freising. Überall Demarkationen mit aufgeklebten Bekennerschreiben. Die lauten dann zum Beispiel:

  • Ich liebe meinen Job. Allein die Arbeit ist es, die ich hasse.
  • Ich denke, also bin ich hier falsch.
  • Als Gott die Gehälter dieser Abteilung sah, drehte er sich um und weinte bitterlich.
  • Früher habe ich mich vor der Arbeit gedrückt, heute könnte ich stundenlang zuschauen.
  • Lächle und sei froh, denn es könnte schlimmer kommen. Und ich lächelte – und es kam schlimmer.
  • Hetzen Sie uns nicht. Wir sind bei der Arbeit und nicht auf der Flucht.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Trotzdem frage ich mich: Warum machen Menschen das?

  • Ist es der Wunsch, vor der normierten Arbeitsstätte in Grau und Glas wenigstens etwas Individualität auszudrücken – eine Art Ode an die öde Öffnung?
  • Oder ist es vielmehr eine Form der nonverbalen Bemäkelung an der schnöden Stube im Allgemeinen und der Obrigkeit im Besonderen – also eine Art offener Brief?

Bürosprüche: Wo ein Wille, da eine Wand für Blödsinn

Ich habe da so eine Theorie: Seit jeher sind Büros blühende Meinungsbörsen. In Kaffeeküchen, auf dem Flur, in der Kantine – überall werden Ansichten gehandelt. Nur sind die in der Regel flüchtiger als Dr. Richard Kimble, weshalb Belegschaften mit der Zeit das Bedürfnis befällt, ihre persönlichen Standpunkte an der Tür mit Tesafilm für die Ewigkeit zu konservieren. Oder wenigstens für ein paar Tage.

Die Büroöffnung mutiert damit zu einer öffentlich-privater Pinnwand, so dass jeder, der eintritt, weiß: Wer hier arbeitet, hat...

  • entweder Humor,
  • eine eigene Meinung,
  • viele kopierte Meinungen oder
  • gewaltig einen an der Marmel.

Zu meiner Theorie gehört auch, dass sich leider öfter Letzteres bewahrheitet.

Ich finde solche Spruchkammern bedenklich. Auch wenn manche ihre Denkzettel mit Authentizität rechtfertigen. Mit innerbetrieblichen Bekenntnissen ist es wie mit Medizin: Die Dosis macht das Gift.

Ein bisschen Freimut, etwas Mitteilsamkeit, ein gesundes Maß an gegenseitigen Bekenntnissen ist eine feine Sache. Das verbessert das Betriebsklima und – glaubt man manchen Studien – kann sogar die Produktivität steigern. Zu viel Enthüllung aber, und die Leute sehen nur noch einen nackten Kaiser.

Und hat man erst einmal seine wahren Gedanken über den Boss, die Kollegen, seine Arbeitsauffassung ausgebreitet, lässt sich das nicht mehr zurücknehmen. Die Informationen entziehen sich jeglicher Kontrolle, wo sie landen, wie sie dort aufgenommen werden und ob sie uns irgendwann um die Ohren fliegen.

Arbeitsrecht: Deko-Witze im Büro können zur Abmahnung führen

Dürfen Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz frei gestalten? Zum Beispiel Bürofenster mit Post-Its bekleben, wie es im Rahmen der sogenannten Post-it-Wars in Paris geschah? Wir haben dazu unseren Arbeitsrecht-Kolumnisten, Peter Groll gefragt. Er warnt vor derlei euphorischer Kreativität. Egal, wie schick das Ergebnis hinterher aussieht – Arbeitnehmer riskieren mitunter eine saftige Abmahnung:

Im Büro muss sich der Arbeitnehmer an die Hausordnung halten. Dies bedeutet, dass der Arbeitgeber grundsätzlich darüber bestimmen kann, wie die Büros eingerichtet oder verschönert werden dürfen. Da Post-it-Wars neu sind, fehlt hierzu sicher eine Regelung. Also: Unbedingt vorher nachfragen! Erst recht bei Fensterbildern. Denn immer dann, wenn Post-it-Künste gut von außen sichtbar sind, hat der Arbeitgeber ein Interesse daran, diese zu verbieten, da sie eventuell ein schlechtes Bild – im Wortsinn - auf das Unternehmen werfen. Überdies kann der Chef grundsätzlich verlangen, die Fensterbildern sofort zu entfernen. Sofern der Arbeitnehmer damit rechnen konnte, kann er sogar für den entstehenden Schaden, etwa Reinigungskosten, haftbar gemacht werden.

Allerdings dokumentieren aufwendige Post-it-Kunstwerke zugleich auf subtile Weise, dass da jemand offenbar viel Arbeitszeit übrig hat oder diese eben nicht mit der Arbeit füllt, für die er bezahlt wird. Sieht der Chef das genauso, kann das für die Klebezettelliebhaber noch unangenehmere Folgen haben:

Projekte die offensichtlich Stunden oder gar Tage in Anspruch genommen haben, sind besonders gefährlich. Hier kann der Mitarbeiter nicht mehr behaupten, diese in der Mittagspause erschaffen zu haben – und riskiert dafür einen Abzug von seinem Lohn. Schlimmstenfalls sogar eine Abmahnung. Und wer dann immer noch nicht hört, kann demnächst Post-its auf sein Kündigungsschreiben kleben. Richtig heikel wird es, wenn die Fensterbilder als eine Beleidigung verstanden werden können und vielleicht auch sollen und es klar wird, wer da gemeint ist. In dem Fall kann sich der Mitarbeiter sogar strafbar gemacht haben, was wiederum zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen, bis hin zu einer außerordentlichen Kündigung führen kann. Das Argument, das sei doch nur Humor, zieht nicht. Darüber entscheidet der Chef. Und schlechte Witze haben schon das ein oder andere Mal zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen geführt.

Bürosprüche: Entscheidend ist, was wie ankommt

Das Schlimme daran ist nicht einmal das Verbreiten der Enthüllung selbst – es ist deren zügellose Bewertung. So ist das im Übrigen auch mit verbalen Offenbarungen: Egal, welche Rolle Sie in Ihrer Geschichte spielen (Held, Opfer, Witzbold), weitergetratscht wird das, was bei den anderen ankam.

Vielleicht halten Sie sich für ungerecht behandelt und schildern nun blumig das Vergehen Ihres Chefs; womöglich haben Sie Großartiges geleistet, den Laden oder eine wunderschöne Frau aus einem flammenden Inferno gerettet. Das Alles ist aber nichts weiter als heiße Luft, wenn Ihre Zuhörer dieselbe Geschichte ganz anders wahrnehmen. Möglicherweise kommt denen Ihre Heldentat wie ein Sturm im Wasserglas vor. Dann stehen sie da wie ein Prahlhans oder Jammerlappen. Dummerweise wird aber nur diese Version weitererzählt und erinnert.

Genauso ist es mit dem, was zwischen den Zeilen steckt: Sie erzählen freimütig vom letzten Streit mit Ihrem Partner, geben Frustkäufe zu, gestehen Ihre Unzufriedenheit über ein paar Fettpölsterchen und erste Bindegewebsschwächen – was die Kollegen aber hören, ist: Die ist nicht belastbar, lässt sich gehen und hat ihr Leben nicht im Griff. Die nächste Beförderung rückt damit in weite Ferne. Dumm gelaufen.

Überlegen Sie sich also genau, wie tief Sie sich in die Karten schauen lassen wollen, was Sie unter Kollegen offenbaren und wie es auf diese wirken könnte, denn es prägt Ihren Ruf nachhaltig.

Achso, Sie fragen sich jetzt sicher, welcher Spruch am Gatter meines Bekannten klebte: "Ich war als Kind schon Scheiße." Womöglich handelt es sich hierbei um feinsinnige Ironie. Vielleicht aber auch um die Wahrheit...

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