Manager und Angst? Die Kombination gilt in Führungsetagen als undenkbar, geradezu unaussprechlich: Wer führt, der fürchtet nicht, so der interne Imperativ in den meisten Unternehmen. Hier gilt Erfolg als Resultat aus Kühnheit, Weitsicht und Überzeugungskraft. Wer Karriere macht, kann folglich keine Angst haben. Und Manager sowieso nicht. Schon aus Prinzip.

Viele Unternehmensberater und Personalchefs mühen sich nach Kräften, dieses Bild zu unterstreichen. Ihr Credo: Deutschlands Chefetagen sind angstfreie Zonen. Denn Führungskräfte scheuen weder Ringen noch Risiko; alles Ungewisse ist für sie eine Herausforderung, jedes Wagnis zugleich eine Chance. Kurz: Manager sind mutige Macher. Wankelmütige, Zauderer und notorische Pessimisten haben hier keinen Platz.

Soweit die Theorie. Die Realität sieht anders aus: Tatsächlich hat Deutschlands Führungselite mehr Ängste, als sie zugibt – heute mehr denn je. Angst vor Jobverlust, Angst vor Machtverlust, Angst zu versagen, Angst vor Insolvenz. Statt mutiger Macher finden sich in Deutschlands Toppositionen häufig nur furchtsame Führer.

Chefs sind es gewohnt, Situationen kontrollieren zu können. Sobald aber Bedingungen auftreten, die durch eigenes Eingreifen nicht zu verändern sind, bekommen es viele mit der Angst zu tun. Das Gros reagiert defensiv und betreibt Bauch-Management. Rund 60 Prozent der Topmanager treffen ihre Entscheidungen häufig ohne davon überzeugt zu sein, ergab eine weltweite Studie des amerikanischen Datenbankspezialisten Informix Corp. unter 1500 Managern. Nur zugeben kann das keiner. Das Thema Angst ist eines der am stärksten tabuisierten in den Führungsetagen. Sicher auch deswegen, weil dort 90 Prozent Männer sitzen, die das Thema ebenso privat verdrängen.

Trotzdem bleibt das nicht ohne Folgen: Nicht wenige Betroffene greifen deshalb zu Drogen, Doping oder zur Flasche. Mehr noch: Wenn sich Konzernlenker vornehmlich auf Risikominimierung und Machterhaltung konzentrieren, werden meist mutige Entscheidungen aufgeschoben und wichtige innovative Entwicklungen verschlafen. Eine Aufbruchstimmung, die zu echten Innovationen führt, kann so freilich nicht aufkommen. Deshalb heute eine Typologie der schlimmsten Cheftypen:

Der Kontrolleur

Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle oft besser.
Typ: Auf Überraschungen oder Kontrollverlust reagiert er mit Panik. Deshalb reißt er alle Kompetenzen an sich, bevor ihm die Dinge entgleiten können. Er ist weder willens noch in der Lage, zu delegieren erstickt allerdings dafür in Arbeit. Lieber plant er alles bis ins Detail als eine Fußangel zu übersehen. Kontrolleure sind häufig kontaktscheu und schirmen sich gerne ab.
Ausreden: “Wir haben noch nicht alle Eventualitäten geprüft.” “Diese Studie belegt aber etwas anderes…”
Führungsstil: Gewissenhaft-korrekt bis zwanghaft-pedantisch. Mitarbeiter werden regelmäßig zum Rapport bestellt. Zwischenberichte, Kontrollbögen und Durchschläge sind ein Muß. Seine Kontrollsucht kaschiert er gern mit einem hohen Qualitätsanspruch. In der Konsequenz duldet er weder Fehler noch Ungehorsam. Auf Mitarbeiter wirkt er meist kleinkariert und unnahbar. Bekommt er ein schlechtes Gewissen, fraternisiert er abends mit den Kollegen in der Kneipe und buhlt um Gegenliebe.

Der Blender

Motto: Mehr Schein als Sein.
Typ: Vordergründig hat er alles im Griff. Er gibt vor, alles zu können, macht sich aber selbst nie die Hände schmutzig. Für ihn zählt nur der kurzfristige Erfolg, durch den er glänzen kann. Tatsächlich steckt hinter seinen Entscheidungen nur selten Substanz und noch weniger Vision.
Ausreden: “Alles kein Problem.” “Ich hab’s doch gleich gesagt.”
Führungsstil: Extrem schwankende Launen und Meinungen, viel Lärm um nichts. Sein Saubermann-Image ist sein größter Schutzschild. Wer daran kratzt, bekommt Ärger. Umgekehrt schwimmt er meist mit der Mehrheit, hält sich aber für alle Fälle eine Hintertür offen. Wenn er mit anderer Leute Emotionen umgehen muß, ist er hilflos.

Der Überforderte

Motto: Der Zweite ist schon der erste Verlierer.
Typ: Immer hektisch und nervös. Er kennt seine Grenzen, kann sie aber nicht akzeptieren. Konkurrenzdenken bestimmt sein Handeln, wobei er sich selbst stets als Verlierer wähnt. Bekommt er seine Erfolgsdosis nicht im Job, holt er sie sich woanders. Reicht auch das nicht, betäubt er seinen Frust mit Alkohol, Tabletten oder Drogen.
Ausreden: “Heute ist einfach nicht mein Tag.” “Wenn ich nicht wäre…”
Führungsstil: Verständnisvoll-fair bis laisser-faire. Er neigt zur Kumpanei, weil er das Gefühl braucht, anerkannt zu sein. Da er versucht, es allen recht zu machen, wirkt seine Arbeitsweise oft unkoordiniert und willkürlich. Das unterspült jedoch seine Akzeptanz die Angstspirale beginnt.

Der Zaghafte

Motto: Wer nichts wagt, der nichts verliert.
Typ: Riskante Manöver lösen bei ihm sofort einen Fluchtimpuls aus. Experimenten geht er konsequent aus dem Weg. Um bei dieser Haltung auf Dauer nicht aufzufallen, sucht der Zaghafte gern Deckung hinter anderen hinter Vorgesetzten, hinter Mitarbeitern, hinter Betriebsvereinbarungen.
Ausreden: “Ich wollte das ja auch nicht, aber der Vorstand bestand darauf.” “Wir haben das im Team mehrfach besprochen, und die Fakten sprachen damals dafür.”
Führungsstil: Offiziell partizipativ. Hintenherum neigt er jedoch zum Fahrradfahren: oben buckeln, unten treten. Mit häufigen Teamsitzungen, Meetings oder Workshops versucht der Zaghafte seinen Mangel an Entschlossenheit zu verdecken. In manchen Fällen verdichten sich seine Vermeidungsstrategien gar zu handfesten Zwängen: Schuld sind immer die anderen. Statt Argumenten werden Prinzipien, Handbücher oder Leitlinien zur Erklärung zitiert.

Der Leugner

Motto: Was nicht sein darf, kann auch nicht sein.
Typ: Angst ist ein Zeichen von Schwäche, und die hat ein Manager nicht. Angstsymptome oder Herzinfarkte trägt er wie Orden vor sich her. Härte und Gefühlskälte stilisiert er zum Managerideal herauf. Sich selbst sieht er gerne als Märtyrer des eigenen Erfolgs.
Ausreden: “Die anderen sind doch alle Weicheier oder inkompetent.” “Wer ist hier der Boß?!”
Führungsstil: Autoritär bis aggressiv. Weil er selbst qua definitionem keine Schwächen haben kann, sieht er diese um so besser bei anderen. Sein Credo: Angriff ist die beste Verteidigung. Er baut bewußt Hierarchien auf, um sich von den Mitarbeitern zu distanzieren. Der Mangel an mündigen Mitarbeitern wird von ihm zwar ständig beklagt, de facto sind sie aber unerwünscht. Seine größte Sorge sind Machtverlust und potentielle Cäsarenmörder.

Na, schon Ihren Chef darunter erkant?!