Ein Gastbeitrag von Markus Väth

„Nicht Sie haben ein Problem. Ihre Firma hat eins!“

Diesen Satz muss ich immer öfter Klienten mitgeben, die wegen Burnout zu mir kommen. Der Begriff Burnout ist schon fast Pop-Kultur: Jeder kann darüber plaudern, man leide ja selbst darunter, und der Nachbar habe es auch. Weit gefehlt! Nicht nur, dass jeder Burnout einzigartig ist. Praktisch jeder Burnout hat strukturelle Anteile, die im Umfeld des Betroffenen produziert werden und und nicht beachtet werden.

Der Einzelne ist angeblich selbst schuld an seinem Burnout

Beispiel Medien: Die großen Magazine wie „Spiegel“, „Focus“ etc. bringen seitenweise reine Befindlichkeitsartikel und Lebenshilfetipps à la „Entspannen Sie sich“, „Treten Sie mal kürzer“, „Schütteln Sie Ihr Chakra“ und ähnlich gehaltvolle Kalendersprüche, über die jeder halbwegs eingespannte Arbeitnehmer nur müde lächeln kann. Trotzdem wird Burnout immer noch weitgehend als Problem des Einzelnen betrachtet. Er allein ist schuld an seiner Misere, fällt im Burnout aus dem System heraus und muss sich wieder integrieren, sobald er psychisch zusammengeflickt ist und seine Lektion gelernt hat.

Diese Herangehensweise ist verlogen und in ihrer Dimension inzwischen auch volkswirtschaftlich enorm schädlich, kann man mittlerweile doch getrost von ca. neun Millionen Burnout-Betroffenen ausgehen!

Unternehmen, hört die Signale!

Um Burnout tatsächlich wirksam zu begegnen, müssen wir die gesellschaftliche Diskussion und die organisatorische Wirklichkeit in der Wirtschaft verändern:

    Die hier abgedruckten Auszüge stammen aus Väth’s neuestem Buch:
  • Das nicht hinterfragte Prinzip Multitasking ist unmenschlich und muss beendet werden. Die Hirnforschung zeigt, dass wir bei anspruchsvollen Tätigkeiten nicht multitaskingfähig sind. Versuchen wir es doch, landen wir im Stress und verzetteln uns hoffnungslos.
  • Zeitmanagement wird immer noch gern als Allheilmittel gegen zuviel Arbeit „verschrieben“. Solange sich aber nichts an der Zeitkultur im Unternehmen ändert, entsteht der Trichter-Effekt: Es rutscht immer mehr Arbeit durch den Trichter nach, egal, wie ausgefeilt Ihr Zeitmanagement auch ist. Diese Tatsache darf man nicht länger ignorieren.
  • Durch das Internet und die Sozialen Medien entsteht ein Information Overload bei den Nutzern. Menschen brauchen Wissen, wie sie mit diesen neuen Informationsquellen intelligent umgehen können. Kluge Auswahl, nicht Verweigerung ist hier die Lösung. Dennoch gilt der Satz, den schon der Statistiker Glass 1935 feststellte: „Our problem is to find the knowledge in the information.“
  • Führung wrd immer anspruchsvoller und kann nicht mehr „nebenbei“ erledigt werden. Wir brauchen Chefs, die mutig sind, Entscheidungen zu treffen. Die nicht harmoniesüchtig sind, damit sie Konflikte aushalten. Die technisch versiert sind, um angemessen zu kommunizieren. All das ist kein Hexenwerk oder die Gabe von geborenen Führern, sondern lernbar. Führung ist zu großen Teilen vermittelbares Handwerk – das, richtig ausgeführt, auch Burnout bei Mitarbeitern verhindern kann.
  • Unternehmen müssen ihren ethischen Kompass überprüfen. Weg mit komplizierten Leitbildern und Visionen, über die die Belegschaft nur müde lächelt! Es reicht, als Manager ein anständiger Mensch zu sein, um Mitarbeitern ein Vorbild zu geben, dem sie sich verpflichtet fühlen. Immerhin teilen wir alle bestimmte Vorstellungen und Instinkte von Respekt, Fairness, Gerechtigkeit etc.
  • Die Entgrenzung der Arbeitswelt ins Private hinein sorgt dafür, dass sich auch im Kopf des Einzelnen seine unterschiedlichen sozialen Rollen (Ehemann, Mutter, Vereinskollege und so weiter) auflösen. Diese brauchen wir aber, weil wir sonst 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, Arbeitnehmer sind. Das erzeugt Druck und macht uns langfristig kaputt. Das berüchtigte Hamsterrad entsteht. Auch dieser Punkt muss die Organisation angehen, weil dies über die Gestaltungsmacht des Einzelnen hinausgeht.

Eine schöne, neue Welt?

Diese sechs strukturellen Kernpunkte sind für eine Vielzahl von Burnoutfällen verantwortlich und haben nichts mit einer individuellen Persönlichkeit oder mit Perfektionismus zu tun. Unternehmen müssen diese Dinge angehen, wenn ihre Mitarbeiter produktiv und kreativ bleiben sollen. Und danach schreien ja alle im Moment, um den Standort Deutschland langfristig zu sichern. Bitte sehr! Jetzt kann sich zeigen, ob solche Töne nur Lippenbekenntnisse sind oder man wirklich etwas ändern will…

Gewiss, manche mögen eine solche Herangehensweis naiv nennen. Ich nicht. Es ist vielmehr ein pragmatischer Ansatz. Da wir zunehmend von einem Arbeitgeber- in einen Arbeitnehmermarkt wechseln, können es sich viele Unternehmen schlicht nicht leisten, auf Leistungsträger zu verzichten und sich neue einzukaufen. Wir müssen die Organisation unserer Arbeit den technischen Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts anpassen und die Integration von Arbeit in unser Leben teilweise völlig neu denken.

Dann kann ein Cooldown auf individueller, organisatorischer und gesellschaftlicher Ebene tatsächlich gelingen. Auch damit Menschen nicht mehr im Burnout landen und sagen müssen:

Feierabend hab’ ich, wenn ich tot bin.


Über den Autor

Markus Väth, Jahrgang 1975, hat Psychologie mit Nebenfach Informatik studiert. Er ist ausgebildeter Business Coach und Professional Member der German Speakers Association (GSA) sowie Inhaber der Beratungsfirma Mensch & Chance und Experte für strukturellen und individuellen Burnout. Er berät Unternehmen und Einzelpersonen bei der Vorbeugung und Bekämpfung von Burnout.