Zuerst rettet die amerikanische Notenbank Fed die Investmentbank Bear Stearns mit einer 29-Milliarden-Bürgschaft, nun muss sie für die Rettung des Versicherungsriesen AIG 85 Milliarden Dollar bereitstellen. Die Verstaatlichung der Hypothekeninstitute Fannie Mae und Freddie Mac wiederum könnte die Steuerzahler am Ende 300 Milliarden kosten. Die Pleite von Lehmann Brothers ist mit 613 Milliarden Dollar gar eine der größten in der Geschichte der USA. Und hierzulande? 500 Millionen mal eben so futsch, weil die KfW zwielichtige Geschäfte mit Lehmann Brothers gemacht hat und obendrein 300 Millionen an das längst insolvente Bankhaus überwiesen hat. Schon vorher musste die Staatskasse (und damit wir alle) für Misswirtschaft bei der IKB mit rund 2 Milliarden Euro einspringen. Und weiterhin ist nicht klar, wer vielleicht immer noch ein paar faule Kredite oder windige Transaktionen in seinem Portfolio stecken hat.
Das macht den Menschen Sorgen – zurecht. Die Banken sind ein wichtiger Wirtschaftsmotor. Sie geben Unternehmen Kredit, damit diese kurz- oder langfristig investieren und wachsen können. Fallen diese Finanzspritzen aus, weil das Vertrauen sowohl der Finanzinstitute untereinander aber auch gegenüber Kreditnehmern sinkt, gerät der Wirtschaftsmotor ins Stottern. Gerade die USA trifft die Hypothekenkrise bitter: Weil zahlreiche Bürger nun ohne Haus dafür mit großen Schulden ausgestattet sind, fallen sie wohl als Konsumenten in den nächsten Jahren aus. Die schrumpfende Binnennachfrage trifft aber nicht nur die heimische Industrie, sondern freilich auch Exportnationen wie Deutschland. Und machen die hiesigen Unternehmen weniger globales Geschäft, drohen auch hier Stellenabbau oder gar Pleiten. Das ist ein Doomsday-Szenario, ich weiß. Es muss nicht so kommen, aber es kann.
Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen? Nicht wenige sagen, es war die schier unglaubliche Gier nach Macht und Moneten, die vor allem die Investmentbanker getrieben hat. Nicht nur an der Wallstreet, auch in London oder Frankfurt. Zwischen 2002 und 2006 haben die fünf größten Investmenthäuser ihre Gewinne auf 30 Milliarden Dollar verdreifacht. Die Banker kassierten rund ein Drittel aller Unternehmensgewinne – und zahlten sich dafür Millionen-Gehälter.
Das soll jetzt keine neuerliche Neiddebatte schüren. Gute Arbeit soll belohnt werden. Aber solche astronomischen Summen, können Menschen, die über kein starkes Wertesystem und einen ausgereiften Charakter verfügen, schwer aus der Bahn werfen. „Wer gierig ist, wird Sklave eines Triebs, der den Verstand ausschaltet“, erkannte schon Sigmund Freud. Und der Gier verfällt man leicht, besonders leicht beim Glückspiel im Casino. Aber nicht viel anders ging es an den Börsen teilweise zu. Und der Effekt ist eine gefährliche Wahrnehmungsverschiebung.
Dieter Frey ist Professor für Sozialpsychologie an der Uni München und hat sich mit Gier beschäftigt. Dahinter steckt, wie er vermutet, nicht selten das Prinzip der gelernten Sorglosigkeit. Im Kleinen geht das so: Erst klaut einer ein paar Kugelschreiber, dann nimmt er Druckerpatronen mit, schließlich lässt er den ganzen Drucker mitgehen. Und weil das von Anfang an niemand merkt und keiner kontrolliert, wird der Umgang mit Firmeneigentum immer großzügiger, bis die Grenze zur Untreue überschritten ist. Diebstahl war es freilich schon bei der ersten Druckerpatrone.
Im Großen funktioniert das genauso: Erst wird mit eigenem Geld gezockt, dann mit der Oma ihr klein Häuschen, dann auf Pump. So kauften etwa die Bankhäuser den regionalen Insituten massenhaft Baudarlehen ab, schmiedeten daraus Wertpapiere und trieben damit Handel. Es waren im Grund hochspekulative Leergeschäfte, die darauf basierten, dass den Mist irgendein Ahnungsloser am Ende kauft. Das konnte, das durfte nicht gut gehen.
Hinzu kommt aber auch eine persönliche Komponente: der Neid. Spitzenverdienende Investmentbanker sehen natürlich auch den Reichtum ihrer Kollegen oder den ihrer Kunden oder Chefs und wollen auch ein Stück vom Kuchen abhaben. Erst nur eins, dann immer mehr: meine Limusine, meine Luxusyacht, mein Hubschrauber. „Wir denken selten an das, was wir haben, sondern immer nur an das, was uns fehlt“, monierte einst Arthur Schopenhauer. Alle paar Wochen einen neuen Milliardendeal einstielen, das setzt unter zerstörerischen Druck. Und je zahlreicher die Vergleichsoptionen, desto unerreichbarer werden sie – und desto unglücklicher wird der Mensch. Neid essen Seele auf.
Nach Freys Erkenntnissen steigert sich dieses Verlangen (und Versagen) in vier kleinen Schritten. Wer sich potenziell als Gier-Gefährdeten sieht, kann sie auch als eine Art Selbsttest verstehen:
Wie auch Sie sich vor diesem Selbstbetrug schützen können? Durch kritische Selbstreflexion, indem Sie sich selbst an die Kandare nehmen und sich guten Freunden anvertrauen, die Ihnen einen Spiegel vorhalten. Sie schärfen das Bewusstsein darüber, was geht und was nicht.
1. Kommentar
Daniel
21.09.08 um 15:42 Uhr
Ich denke schon, dass es Gier kombiniert mit den Vorgaben seitens der Vorstände und Aktionäre war, welche immer neue Rekordgewinne und -dividenden sehen wollten. Alleine mit der Fokussierung auf das Kerngeschäft ließ sich dies nicht mehr erreichen, weshalb dankend auf Kreditderivate zurückgegriffen wurde. Im Prinzip ist aber – besonders in den USA – meiner Meinung nach auch das billige Geld schuld, mit welchem die FED nach der Baisse 2001-2003 die Märkte geflutet hatte, und welches nun angelegt werden musste. Dieses billige Geld zeigt sich sehr deutlich im Wachstum der Geldmenge M3, welches laut der Statistik auf http://www.online-kredite.com/statistiken/geldmenge-m3.html auch in Deutschland weit oberhalb von Wirtschaftswachstum und Inflation lag.
2. Kommentar
Wolff Horbach
21.09.08 um 16:06 Uhr
Ich bin davon überzeugt, dass GIER das treibende Motiv all dieser obskuren Finanzjongleure ist. Aber nicht nur diese sind schuld, sondern auch deren Kunden, die immer noch oder immer wieder daran glauben, es ließe sich risikolos der schnelle Dollar oder Euro machen.
Und das Motiv hinter der GIER ist eine falsche Vorstellung von Glück: die Vorstellung, man müsse nur genügend Geld haben, dann wäre man glücklich. Dabei hat die Glücksforschung schon x-mal bewiesen, dass dies nicht richtig ist. Geld trägt nur soweit zum Glück bei, bis eine Grundversorgung erfüllt ist. Darüber hinaus hat Geld kaum Einfluss auf unser Glück. Im Gegenteil: Bei sehr viel Geld gibt es wieder Sorgen. Darüber, dass man es wieder verlieren könnte.
3. Kommentar
Daniel
21.09.08 um 22:27 Uhr
“…Geld trägt nur soweit zum Glück bei, bis eine Grundversorgung erfüllt ist. Darüber hinaus hat Geld kaum Einfluss auf unser Glück…”
Ein sehr schöner Spruch, dem ich nur zustimmen kann. Wer denkt, Geld macht glücklich, hat wahrscheinlich noch nie viel davon besessen. Mehr als eine Scheinglücklichkeit lässt sich damit nicht erreichen. Das ganze ist dann aber auch eine Sache des Wertesystems des jeweiligen Individuums.
4. Kommentar
Roland
22.09.08 um 16:14 Uhr
Hallo!
Hier will ich doch auch mal wieder was sagen :)
Ich habe nämlich gelesen, dass die letzten Crashs 1850, 1920 und 2000 (gerundet) gleich abliefen. Erst der Boom an der Wertpapiermärkten mit Crash, dann platzen der Immobilienblase und zuletzt eine Inflation. Wenn man genau hinsieht, fält mir persönlich eine gewisse Regelmäßigkeit auf. Vielleicht eine etwas andere Art von Konjunktur? Jedenfalls werde ich, wenn ich noch lebe, 2080 mit Aktien spekulieren ;-)
Grüße!
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