Ein Gastbeitrag von Karin Intveen

Ollyy
Sie kennen sicher den Ansatz, dass sich unsere Persönlichkeit aus vielen Teil-Persönlichkeiten zusammensetzt. Ich meine damit nicht die eher scherzhaft gemeinte Frage, wer bin ich und wenn ja wie viele. Vielmehr geht es mir um den Ansatz, dass unsere Persönlichkeit viele Facetten hat. Je nach Kontext gibt es uns zum Beispiel als Privatmensch, als Freund, als Chef oder Angestellten, als Partner, als das Kind unserer Eltern und als Eltern unseres Kindes. Soweit so schlüssig und auch nicht sonderlich kompliziert. Unsere Gehirn hat innerhalb dieser Facetten allerdings auch jede Menge Erinnerungen gespeichert. Und wenn uns diese Erinnerung – bewusst oder unbewusst – im Hier und Jetzt in die Quere kommen, wird es kompliziert. Und wie!

In Krisen souveräner werden

Um Sie jetzt nicht zu verwirren, benutze ich zur Verdeutlichung das Bild von einem Bus: Der Bus ist Ihr bisheriges Leben und Sie sind der Busfahrer. In Ihrem Bus sitzen all Ihre jüngeren Ichs und somit alle Ihre bisher gemachten Erfahrungen. Die guten und die weniger guten... Alle Mann an Board!

Sie fahren also Ihren Bus durch Ihr Leben, Ihren Alltag und dann passiert etwas, das einen Ihrer Mitfahrer an eine damals gemachte Erfahrung erinnert. Und schwups ... sitzt dieser jüngere Anteil auf dem Fahrersitz und fährt für eine Weile Ihren Bus. Bis Sie sich wieder sortiert haben und das Lenkrad wieder übernehmen.

Das Busfahrer-Modell: Wie kommt das Kind ans Lenkrad?

Eine gute Frage, und um die zu beantworten, muss man ein wenig verstehen, wie wir Menschen lernen: Wir lernen durch Erfahrung, und wir lernen nie etwas komplett Neues, sondern wir lernen immer dazu. Jede Erfahrung ergänzt also bisher Gelerntes und erweitert es.

Passiert uns etwas, sucht unser Gehirn daher erst einmal nach etwas Ähnlichem, an das es anknüpfen kann. Ist dieses Ähnliche positiv, fällt die neue Erfahrung leicht. Wir sind und bleiben neugierig und offen. Ist dieses Ähnliche jedoch negativ, schwappen als die unguten Empfindungen und Emotionen von damals gleich mal mit hoch.

Im Bruchteil einer Sekunde fühlen wir uns wie damals: hilflos ... sprachlos ... ohnmächtig ... wütend ... starr ... Die Ohren rauschen, der Mund steht offen, die Augen haben Tunnelblick. Das passiert im Bruchteil einer Sekunde – und wir schütteln dann (innerlich) nur noch über uns den Kopf. Denn: Gefühlt sitzt nicht mehr der Erwachsene von Heute am Steuer des Busses, sondern ein verschrecktes Kind.

Die Erinnerung ist im Körper, nicht im Kontext

Als der Chef die mit so viel Bedacht erarbeitete Präsentation ohne wirklich hinzugucken für Mist erklärt, passiert in uns etwas: Wir erinnern uns vielleicht an das bunte Bild, das wir im Kindergarten mit so viel Liebe für Papa oder Mama gemalt haben – und das die nicht mal eines Blickes würdigten. Oder an die Hausaufgaben, die der Lehrer vor versammelter Klasse lächerlich machte. Oder wir erinnern uns an nichts davon - trotzdem sind all die unguten Empfindungen und Emotionen da.

Und genau das macht diese Momente so eklig. Der Kopf sagt: Eigentlich ist nicht mehr passiert, als dass der Chef mit der Präsentation unzufrieden ist. Aber es fühlt sich an, wie der freie Fall. Ins Bodenlose. Keine Chance, den Chef zu fragen, was genau er denn zu bemängeln hat. Keine Chance den Standpunkt des Chefs nachzuvollziehen.

Wer fährt gerade den Bus?

Jetzt erst einmal die schlechte Nachricht: Es dauert normalerweise rund zehn Minuten bis der Stresscocktail im Blut halbwegs abgebaut und der Kopf wieder klar ist.

Jetzt die gute: Es geht auch schneller, wenn Sie Ihrem Körper dabei helfen. Bewegen Sie sich ein wenig. Wackeln Sie mit den Zehen, bewegen Sie die Finger und schauen Sie sich bewusst im Raum um.

Und dann stellen Sie sich die Frage: Wer fährt gerade meinen Bus?

Wenn Sie dabei, was sehr wahrscheinlich ist, einen Dreijährigen sitzen sehen, nehmen Sie ihn und tragen ihn ohne viel Aufhebens zurück zu seinem Platz. Und dann setzen Sie sich wieder an Steuer.

Lassen Sie sich von dem Busfahrer-Modell nicht abschrecken, sondern als Hypothese und Erkärungsversuch mitschwingen, wenn Ihr Kopf und Ihr Körper nicht einer Meinung sind. Stellen Sie sich vor, da sitzt ein Kind am Steuer und kann es halt nicht besser. Die Beine kommen nicht an die Pedale, die Arme nicht an den Blinker und wirklich übers Lenkrad gucken kann der Knirps auch nicht. Diesem Kind würden Sie nicht sagen, dass es sich halt zusammenreißen und sich nicht so anstellen soll, oder? Sie würden ins Lenkrad greifen und das Steuer übernehmen! Warum dann nicht auch in Krisen so handeln?

Über die Autorin

Karin Intveen lebt und arbeitet im Fünf-Seen-Land bei München. Als Somatic-Coach verbindet sie die eher kognitiven Elemente des NLP und die systemische Arbeit mit den neuesten Erkenntnissen der Neurobiologie. Ihre Herzblutthemen sind Selbstregulierung, Entschleunigung und Burnout-Prophylaxe.

[Bildnachweis: Ollyy by Shutterstock.com, Karin Intveen]