
„Sag mal, was ist eigentlich so besonders an Kokain?“
„Es intensiviert deine Persönlichkeit.“
„Okay, aber was, wenn du ein Arschloch bist?“
In den vergangenen Tagen wurde hier viel über Social Media geschrieben, denn das Thema beschäftigt zurzeit zahlreiche Unternehmen. Aus gutem Grund: Social Media sind ein Phänomen, das die Gesellschaft und Wirtschaft verändern wird. Die Effekte sind unabhängig davon, ob die Unternehmen mitmachen oder nicht. Geschrieben und kommentiert wird über sie, ihre Kultur und ihre Produkte so oder so. Aber: Wenn sie mitmachen, zwingen sie Social Media zu mehr Transparenz und zu mehr Präsenz. Der Prozess ist zugleich unumkehrbar.
Nur allzu oft wird die Frage, ob man Social Media nutzt oder nicht, allein unter Marketing- oder Hype-Gesichtspunkten diskutiert. Es gilt als modern, eine Facebook-Fanpage zu haben, einen oder mehrere Twitter-Accounts, Profile bei YouTube, Vimeo, Xing oder Linkedin. Wohl wahr, verkehrt ist das nicht. Aber es ist kein zwingender Grund – und schon gar nicht ist es ungefährlich.
Der obige Dialog stammt aus einem alten Sketch von Bill Cosby. Und bringt in der Tat einen interessanten Aspekt in die Diskussion: Was, wenn Social Media nicht nur den Bekanntheitsgrad verbessern, die Fundstellen im Netz, das Image als moderner Arbeitgeber – was, wenn sie vor allem verstärken, wer man wirklich ist?
Zugegeben, das ist eine rhetorische Frage. Nach über zehn Jahren im Netz, ein paar eigenen Webseiten, Foren und diversen Blogs, die ich schon betrieben habe, bin ich überzeugt davon, dass es so ist. Deshalb sind genau das die Fragen, die sich die Unternehmen zuerst stellen sollten, bevor sie sich auf voller Breite im Netz öffnen und in den Dialog mit ihren Kunden, Nutzern und Mitarbeitern in spe treten:
Unternehmen wären gut beraten, wenn sie sich selbstkritisch prüfen würden, ob sie für Social Media schon reif genug sind. So ist mir etwa ein Fall bekannt, bei dem sich ein großer deutscher Konzern einerseits vorbildlich für die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter nach sozialer Vernetzung öffnet, ihnen gestattet zu twittern und zu facebooken. Gleichzeitig versucht die Kommunikationsabteilung weiterhin jede Aussage gegenüber der Presse zu zensieren und im Windkanal solange zu optimieren, bis jede kantige (aber authentische) Aussage bis zur Unkenntlichkeit rundgeschliffen und weichgespült ist. Das kann nicht gut gehen. Entweder werden die Chefkommunikatoren ihren Status aufgeben und akzeptieren müssen, dass dezentrale Dialoge nicht länger steuerbar sind. Oder aber die moderne Öffnung ins Mitmachnetz wird als das enttarnt werden, was sie ist: ein Marketing-Gag, eine Farce.

Die obigen Fragen sollten sich freilich nicht nur Unternehmen stellen, sondern ebenso jene, die persönlich in den Weiten des Webs nach Aufmerksamkeit, Anerkennung, einem Broterwerb und Ruhm streben. “Social Media sind das Kokain der Kommunikation”, sagt auch Mirko Lange. Sie können regelrecht abhängig machen – sie verstärken aber auch den vorhandenen Charakter und machen ihn für jedermann transparent. Sich im Internet dauerhaft zu verstellen, gelingt nicht. Früher oder später offenbart sich die wahre Natur.
Das Fatale daran: Im Netz ist das dann nicht nur eine Momentaufnahme, ein peinlicher Ausrutscher. Es bleibt eine Dokumentation des Selbst – eine, die in den virtuellen Archiven noch lange gespeichert und abrufbar bleibt. Blöd, wenn dabei offenbar wird, dass man ein Arschloch ist.
1. Kommentar
Hannes
05.04.10 um 16:36 Uhr
Die umfassende Verwendung von Social-Media zu Marketingzwecken wird auch durch Gary Vaynerchuk (Gruender von http://www.winelibrary.com) in folgendem Vortrag beschworen:
TED Talks | Best of the Web
Gary Vaynerchuk: Do what you love (no excuses!)
http://bit.ly/9tsXOV
Apropos Koksikoks: ich will ja nicht mutmassen, der kommt aber ganz schoen duracell-haeschenmaessig rueber ;) Dennoch sehr inspirierend:
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