FlyawayWenn ich fliege, habe ich meistens Pech. Als wäre es nicht genug, dass ich als großer Mensch seit Jahren unter der voranschreitenden Beinfreiheitsberaubung leide, erlebe ich mit der Regelmäßigkeit von Benzinpreiserhöhungen auch noch den Horror des Boardings. Ich vermute, der Satz „Die Maschine ist jetzt zum Einstieg bereit“, enthält eine verborgene Botschaft, die im Stammhirn uralte Überlebensinstinkte aktiviert. Passagiere benehmen sich danach nicht mehr wie zivilisierte Zeitgenossen, sondern wie Wühltisch-Brigaden am Alles-muss-raus-Aktionstag. Sie drängeln, sie gängeln, sie schubsen und sind sich selbst näher als Sardinen in der Büchse.


Und fast immer steht vor mir in der Schlange so ein Manager vom Typ: Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz. Er trägt einen dunkelgrauen Zweireiher an Goldknöpfen und Louis-Vuitton-Trolley und sagt zur Stewardess: „Sonst fliech ich immer Bissnäss, aber heute musste ich gaaanz kurzfristig nach Bärlin. Also krieg ich ein Upgrade?!“ Kriegt er natürlich nicht. Bei Billigfliegern schon aus Prinzip, weil da der einzige noch real existierende Sozialismus herrscht. Bei den anderen Airlines aber auch nicht, weil da die Chefstewardess herrscht. Also übt der Mann Selbstjustiz: Er schnaubt, schreit, schwitzt, rudert mit seinen behaarten Wurstfingern durch die Luft, sabbelt auf seinen Designer-Trolley und auf die viel zu stark geschminkten Wangen der Stewardess und zieht damit die gesamte Aufmerksamkeit der Wartenden und des Bodenpersonals auf sich. Das ist peinlich und natürlich schlecht fürs Image, weshalb die Stewardess die Situation umgehend deeskaliert – das hat sie schließlich so in einem 3500-Euro-Konfliktmanagementseminar gelernt. Sie spricht ein paar freundliche Floskeln und bietet einen Kompromiss: Der Typ bekommt den Sitz am Notausgang. Klasse. Und ich bekomme Thrombose – aber mache ich deswegen so einen Aufriss? Eben.

Nun las ich in der ZEIT: Es geht auch anders. Jason Steffen, Physiker am amerikanischen Fermilab, hat per Computersimulation einen Weg gefunden, wie man 120 Passagiere eines Standardfliegers möglichst optimal, also Zeit- und Nerven sparend, in die Maschine bekommt. Heraus gekommen ist dabei das: Die Variante Alle-Mann-an-Bord und zwar so, dass sich die Reihen von vorne nach hinten füllen, ist die schlechteste: Alle blockieren sich gegenseitig, Stau ist programmiert. Die Alternative, die Reihen von hinten nach vorne zu besetzen ist auch nicht besser. Einzig die bereits praktizierte Methode, Passagiere in Blöcke einzuteilen und diese der Reihe nach einsteigen zu lassen, schafft eine Ersparnis von 34 Prozent. Aber das ist nicht der Bestfall. Der ist dann erreicht – und darauf kommen wohl nur Computer – , wenn Vorder- und Hintermann in der Warteschlange exakt zwei Reihen von einander platziert sind. Also etwa Typ A in Reihe 17, Typ B in Reihe 19, usw. Zeitersparnis: rund 80 Prozent! Aber ein enormer logistischer und kaum realistischer Aufwand für das Lounge-Personal.

Deshalb ersann Steffen eine Alternative: Zuerst steigen nur Passagiere mit geradzahligen Sitzreihen auf der linken Seite ein, dann dieselben Reihen gegenüber, danach die ungeraden Sitzreihen rechts und schließlich dieselben Gruppen links. Ersparnis gegenüber dem totalen Chaos: 57 Prozent. Hossa! Die Haken: Es setzt voraus, dass die Sitzreihen vorher exakt festgelegt werden. Außerdem löst es nicht das Stammhirn-Problem.