Ein Gastbeitrag von Florian Meyer, Online-Redakteur
Kennt eigentlich heute noch jemand das, was man mal gemeinhin einen Neintufeif-Job nannte? Ins Büro kommen, sich an den Schreibtisch setzen, seine Arbeit machen, wieder nach Hause gehen – und Feierabend? Dann ein Bierchen, der Fernseher, ein wenig Eheleben, aber nichts mehr, was mit dem Job zu tun hat? Inzwischen zerfließen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr – und Schuld ist das Internet. Okay, unter anderem das Internet.
Ein Projekt muss noch fertig werden und wir haben keine Lust mehr im muffigen Büro zu sitzen? Es ist eigentlich eh schon Feierabend? Na dann: Mailen wir uns die Unterlagen nach Hause und beenden das Projekt in Ruhe am heimischen Schreibtisch. Spätabends kommt uns noch eine brilliante Idee? Wir verwirklichen sie sofort am PC und mailen sie uns ins Büro – was wir haben, haben wir.
Sicher, nicht jeder von uns ist so gestrickt und einige wollen mit dem Schließen der Bürotür auch alles Dienstliche hinter sich halten.
Ist das ein Nachteil? Verlieren wir dadurch wertvolle Freizeit? Nein. Denn die Zeit, die wir mit Arbeit in der Freizeit verlieren, gewinnen wir mit der Zeit, die wir für Privatdinge im Büro nutzen. Wir schreiben eben nicht nur den dienstlichen Facebook-Kontakten, wir schicken nebenbei auch mal eine private E-Mail ab und viele Tausend von uns twittern in ihrer eigentlichen Arbeitszeit unverhohlen Privates (auch wenn es manchmal durchaus beruflich anmuten kann, wenn man zwitschernd über den Schreibtischnachbarn mit dem Mundgeruch und der Zuhälter-Frisur lästert).
Es ist kaum mehr als ein Jahrzehnt her, damals, als der Siegeszug des Internets begann und langsam aber sicher jeder eine eigene private E-Mail-Adresse bekam. Damals war der Aufschrei groß, was denn nun passiert in den Büros: Werden alle Angestellten zu Dauer-Privatsurfern, verbummeln sie ihre gut bezahlten Stundensätze bei eBay und web.de (YouTube gab’s damals noch nicht)?
Heute sind wir schlauer: Die Wirtschaft ist nicht kollabiert (zumindest nicht damals und nicht aus diesem Grund), die meisten konnten sich beherrschen, das Internet ist heute ein normaler Bestandteil des Lebens. Und als solcher trägt er eben das Privatleben ins Büro – und das Arbeitsleben in die Privatwelt.
Ob sich das Ganze unterm Strich ausgleicht oder nicht, wird wohl schwer rauszufinden sein. Ohnehin sind es eigentlich nur wenige Unternehmen, die ihre Mitarbeiter daran hindern, während der Arbeitszeit privat zu surfen oder das auch nur überwachen. In den meisten Firmen wird den Angestellten vertraut und die Angestellten selber gleichen das Privat-Gesurfe aus, indem sie schneller arbeiten oder eben liegen gebliebene Arbeit nach Hause mailen.
Selbst Festangestellte mit einem eigentlich klar strukturierten Bürojob bekommen so teilweise nach und nach ein Freelancer-Leben. Die dienstlichen E-Mails können genauso von zu Hause aufgerufen werden wie die privaten im Büro. Was nicht zwingend von Unterlagen in der Firma abhängig ist, kann auch noch am Wochenende fertig werden – wir haben ja die technischen Möglichkeiten dazu.
Wohin das Ganze mal führen wird, kann man wohl kaum voraussehen. Aber der klassische Feierabend ist für viele von uns schon heute nicht mehr existent. Selbst diejenigen, die sich nur hin und wieder nach Büroschluss mit Kollegen auf ein bis acht Bier treffen, reden am Ende wieder über Bürothemen und kniffeln an Firmenproblemen. Und da wir heute auch die technischen Möglichkeiten dazu haben, packen wir in der Kneipe gleich den Laptop aus, gehen gemeinsam via UMTS online und machen noch schnell gemeinsam die Präsentation fertig. Im Team mit netten Kollegen arbeitet es sich ja so viel leichter. Dass wir eigentlich um die Zeit gar nicht mehr gearbeitet hätten, kommt uns dabei gar nicht in den Sinn. Schöne neue Welt!
Über den Autor:
Florian Meyer, 26, lebt und arbeitet als Online-Redakteur in Köln. In seiner Frei- und Bürozeit twittert er als @scherzinfarkt und betreibt nach (dem offiziellen) Feierabend sein Blog. Er ist Internet-Fan, TV-Serienliebhaber und Leseratte.
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Tom
Ganz so positiv wie der Autor sieht wohl die Mehrheit der Bevölkerung diese Sache nicht. Ich muss zugeben, dass ich mit 26 ähnlich gedacht habe. Mittlerweile glaube ich allerdings, dass gerade diejenigen, die keine klaren Grenzen zwischen Beruf und Privatleben ziehen, anfälliger für Burnout sind. Erst recht, wenn der Job und die Freunde aus dem beruflichen Umfeld nicht das einzige Wirkungsfeld sind, sondern es auch noch Partner, Kinder, private Freunde und Eltern gibt. Ich schätze UMTS und mein Blackberry sehr, bin aber mit zunehmendem Alter dazu übergegangen, sehr strikt Beruf und Privatleben zu trennen.
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Rainer
Gehört wohl eher zu einem Twitter-Beitrag, aber
>>auch wenn es manchmal durchaus beruflich anmuten kann, wenn man zwitschernd über den Schreibtischnachbarn mit dem Mundgeruch und der Zuhälter-Frisur lästert<<
Gehört sowas getwittert? Ist das was Privates? Ich finde nicht. Denn es ist etwas Anderes, ob ich sowas hinter vorgehaltener Hand dem Bürokollegen (m/w) erzähle, oder ob ich es derart öffentlich mache, als wenn ich es auf dem Marktplatz per Zettel an einen Baum gepinnt hätte. Twitter mag für manche Leute ne lustige Sache sein wie andere social network-Geschichten auch, aber ich wünsche mir, dass die Benutzer hier ein wenig mehr den Kopf einschalten und sich über mögliche Konsequenzen bewusst werden. Solange man sich selbst entblößt, ist es die Sache jedes Einzelnen. Veröffentlicht man Meinungen über Andere, deckt die Meinungsfreiheit üble Nachrede und Verleumdung nicht mehr ab. Oder?
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