Computerspiele fördern Intelligenz
Computerspielen ist - gelinde gesagt - umstritten. Assoziationen von lichtscheuen Gestalten, die tagein, tagaus Ego-Shooter spielen sind noch das Harmloseste. Aber der Ruf ist nicht gerechtfertigt. Tatsächlich gilt es als erwiesen, dass Computerspielen positive Auswirkungen haben kann. Und das gilt völlig unabhängig vom Alter; ob für Teenies, Berufstätige oder Senioren - in gesunden Dosierungen bewirkt es durchaus etwas Gutes: Denn Computerspielen steigert Ihre Produktivität...

Computerspielen: Gesund durch Spieleassoziation

Vor einigen Jahren erlitt Jane McGonigal eine schwere Gehirnerschütterung. Um den Heilungsprozess zu beschleunigen, sollte sie auf ärztliche Anweisung: nicht lesen, nicht schreiben, nicht joggen, auf Koffein verzichten und keine Videospiele spielen.

30 Tage lang befolgte die Game Designerin den Rat des Doktors - ohne Erfolg. Im Gegenteil, sie entwickelte Angstzustände, Depressionen, suizidale Tendenzen gar. Ohne positive Emotionen aber, so ihr Arzt, könne sich das Hirn nicht regenerieren. Also sagte sie sich: "Entweder bringe ich mich um oder ich verwandele das Ganze in ein Spiel." Warum? McGonigal erklärt es so:

Computerspielen: Reale Vorteile durch virtuelle Welten

  • Spiele machen optimistisch. Sie vermitteln uns das Gefühl, alles schaffen, jede Herausforderung bewältigen zu können.
  • Spiele machen neugierig. Sie sind interessant und mit Spannung fiebern wir dem nächsten Level oder dem Endgegner entgegen.
  • Spiele spornen an. Sie fördern die Selbstmotivation und das Durchhalten, auch wenn man eine Niederlage erlitten hat.
  • Spiele schaffen Sinn. Weil wir ein Ziel vor Augen haben, (virtuell) etwas aufbauen, kreieren oder erreichen wollen.

Diese Prinzipien übertrug sie ins echte Leben. Sie kreierte sozusagen ein Echtzeit-Spiel, erschuf sich ihre Superhelden-Identität, band Zwillingssschwester, Ehemann, Freunde ein, stellte ihnen und sich selbst Aufgaben, vergab Punkte. Schon wenige Tage später ging es ihr nach eigenen Angaben spürbar besser. Der Gamification-Ansatz hat ihr offenbar dabei geholfen, wieder gesund zu werden.

Mittlerweile hat sie ein ganzes Buch über ihre Erfahrungen geschrieben, hat sich auch durch unzählige Studien zum Thema Computerspiele gewühlt. Ihre Empfehlung: Computerspiele können uns helfen, mental stärker machen.

Computerspielen gegen Demenz

Computerspiele fördern Konzentration Computerspiele fördern KreativitätDen Ansatz, dass Computerspielen sowohl mental als auch körperlich fitter machen kann, verfolgt derzeit ein Hamburger Start-up.

Demenz ist aufgrund der demographischen Entwicklung ein zunehmendes Problem: gegenwärtig sind bereits 1,5 Millionen Deutsche an Demenz erkrankt - die Deutsche Alzheimer Gesellschaft rechnet bis 2050 sogar mit drei Millionen Menschen.

Das junge, interdisziplinär aufgestellte Unternehmen namens Retrobrain entwickelte bereits vier Computerspiele. Sie sollen gegen Demenz, zur Vorbeugung von Stürzen, gegen Muskelabbau bei bettlägerigen Patienten und als Reha-Maßnahme bei Schlaganfall-Patienten eingesetzt werden. In Planung ist bereits ein weiteres Spiel, extra für Parkinson-Erkrankte.

Noch wird das Ganze getestet. Der Gedanke dahinter: Nur zehn Minuten Computerspielen am Tag täglich könnten schon genügen, um Stürzen oder Demenz vorzubeugen. Alle Beteiligten sind optimistisch, immerhin werden die Forschungen von der Berliner Humboldt-Universität geleitet, von der Barmer Krankenkasse finanziert und auch am Unternehmen selbst sind die Stadt Hamburg und das Bundeswirtschaftsministerium beteiligt.

Sollten die Ergebnisse entsprechend positiv ausfallen, könnte Computerspielen in naher Zukunft eine Kassenleistung sein.

Computerspielen: Wertvolle Skills nebenbei

Aber auch wenn die Gesellschaft altert: Computerspielen ist längst nicht nur für Senioren oder Kranke.

Andrew Przybylski von der Universität Oxford und Netta Weinstein von der Universität Cardiff belegen in ihrer 2017 veröffentlichten Studie, dass das Wohlbefinden von Teenagern steigt, je mehr Zeit sie vor einem Bildschirm verbringen! Mit Bildschirm sind hier Fernseher, Smartphones, Gaming-Konsolen und Computer gleichermaßen gemeint.

Das gilt zwar nicht grenzenlos, aber bis zu einem bestimmten Punkt. Erst danach nehme das Wohlbefinden der Jugendlichen ab. Der Höhepunkt, wann das Wohlbefinden erreicht ist, hängt dabei von der Art des Bildschirms und vom jeweiligen Wochentag ab. Erreicht ist der Höhepunkt an Werktagen bei...

  • Videospielen nach einer Stunde und 40 Minuten,
  • Smartphones nach einer Stunde und 57 Minuten,
  • Filmschauen nach drei Stunden und 41 Minuten und
  • Computern nach vier Stunden und 17 Minuten.

Bis der Wohlfühlhöhepunkt kippt, dauere es am Wochenende länger, so die Forscher. Ausgewertet wurden Daten von mehr als 120.000 Jugendlichen. Diese Forschungsergebnisse mögen manch einen überraschen, da Computerspielen in den vergangenen Jahren häufig durch Negativschlagzeilen aufgefallen ist.

Aber wie bei Fakenews und diversen polarisierenden Themen ist auch bei Computerspielen festzuhalten: Häufig basieren Erziehungsempfehlungen auf Gefühlen und weniger auf empirischen Beweisen.

So kommt auch eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz (PDF) zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass weniger die Computerspiele an sich gefährdend sind. Vielmehr müssen eine Reihe von überwiegend personalen und sozialen Faktoren gegeben sein, bevor von einer Wirkung von Computerspielen auf die Person gesprochen werden könne.

Und Computerspiel ist ja nicht gleich Computerspiel, es gibt:

  • Actionspiele
  • Abenteuerspiele
  • Strategiespiele
  • Simulationen

Das heißt, dass also je nach Art auch unterschiedliche Fähigkeiten bei Ihnen gefordert werden - die Sie somit trainieren. Karrierebibel zeigt Ihnen fünf weitere Gründe, die für Videospiele sprechen...

  • Zusammenhalt

    Laut McGonigal könne man durch Synchronisation die Teamleistung verbessern. Synchronisation bedeutet in diesem Fall so viel wie: Man gleicht sich im Verhalten an, baut dadurch Vertrauen und Kameradschaftsgefühl, eine zwischenmenschliche Bindung auf.

    Das passiere zum Beispiel, wenn man ähnliche Gesichtsausdrücke zeige, sich auf die gleiche Sache konzentriere oder gleich schnell atme. Videospiele erzeugen genau diesen Effekt. Das kann auch im Büro helfen: Jeden Tag zehn Minuten zusammen Videospiele spielen. McGonigan empfiehlt das Spiel Hedgewars, das dem Strategiespiel-Klassiker Worms ähnelt.

  • Englisch

    Ein bis dato wenig beachteter Nebenaspekt von Videospielen: Sie verbessern unsere Fremdsprachenkenntnisse. Genauer: Sie verbessern unser Englisch. Schwedische Forscher der Uni Göteborg und Karlstad beobachteten dazu 76 Kinder im Alter von zehn und elf Jahren.

    Die Jungs spielten im Schnitt 11,5 Stunden pro Woche Computergames, die Mädchen nicht mal halb soviel, nur 5,1 Stunden. Dafür verbrachten die Mädels mehr Zeit (11,5 Stunden) mit Facebook und anderen Internet-Diensten, über die man viel kommuniziert, die Jungs nur acht Stunden.

    Ergebnis: Multiplayer-Online-Rollenspiele verbessern die Englischkenntisse von Kindern am meisten. "Als Spieler müssen Sie verstehen können, was gesagt wird, Sie müssen englisch lesen und interagieren, indem Sie selbst auf englisch schreiben und sprechen", sagt Studienautorin Liss Kerstin Sylvén von der Uni Göteborg. Ihre Hauptaussage: Wer regelmäßig Videospiele spielt, hat ein deutlich größeres Englischvokabular als Nicht-Zocker.

  • Kreativität

    Wer spielt, wird kreativer. Das zeigten schon vor fünf Jahren Wissenschaftler der Michigan State University in einer Studie mit rund 500 Zwölfjährigen. Die Kinder sollten ein interessantes und kreatives Bild malen, es mit einem Titel versehen und hinterher eine Geschichte darüber schreiben.

    Die Kinder, die am meisten daddelten, waren dabei deutlich einfallsreicher - völlig unabhängig, ob es sich um Jungs oder Mädchen handelte oder welches Spiel sie regelmäßig spielten. Diesen Effekt gab es nicht, wenn die Kinder "nur" Mobiltelefone, Internet und Computer im Allgemeinen genutzt hatten. Bedeutet übersetzt: Wer nur passiv konsumiert, regt seine Kreativität nicht so sehr an wie ein Aktiv-Spieler.

  • Aufmerksamkeit

    Vor allem Videospiele, in denen insgesamt ein großes Durcheinander herrscht, in denen etwa Ziele schnell ins Bild kommen und wieder verschwinden und man blitzschnell Entscheidungen treffen muss, verbessern die kognitiven Fähigkeiten eines Spielers.

    Das hätten sie so genannten Brain Games, Lernspielen, die im Grunde speziell darauf abzielen, voraus. Das schreiben die US-Wissenschaftler C. Shawn Green and Aaron R. Seitz in Policy Insights from the Behavioral and Brain Sciences. Tatsächlich seien es also wilde Actionspiele, die Konzentrationsfähigkeit und Informationsverarbeitung anregen, nicht die pädagogisch korrekten Games.

  • Taktik

    Bei Computerspielen wird zwischen zwei Arten von Strategiespielen unterschieden. Zum einen das rundenbasierte Strategiespiel, bei denen die einzelnen Spieler (wie bei dem klassischen Brettspiel) der Reihe nach spielen.

    Zum anderen gibt es das Echtzeit-Strategiespiel, bei dem die Spieler gleichzeitig spielen. Beide Arten trainieren zielführendes, gewinnbringendes, strategisches und taktisches Handeln, wobei die erste Form des Strategiespiels besonders komplex im Aufbau ist. Auch ist eine genauere Planung möglich, da die Spieler nicht unter Zeitdruck stehen.

    Das fördert Geduld, Diplomatie und Denkvermögen. Je nach inhaltlichem Schwerpunkt decken rundenbasierte Strategiespiele politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen ab.

Die häufig befürchteten negativen Effekte gibt es vor allem bei Extremspielern. Dann führen sie im schlimmsten Fall zu Suchtverhalten, Bewegungsmangel, epileptischen Anfällen und beeinflussen das Sozialverhalten negativ. Darum: Jeden Tag gemeinsam mit Kollegen oder Freunden zehn Minuten Computerspielen (oder ein bisschen mehr) - nicht zehn Stunden.

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