Es ist eine dieser ebenso amüsanten wie lehrreichen Anekdoten der Geschichte: Es passierte am Hofe von Maria Theresia von Österreich. Die Tafeln für den Empfang waren festlich geschmückt, die prunkvollen Kronleuchter warfen ihr Licht durch tausende Facetten, die Hofschranzen hatten sich in Brokat und Seide gehüllt, bunt, laut, schrill, die Kapelle spielte dazu. Über Stunden wurde gespeist, getrunken, geplaudert. Auch die regierende Erzherzogin amüsierte sich prächtig. Vielleicht war es das üppige Mahl, vielleicht ein plötzlicher Lachanfall, doch in jenem unseligen Moment entkroch der Monarchin unüberhörbar ein Furz. Schweigen. Stille. Eine ewige Sekunde. Da fiel der junge Leutnant an ihrer Seite vor ihr auf die Knie und flehte um Vergebung für dieses, sein Malheur. Die Gesellschaft merkte erleichtert auf und die Fürstin erwiderte gnädig: „Das ist schon in Ordnung, Oberleutnant.“

Man kann die Reaktionsgeschwindigkeit des jungen Offiziers, seine Kühnheit und Kreativität nur bewundern. Ebenso die Großzügigkeit der Erzherzogin. Für die damalige Zeit, die Etikette und die Usancen am Hofe war das ein Meisterstück. Chapeau! Und doch: Die Geschichte ist nicht ganz makellos. Denn der soeben beförderte Oberleutnant hat seine steile Karriere eben nicht etwa seiner Tapferkeit auf dem Felde, seinem strategischen Weitblick oder jahrelanger Dienstbeflissenheit in der Armee zu verdanken, sondern vielmehr der Gunst der Stunde und der seiner obersten Chefin, die er so galant aus einer peinlichen Situation rettete. Er ist ein Günstling – ob bewusst oder unbewusst, das weiß man nicht.

So oder so beschreibt die Anekdote aber eine klassische Erfolgsregel, die viele gerne verschweigen, weil sie irgendwie unmoralisch und unverschämt klingt und auch ein bisschen ekelig ist, deswegen aber nicht weniger wirksam: Schleimen hilft.

Das war schon immer so. Und das trifft auch heute noch zu. Auch wenn viele behaupten werden, dass freilich allenfalls nur ein sehr, sehr kleiner Teil der heutigen Karrieren auf dieser Strategie beruht, wird jeder dennoch zugeben müssen, dass er oder sie vielleicht das eine oder andere Mal freundlicher zu seinem Boss war als unbedingt erforderlich. Aus gutem Grund: „Der Schmeichelei gehen auch die Klügsten auf den Leim“, erkannte schon der französische Dramatiker Molière. Und auch rund 300 Jahre später stellte der Tiefenpsychologe Sigmund Freud noch fest, dass sich der Mensch wohl gegen Angriffe wehren könne, gegen Lob aber „machtlos“ sei.

Schleimen kann viele Formen haben: zustimmen, bekräftigen, wiederholen, was der Chef gesagt hat; dumme Ideen mit einem Lächeln oder Kopfnicken quittieren; über seine schlechten Witze mitlachen; ihm in Meetings beipflichten; seine Nähe suchen; um Bestätigung betteln; auffälliges Duzen; ihm Informationen über die Kollegen zutragen, petzen; ihn für sein Aussehen loben oder für seine Erfolge; seine Fehler kleinreden; sich mit ihm gegen Kritiker verbünden; ihn offen bewundern oder um Rat fragen. Gewiss, das alles kann auch andere Motive haben – vorauseilender Gehorsam, Loyalität, echte Bewunderung –, der Unterschied zum Schleimen ist jedoch: Letzteres transportiert so gut wie immer Botschaften, die der andere hören will und nicht, was man wirklich denkt. Es ist eine subtile Form von Opportunismus.

Dennoch wird sie nicht ohne Wirkung bleiben. Schleimen bleibt nie ohne Wirkung. Das bestätigten zum Beispiel auch die Experimente von Chad Higgins von der Universität von Washington in Seattle und dessen Kollegen Timothy Judge von der Universität von Florida in Gainesville. Bei ihren Versuchen bekamen Studenten, die Personalverantwortlichen im Bewerbungsgespräch schmeichelten, häufiger einen Job als jene, die nur für ihre Kompetenzen warben.

Letztlich hat das wohl jeder schon erlebt, dass Kollegen eben nicht aufgrund ihres Könnens, ihres Wissens oder ihrer bisherigen Leistungen befördert wurden, sondern weil eine augenscheinliche bis huldigende Nähe zum Boss pflegen.

Schleimen bleibt trotzdem eine Form von Manipulation. Und man muss sich schon fragen, was das über einen Vorgesetzten aussagt, der allzu offensichtlicher Liebedienerei erliegt – oder diese gar belohnt. Nicht wenige Manager, die Günstlinge um sich scharen, sie befördern oder zum Vorbild erheben, dokumentieren in Wahrheit nur ihre Schwäche. Es ist ein Indiz dafür, dass sie unsicher sind, womöglich längst ihrer Basis entrückt, einsam, vielleicht sogar deprimiert über ihren aktuellen Job – wenn nicht gar über ihr ganzes Leben. Ihnen fehlt das nötige Selbstvertrauen in das eigene Talent, was sie mit kollegialer Bestätigung und regelmäßiger Anerkennungssuche zu kompensieren versuchen. Der hörige Verbündete gibt ihnen dann Sicherheit, Vertrauen und emotionale Stabilität. Manche versuchen gar, mit dieser Hilfe die Sicht der anderen Kollegen zu beeinflussen. Doch auch das ist nichts weiter als eine Defensivstrategie. Schlimmstenfalls ist es sogar ein Indiz für eine ausgeprägte Neurose.

Deswegen funktioniert Schleimen auch so gut: Es gibt so viele unsichere Bosse.

Solche Chefs sind gefährlich. Einmal, weil sie Loyalität über Leistung stellen und blind werden für Kritik oder abweichende Ideen anderer. Exorbitale Innovationskraft stellt für sie eine Bedrohung dar, zeigen die Anregungen doch, dass sie nicht unfehlbar sind und auch kein Monopol auf Genialität besitzen.

Aber auch für die Schleimer ist ihre Taktik langfristig riskant. Favorit zu sein, war noch nie durchweg vorteilhaft. Hinter der Favoritin verbarg sich etwa früher die kaum freudvolle Umschreibung für eine Mätresse. Und auch im Job ist der Status Chefs Liebling so gar nicht förderlich – auch wenn es zunächst danach aussieht.

Nichts erzürnt Kollegen so sehr, wie ein Mitarbeiter, der offensichtlich bevorzugt wird. Durch ihn fühlen sie sich automatisch zurückgesetzt, geringgeschätzt, was sie mit Wut, Neid und Verstoß quittieren. Umso mehr, wenn der Betroffene die Gunst durch rektoskopische Nähe zum Boss erworben hat. Solche Liebediener vergiftet das Unternehmensklima nachhaltig. Jeder merkt: Leistung lohnt nicht, Ideen sind nicht willkommen, Widerworte sowieso nicht. Was bleibt, ist Frust, innere Kündigung und der Exodus von Talenten. In einer repräsentativen Umfrage des Hamburger Gewis-Instituts beklagten sich einmal 39 Prozent der Arbeitnehmer über Vorgesetzte, die einzelne Mitarbeiter bevorzugen. Sie fühlten sich dadurch enorm gestresst bis aggressiv.

Zudem sollte sich ein Schleimer immer bewusst sein, dass sein Status geliehen ist, womöglich sogar ermogelt. Er steht und fällt mit dem Wohlwollen seines Chefs. Ist der plötzlich anderer Meinung, ist es vorbei mit der Macht. Auf Rückhalt bei den Kollegen braucht so jemand nicht hoffen. Und wie bei jedem Klüngel besteht immer die Gefahr, dass ein Absturz des Führers die ganze Seilschaft in die Tiefe reißt.

Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist kein Aufruf zur Revolution, kein Plädoyer für Illoyalität oder Insubordination. Sondern eines für Offenheit, Ehrlichkeit und mehr Rückgrat.