„Es gibt gesellschaftliche Veränderungen von großer Tragweite, die anfangs kaum bemerkt werden, da sie sich aus einzelnen Bevölkerungsgruppen heraus entwickeln.“ So begann Renate Köcher Ihr beachtenswertes Essay in der FAZ vom 20. August. Es ging dabei um die Interessen der jungen Leute unter 30, Basis waren Langzeitdaten des Instituts für Demoskopie Allensbach. Dabei kam heraus: Wissenschaft, Forschung, Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur – das alles interessiert die jungen Leute immer weniger. Was sie interessiert sind vielmehr Informationen rund um Computernutzung, Handy, digitale Fotografie oder Videotechnik (+72 Indexpunkte), Kosmetik- und Make-up-Tipps (+13), Modetrends (+9), Psychologie (+5) . Das Interesse an beruflicher Weiterbildung ist mindestens stabil, beruflicher Erfolg ist den Menschen bis 30 Jahre sogar wichtiger als noch vor einem Jahr.

Auf den Punkt gebracht ließe sich dieses Interessensspektrum auf einen Begriff verdichten: das ICH. Die Optimierung des Selbst spiegelt sich nicht nur in dem Wunsch technisch auf Zack, optisch attraktiv und modisch anerkannt zu sein, sondern auch in Megathemen wie Fitness, Ernährung, schöner Wohnen, Finanzoptimierung, Zeitmanagement oder Work-Life-Balance, wie sie längst die TV-Sender in diversen Formaten bedienen. So verwundert es nicht, dass auch das persönliche Coaching einen neuerlichen Boom erlebt: „Coaching als Unterstützung des Einzelnen auf den Pfaden durch die entgrenzten Marktplätze ist selbst ein Markt geworden. Es gibt Coachs für Fitness, Ernährung, Partnerschaft, Dating, Benimm-Regeln, Sex, Zeit, Hunde, Geldfragen, Kreativität, Kommunikation, Image, Stil, für Führungskräfte, Freiberufler, für Teams und Einzelpersonen, für jedefrau, jedermann“, schreibt Christian Schüle in einem ZEIT-Dossier, das den bezeichnenden Titel trägt: „Das gecoachte Ich“.

Wer sich heute coachen lässt, wird nicht länger als Verlierer verachtet oder als Mensch mit Defiziten denunziert. Denn letztlich sind wir alle so: „Die neue ökonomische Realität hat eine neue Figur hervorgebracht, die [der US-Soziologe] Richard Sennett den ‚getriebenen Menschen’ nennt. Für den französischen Soziologen Alain Ehrenberg ist die psychologische Befindlichkeit diese Menschen das ‚erschöpfte Selbst’“, schreibt Schüle weiter. Weil die Wirtschaftswelt schneller und rauer geworden ist, ist auch die sogenannte Halbwertzeit von Können und Wissen bei vielen längst ins Bewusstsein gerückt. Und dort mutiert sie meist zur Bedrohung, denn sie nötigt den Einzelnen zu zunehmender Eigenverantwortung: Wer sich nicht kümmert, ist an seinem Scheitern selber schuld. Das Tragische daran: Beseelt vom ständigen Bedürfnis ein besserer Mensch zu werden, bleiben wir zugleich behaftet als Menschen in permanenter Not – halbwertig, mangelhaft.

Wer zum Coach geht, tut immerhin etwas dagegen, wird aktiv und schmiedet – unterstützt – sein eigenes Glück. Er drückt damit aus, dass er sich selbst optimieren möchte und dafür bereit ist, entsprechende Kraft und Mittel zu investieren. Und falls der Arbeitgeber gar den Coach bezahlt, dann heißt das nichts weniger als: Wir wertschätzen dich! Aber wir glauben, das kannst du noch besser! Worin freilich ein subtiler Betrug liegt, weil allenfalls der Weg das Ziel sein kann. Wirklich perfekt wird man ja nie.

Mit intimen Geständnissen auf der Couch hat Coaching jedoch herzlich wenig zu tun. Der Coach ist eher eine Art Trainer (im Sport heißt der bezeichnenderweise ja auch zunehmend „Coach“), der seinem Gegenüber, dem Coachee, dabei hilft, das Beste aus sich herauszuholen – wenn es sein muss, auch schonungslos ehrlich. Allerdings kann der Coach dabei nur vorhandene Begabungen wecken, Impulse geben, auf Verbesserungen in der Praxis hinarbeiten. Aus einem verschlossenen Eigenbrödler eine Rampensau machen, kann er nicht. Er trainiert auch nicht neue Fähigkeiten ein oder prüft diese ab. Ebenso wenig kann er die Arbeit eines Psychotherapeuten ersetzen. Kindheitstraumata, Angstzustände, Depressionen, Sucht oder die Behandlung eines Burnouts sind nicht sein Einsatzgebiet und sollte ihm ohne entsprechende Ausbildung auch nicht überlassen werden.

Ein sinnvolles Coaching entwickelt sich vielmehr zu einem Dialog auf Augenhöhe, bei dem der Coach, fragt, nachhakt und genau hinhört. Er gibt weniger eigene Lösungs-Ratschläge vor, sondern lässt sie seinen Coachee selber finden. Kurzum: Es geht darum, herauszufinden, was der Coachee wirklich will. Typische Fragen sind: Wo stehst du jetzt? Wo willst du in einem halben Jahr sein? Wie willst du dorthin kommen?

Die Gefahr, an einen falschen Fragensteller zu geraten, ist jedoch groß. Der Coaching-Markt ist unübersichtlich, atomisiert und ein Biotop für Scharlatane und Trittbrettfahrer. „Coach“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Von den rund 40.000 hierzulande firmierenden Coaches haben nach Einschätzung von Marktbeobachtern gerade einmal 3500 eine qualifizierte Ausbildung. Und manche Zertifikate, mit denen sich einige schmücken, stammen teils von ominösen Ausbildern, teils von fragwürdigen Verbänden. Während es in anderen europäischen Ländern nur eine Berufsvereinigung von Coaches gibt, sind es in Deutschland nahezu 20, die zum Teil nur dem Ego ihrer Vorsitzenden dienen. Andere Freiberufler schließen sich zu reinen Marketing-Netzwerken zusammen und hübschen ihre Leistungen zu seltsamen Bindestrich-Beratungen auf à la Top-Management-Coaching, Bewerbungs-Coaching, Anti-Stress-Coaching. Wieder andere laden zu unverbindlichen Schnuppersitzungen und stellen diese in Rechnung, falls kein Auftrag folgt. Dagegen gibt es kaum eine juristische Handhabe, weil Sie vor Gericht nur schwer nachweisen können, nicht beraten worden zu sein.

Bevor Sie sich jemandem anvertrauen, sollten Sie also seine Kompetenzen wie bisherigen Auftraggeber genau prüfen, notfalls sogar ein paar davon anrufen und deren Erfahrung mit dem Trainer erfragen. Ein guter Coach erklärt Ihnen zudem genau seine Methodik: Was kann er leisten und wie wird er vorgehen? Seien Sie misstrauisch gegenüber jedem, der vollmundige und nebulöse Versprechen macht. Achten Sie dafür umso mehr auf seine Erfahrung: Hat er selbst in der Wirtschaft, in Ihrer Branche gearbeitet? Kennt er die Probleme aus der Praxis? Zudem sollte die Chemie zwischen beiden – Coach und Coachee – stimmen. Und fixieren Sie unbedingt schriftlich seine Honorare für Einzelsitzungen!

Die können nämlich stark variieren. Die Stundensätze beginnen in der Regel bei 100 bis 200 Euro und steigen mit der Hierarchiestufe des Klienten auf bis zu 2000 Euro. Tagessätze von 800 bis 2000 Euro sind jedenfalls keine Seltenheit.

Apropos: Ich bin mir sicher, dass dieses Blog auch von einigen Coaches gelesen wird. Wie sehen Sie das? Lassen Sie sich vielleicht selbst coachen? Und falls ja, wonach wählen Trainer ihre Trainer aus? Aber auch die umgekehrte Perspektive interessiert mich: Sind Sie schon einmal gecoacht worden? Waren Sie damit zufrieden? Was würden Sie anders machen – oder genauso wieder? Schließlich wollen wir alle uns nur verbessern…